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18.3.2019

Begegnungen mit Michelangelo
Vor 450 Jahren starb Michelangelo

von Torsten Lüdtke

Michelangelos Pietà im Petersdom

Michelangelo Buonarroti – Da ist wohl niemand, der bei der Nennung dieses Namens nicht an die große Künstlerpersönlichkeit der Renaissance denkt und mit ihm auch ein bestimmtes Bild verbindet. aAls Michelangelo vor 450 Jahren, am 18. Februar 1564, starb, gehörte er längst zu den berühmtesten Künstlern Italiens. Vasari nahm seine Lebensbeschreibung in die ebenso berühmten "Vite" auf. Seit dieser Zeit sind ungezählte Werke zum Schaffen und dem Leben Michelangelos erschienen. Erscheint es nicht so, als wäre alles im Leben und Wirken des Künstlers klar und bekannt? –

Wie also des bedeutenden Florentiners gedenken und sich seinen Werken nähern? Während ich nachsinne, werden mir verschiedene Begegnungen mit den Kunstwerken Michelangelos bewusst, in denen mir nicht zuletzt auch der Künstler, der diese Werke schuf, selbst begegnet… –

Rom, Februar 2002. Ein warmer, frühlingshafter Tag geht zu Ende. Der kolonnadenumstandene Petersplatz liegt im Licht der untergehenden Sonne; ein rosiger Schimmer überzieht die monumentalen Säulen der steinernen Fassade und die mächtige Kuppel. Es ist noch nicht spät, mit raschen Schritten überquere ich den Platz und betrete durch die Porta dei Sacramenti das Innere der Peterskirche, denn ich möchte die unweit des Einganges stehende Pietà Michelangelos sehen. Ich habe Glück, nur wenige Besucher befinden sich in der ersten Seitenkapelle; so bin ich fast allein mit dem Kunstwerk, das seit einem Attentat 1972 hinter einer Panzerglaswand steht. Wahrlich, die Gruppe aus feinstem weissem Marmor verdient das Urteil, das ihr der große Renaissance-Biograph Giorgio Vasari sprach: "Kein Bildhauer oder sonstiger noch so außergewöhnlicher Künstler darf auch nur daran denken, in der Darstellung oder an Anmut zu erreichen, was Michelangelo hier geleistet hat".

Anmutig und jugendlich, kaum älter als ihr lebensgroß gestalteter, toter Sohn, erscheint Maria in diesem Vesperbild aus Marmor; ein schmerzlicher, ernster Zug um die vollen Lippen verrät den stillen Schmerz der Mutter – und der ganzen Welt. Alle bis dahin in Rom bekannten Marmorkunstwerke sollte das Werk des jungen, noch unbedeutenden Künstlers, der bei Domenico Ghirlandaio und in der Bildhauereischule des Bertoldo di Giovanni zu Florenz gelernt hat, an Schönheit übertreffen, so wollte es der Kontrakt, den Michelangelo und der französische Kardinal Jean Bilhères de Lagraulas – Abt von Saint Denis und Botschafter Karls VIII. beim Vatikan – im Jahr 1497 schlossen. Unmittelbar nach dem Auftrag des Kardinals beginnt der Künstler das Werk: Im Steinbruch von Carrara sucht er persönlich einen reinweißen Marmorblock ausund er begleitet auch den Transport des Steins von der Toscana nach Rom. Noch während der Arbeiten an der Pietà stirbt der Kardinal am 6. August 1498. Um die Vollendung der Skulptur durch Michelangelo, der nur eine Vorauszahlung für das Werk erhalten hat, sicher zu stellen, wird im August 1498 ein Vertrag aufgesetzt, der die Abmachung zwischen Michelangelo und dem Kardinal schriftlich festhält: Michelangelo soll eine lebensgroße Statue schaffen, "eine Pietà aus Marmor, das heißt die bekleidete Jungfrau Maria mit dem toten, unbekleideten Christus im Arm." In dem bis heute erhaltenen Vertrag findet sich auch die schon erwähnte Forderung, dass die Gruppe "alle bis dahin in Rom bekannten Marmorkunstwerke an Schönheit übertreffen" solle. Innerhalb eines Jahres sollte – so der Vertrag – die Pietà vollendet werden, die den Ruhm Michelangelos als Bildhauer begründete. 1499 oder 1500 wird die Figur in einer Kapelle der Kirche Santa Petronilla, beim Grabmal des Kardinals, aufgestellt. Als einziges Werk im Œuvre Michelangelos ist es mit seinem Namen signiert; die Legende erzählt, dass der selbstbewusste junge Künstler – Michelangelo war zu diesem Zeitpunkt 24 oder 25 Jahre alt – nachträglich und angeblich heimlich bei Nacht, in die diagonal über Marias Brust verlaufende, schmale Schärpe seine Signatur MICHEL.A[N]GELVS BONAROTVS FLORENT[INVS] FACIEBA[T] (d.i. "Michelangelo Buonarroti aus Florenz [hat dies] angefertigt") gemeisselt habe. Ob der junge Künstler damit – wie Vasari erzählt – den ungläubigen Betrachtern aus der Lombardei, die die Statue dem bekannten Mailander Künstler Cristoforo Solari zuschrieben, den wahren Schöpfer des Kunstwerkes nennen wollte, muss dahingestellt bleiben. Sicher ist jedoch, dass der noch unbekannte Michelangelo selbst die Pietà als ein außergewöhnliches Werk angesehen hat und er sich der Bedeutung des Werkes für seine eigene Reputation als Künstler bewusst war.

