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17.7.2019

James Marshall Hendrix
Zu den 16. Lichterfelder Jazz- und Bluestagen

von Lutz Poetter

Nach seiner Geburt hieß er Jonny. Lucille brachte ihren ersten Sohn John Allen am 27. November 1942 in Seattle zur Welt. Sie war siebzehn, ihr Freund James "Al" Hendrix 22 und Soldat der US-Armee, stationiert im über 4.000 km entfernten Alabama, bevor er im Südpazifik gegen Japan kämpfen musste.

Al Hendrix war Afroamerikaner, Lucille stammte von einheimischen Cherokee und eingewanderten Iren ab. Anfangs war die junge Mutter im Armenviertel alleine für ihren Sohn zuständig, sie reichte ihn meistens in der Familie herum. Als er vier war, endete Vaters Militärdienst, Al kam nach Seattle zurück. Er gab ihm seinen richtigen Namen – James Marshall Hendrix und sein erstes Musikinstrument, eine Mundharmonika. Jimi wuchs in chaotischen Verhältnissen auf, seine junge Mutter war arm, haltlos und überfordert, sein Vater blieb viel zu lange viel zu weit weg.

Voodoo Child

In seinen Erinnerungen spricht der erwachsene Jimi Hendrix voller Verehrung von seiner Mutter und mit Hochachtung von seinem Vater. Sie habe ihm menschliche Wärme und Liebe gegeben, er lehrte ihn Respekt, Werte und Glauben. Der kleine Junge fand große Nähe bei seiner Großmutter. Sie lebte als Cherokee in einem Indianerreservat, Jimi besuchte sie oft und lange dort. Sie lehrte ihn die Natur zu lieben und erzählte ihm kraftvolle Geschichten ihres indianischen Volkes. Sie fertigte ihm traditionelle Kleidung und Schmuck an, die der Enkel stolz trug. In der Schule wurde er dafür ausgelacht. Jimi war ein linkischer Junge, traurig, scheu, in sich gekehrt, er sprach langsam und zögernd. Also wurde er als Stotterer gehänselt und zum Außenseiter gemacht. In seiner inneren Welt war Jimi allerdings ein Auserwählter, ein Glückskind, das mit seiner Handkante sogar Berge versetzen konnte – ein Voodoo Child eben.

Zuhause gab es viel Streit, Schläge und Trunkenheit. Als Jimi sechs Jahre alt war, kam sein Bruder Leon zur Welt. Zwei Jahre später trennten sich Lucille und James Al Hendrix, der Vater nahm den achtjährigen Jimi mit.

Mit dreizehn begeisterte sich der Heranwachsende für den Rock 'n Roll von Chuck Berry und den Blues von Muddy Waters, er schlich sich heimlich zu Auftritten von Elvis Presley und Little Richard. Seine eigenen Mittel waren bescheiden: Vater fand beim Aufräumen einer Garage eine Ukulele mit einer einzigen Saite. Mit vierzehn hielt Jimi seine erste richtige Gitarre in der Hand, eine gebrauchte akustische, die er dann kaum noch weg legte. Jimi gründete mit einigen Jungs aus der Nachbarschaft seine erste Schülerband, "The Velvetones". Man sah ihn nur noch mit seiner Gitarre herumlaufen, er spielte, übte, probierte ständig und überall, auch um den frühen Tod seiner Mutter zu verarbeiten. Sein Vater bemerkte das und verstand seinen Sohn: Mit fünfzehn bekam Jimi von ihm seine erste elektrische Gitarre, eine "Supro Ozark 1560S". Diese spielte er auch in seiner zweiten Jugendband "The Rocking Kings".