Das große Deckenfresko und Michelangelos Jüngstes Gericht in der Sixtinische Kapelle zu sehen, aber auch die einzigartigen Fresken Peruginos, Botticellis, Ghirlandaios und Rossellis zu betrachten, war der Grund, der mich einige Tage später in die Cappella Sistina führte. Bedauerlicherweise befanden sich in der Sistina bereits mehrere hundert Romreisende – vornehmlich aus Amerika und Fernost –, die den berühmten 'Fingerzeig Gottes', die Schöpfung Adams (im Zentrum des Deckenfreskos) besichtigen – und vor allem mit Blitzlicht fotografieren – wollten. Für eine eingehende Betrachtung des großartigen Kunstwerks fehlte es dann doch an der notwendigen Ruhe …

Florenz, Juli 1993. Glühende Hitze liegt über der Piazza di Madonna degli Aldobrandini. Es ist Mittagszeit und so dringen aus einer nahegelegenen Trattoria die leisen Geräusche von Gläsern Geschirr, und Besteck. Direkt vor meinen Augen liegt der Eingang zu den Cappelle Medicee. Es stellt sich mir die Frage: Zu Mittag essen gehen oder die Medici-Kapellen besuchen? Habe ich in Florenz nicht schon viel gesehen? Ich denke an den starken Eindruck, den der Dom und Brunelleschis Kuppel, die Kunstwerke in Santa Maria Novella und Santa Croce, der machtvolle Palazzo Vecchio, die Kunstwerke der Uffizien und die Galleria dell' Accademia mit dem David Michelangelos bei mir hinterlassen haben. Nach diesen Überlegungen und einigem Zögern entscheide ich mich schließlich dafür, die Trattoria rechts liegen zu lassen und die Kapellen mit den Medici-Gräbern zu besuchen. Als ich die 1604 begonnene Cappella dei Principi (Fürstenkapelle), einen von Matteo Nigetti erbauten, riesigen Kuppelbau betrete, kommt mir ein angenehm kühler Luftstrom entgegen. Verwaist ist der prächtig marmorgeschmückte Innenraum, von dem aus ich die berühmte Neue Sakristei betrete, die ich ganz für mich habe. Kein Besucher, keine Aufsicht stört meine Betrachtung. Überwältigt blicke ich auf die Grabmäler für Lorenzo II. und für Giuliano II. de' Medici, die nahezu die gesamten Längswände der kuppelüberwölbten Neuen Sakristei, die Proportionen der alten Sakristei Brunelleschis aufnimmt, einnehmen. Dabei sollte ab dem Jahr 1520 nicht nur für Lorenzo, den Herzog von Urbino und Giuliano, den Herzog von Nemours, ein Grabmal entstehen, sondern es war zweier Mitglieder der Familie Medici – des Kardinals Giovanni de Medici (des späteren Papstes Leo X.) und des Kardinals Giulio de Medici (des späteren Papstes Clemens VII.) – eine Memorialstätte für (wenigstens) zwei weitere Familienmitglieder in dem 1524 vollendeten Bau geplant: So sollten auch Lorenzo il Magnifico und sein Bruder Giuliano prächtige Grabdenkmale erhalten. Die folgenden neun Jahre arbeitet Michelangelo am Skulpturenschmuck des Raumes, in dem Bildhauerkunst und Architektur zu einer vollendeten Einheit verschmelzen, doch werden von den vier geplanten Grabdenkmalen und dem reichen Skulpturenschmuck lediglich die Statuen des Herzogs von Urbino und des Herzogs von Nemours, und die zwei dazugehörenden, figurenbesetzten Sarkophage sowie eine Madonna mit dem Kind realisiert. Über die Symbolik der allegorischen Figuren – Morgenröte und Abenddämmerung, Tag und Nacht – ist viel gerätselt worden; doch spiegeln sich wohl in den Figuren Michelangelos philosophische Auffassungen, wie auch eine tiefe Frömmigkeit wider.