Experience

Wie hat der jugendliche Musiker eigentlich sein Instrument spielen gelernt? Wer konnte ihm etwas zeigen, hat er Kurse besucht? Jimi hatte zwei Handicaps: Er konnte keine Noten lesen und er war Linkshänder. Gitarren werden für Rechtshänder gebaut, auf sie sind Saitenlage, Schlagbrett und alle Bedienknöpfe an der E-Gitarre abgestimmt. Der Junge hatte seine erste Wandergitarre intuitiv anders benutzt: Er spielte die Akkorde mit der rechten Hand. Ein Gitarrenlehrer hätte ihm wohl beigebracht, dass man das Instrument anders herum halten muss. Ganz auf sich gestellt erkundete Jimi das Gitarrenspiel eigenhändig und machte seine eigenen Erfahrungen. Eine seltene sensorische Anomalie half ihm dabei: Jimi Hendrix war Synästhetiker, in seiner Wahrnehmung waren Töne mit Farben verbunden, er spielte Farben und sah Töne. Dadurch konnte er seine Musik auch aufschreiben ohne Noten, er notierte die Töne in Rot, Gelb und Blau. Zudem hatte er ein fantastisches musikalisches Gedächtnis: Er konnte einmal Gehörtes behalten und nachspielen. Seine Lust am Ausprobieren war groß, er spielte seine Gitarre in allen möglichen Positionen, auf dem Rücken, hinter dem Kopf, mit dem Daumen von oben und sogar mit den Zähnen.

Jimi war immer dabei, die Grenzen des Üblichen zu erweitern. Er übersteuerte seine Verstärker, erzeugte Rückkopplungen, experimentierte mit Verzerrern und Effektgeräten. Damit erzeugte er Töne, die so noch niemand von einem Saiteninstrument gehört hatte. Für ihn war die E-Gitarre seine zweite Stimme, kein bloßes Begleitinstrument. Er spielte sie als Rhythmus- und Sologitarre, gleichzeitig und ineinander verschlungen, während er dazu sang. Gitarre spielen – das war das Einzige, was er konnte und wollte.

Seine schulische Karriere litt darunter. Jimi schaffte zwar noch den Übergang von der Mittelschule zur High School, wegen seiner schlechten Noten flog er mit siebzehn Jahren von der Schule.

Sein Vater Al nahm ihn mit zu seiner schweren Arbeit auf dem Bau, aber das war nichts für Jimi. Er hing herum mit anderen Jugendlichen aus seinem Viertel. Polizisten erwischten ihn am Steuer eines gestohlenen Autos. Der Richter stellte ihn vor die Wahl: Gefängnis oder Armee.

James Marshall Hendrix verpflichtete sich mit achtzehn Jahren als Fallschirmspringer zu drei Jahren Militärdienst bei der 101. Luftlandedivision in Kentucky. Mit Begeisterung sprang er aus dem Flugzeug und schwebte herrlich frei zu Boden, aber der militärische Drill in Fort Campbell ödete ihn an. In seiner Freizeit spielte er wie besessen Gitarre. Am Wochenende nahm ihn ein Kamerad immer mit nach Nashville. Billy Cox spielte Bass, er trat mit seiner Band in einem Wohltätigkeitsclub auf. Jimi konnte einsteigen mit seiner Gitarre. Auch im Dienst war er in Gedanken ständig bei seiner Musik, er achtete nicht auf Befehle und Regeln. Seinen Vorgesetzten bei der U.S. Air Force fiel das übel auf, er war nie bei der Sache, hatte keine militärische Motivation. Nach dreizehn Monaten wurde Jimi entlassen, er war wieder Zivilist und fühlte sich befreit.

Mit seinem Armeefreund Billy Cox gründete Jimi Hendrix eine neue Band "The King Casuals". Zusätzlich verdiente er sich Geld als Begleitmusiker bekannter Stars: Man sah ihn in der Backline von Solomon Burke, Little Richard, The Supremes, The Isley Brothers und Otis Redding.

Mit 21 Jahren zog Jimi Hendrix in den New Yorker Stadtteil Harlem, er gewann einen Wettbewerb des Apollo Theaters. Er wurde Gitarrist bei den Isley Brothers, dann bei Curtis Knight and the Squires. Aber die Rolle als folgsamer Backline-Gitarrist befriedigte ihn nicht. 1965 gründete er die Formation "Jimmy James and the Blue Flames". Jimi war nun selber Frontmann als Sänger und Gitarrist, die Band trat auf in den Musikclubs von Greenwich Village, dem Künstlerviertel von New York. Im Mai 1966 schenkte ihm eine Freundin eine Gitarre, eine weiße Fender Stratocaster, "die Liebe seines Lebens", wie sie sagte. Jimi war 23 und hielt nun die Gitarre in der Hand, mit der er endlich das spielen konnte, was er im Kopf hatte. In seiner New Yorker Zeit wurde der Singer und Songwriter Bob Dylan sein Vorbild. Hendrix hatte immer ein Dylan-Songbook mit seiner surrealen Lyrik unter dem Arm. Jimi spielte ständig seine Hymne "Like a Rolling Stone." Später würde er auch die beste Version von "All along the Watchtower" einspielen, wie Bob Dylan neidlos zugab.

Stone free

Linda Keith aus London entdeckte Jimi Hendrix in einem New Yorker Klub, als Freundin des Rolling-Stones-Gitarristen Keith Richards hatte sie einen Blick für sein geniales Spiel. Sie machte Jimi mit LSD vertraut und brachte Musiker aus London zu seinen Auftritten. Denen wurde klar: Dieser schwarze Musikgenius muss mit seiner Gitarre nach London! Chas Chandler von den Animals nahm ihn unter Vertrag, am 23. September 1966 saß Jimi Hendrix im Flugzeug nach London Heathrow. Schnell wurde seine Band zusammengestellt "The Jimi Hendrix Experience". Hendrix jammte mit der Elite der britischen Rockgitarristen – und spielt alle an die Wand. Jeff Beck gab zu: "Hendrix spielte genau, was ich wollte. Ich konnte es bloß nicht." Und Eric Clapton, der als Gitarrengott galt, verließ nach einer spontanen Session mit Hendrix schockiert die Bühne: Er hatte blass ausgesehen neben ihm.

Erste Singles machten Hendrix bekannt: "Hey Joe" und "Purple Haze" erklommen die Charts. Jimi befreite den Blues drastisch und humorvoll von der ewigen Resignation: Joe erschießt die Frau, die ihn betrogen hat und flieht für immer nach Mexiko. "Red House" erzählt davon, dass Jimi seine bisherige Freundin nicht mehr antrifft. Er tröstet sich einfach mit ihrer Schwester. Dabei nimmt Hendrix die Erfahrung der Liebe durchaus ernst, er kennt ihren zauberhaften Schleier, den purple haze, er verehrt Frauen und wird von ihnen verehrt. Aber er bewahrt seine Unabhängigkeit, er bindet sein Schicksal nicht an eine Beziehung: Hendrix bleibt "stone free".

Der Rest ist Musikgeschichte der späten 60er Jahre im grellen Licht der Weltöffentlichkeit, vor allem in Europa und in den USA: Jimi Hendrix als Idol und Heros, seine großartigen Langspielplatten, seine legendären Auftritte auf den Festivals in Monterey, Woodstock, Filmore East, Isle of Wight, sein Zusammenbruch in Dänemark, letzter Triumpf auf Fehmarn. Seine Lichtgestalt auf der Bühne, der Gehetzte davor und danach. Drogen, Aufputschmittel und Barbiturate wurden seine ständigen Begleiter. Er starb plötzlich mit 27 Jahren in London, als er sich bei den Schlafmitteln vergriff: Er nahm neun, dabei hätte eine Tablette gereicht. Er erstickte im Schlaf. Bei allen Mythen und Huldigungen: Jimi Hendrix war, ist und bleibt einer der größten Musiker aller Zeiten.

Lutz Poetter

Alle Fotos: Wikipedia

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