Neben den Medici-Kapellen gehört auch die Biblioteca Medicea Laurenziana zum Gebäudekomplex von San Lorenzo. Wieder ist es Kardinal Giulio de' Medici, der 1523als Erzbischof von Florenz Michelangelo beauftragt, eine Bibliothek für die berühmte Bücher- und Manuskriptsammlung Cosimos und Lorenzos de' Medici am Kreuzgang von San Lorenzo zu errichten. Als Architekt löst Michelangelo die ihm gestellte Aufgabe souverän, und so zeigen das Treppenhaus und der Lesesaal die klassischen Formen der Florentiner Hochrenaissance. Obgleich Michelangelo 1534 Florenz endgültig verlässt, wird die Laurenziana nach seinem Entwurf und 1571 von Giorgio Vasari und Bartolomeo Ammanati, denen er von Rom aus an immer wieder Anweisungen sendet, unter schwierigen äußeren und finanziellen Bedingungen vollendet.

Heidelberg, September 1998. Langsam bummle ich, von der Neuen Universität kommend, die Hauptstraße entlang. Am Schaufenster eines Antiquariates bleibe ich stehen und beobachte einen Mitarbeiter dabei, wie er neue Bücher in der Auslage aufstellt. Einer der Bände weckt mein Interesse; ich betrete das Antiquariat und lasse mir den Band aus dem Fenster bringen. "Michelangiolo Buonarroti, Dichtungen" steht auf dem Rücken des in Pergament gebundenen Bandes. Ich schlage das Buch auf. Auf der Titelseite, die als Holzschnitt ausgeführt ist, sehe ich im Zentrum eine Figurengruppe, die mich an das bekannte Bild des Kampfes Jakobs mit dem Engel erinnert. Für mäßiges Geld erstehe ich das 1922 bei Diederichs in Jena erschiene und von Heinrich Nelson herausgegebene Buch. Bei der Lektüre entdecke ich eine völlig neue Façette der Künstlerpersönlichkeit Michelangelos: Ich lerne – nach dem Bildhauer, dem Maler, dem Architekten – nun Michelangelo, den Dichter kennen. Und ich lerne auch, dass der Künstler, der uns als Michelangelo vertraut ist, seine Briefe und Gedichte selbst mit "Michelagniolo" unterzeichnete. Michelangelos Dichtungen selbst sind äußerst vielfältig; sie zeugen von einer grossen Vertrautheit mit biblischen und antiken Stoffen, wie auch von der Kenntnis mit der zeitgenössischen Literatur, wie den Werken Petrarcas und Dantes. Besonders Dante, dessen Göttliche Komödie Michelangelo wohl zu großen Teilen auswendig wusste, gehört genauso zu den Adressaten seiner Sonette und Madrigale wie die Großen der florentinischen römischen Gesellschaft. Doch sind dies nicht die einzigen Themenkreise Themenkreise in der Dichtung Michelangelos; unter den Dichtungen nimmt auch die Klage über die Vergänglichkeit der Welt und das Lob der Beständigkeit der Kunst einen weiten Raum ein. Ein Vittoria Colonna gewidmetes Sonett, das nahezu alle Aspekte in den Dichtungen Michelangelos in nuce vereint, soll am Ende meiner Begegnungen mit Michelangelo stehen:

Was auch des größten Künstlers Geist erdenkt,
Ist in des Marmors Übermaß enthalten,
Und es aus seiner Fülle zu gestalten
Vermag die Hand nur, die der Genius lenkt.
So Holde, Hehre sind in dir versenkt
Erhofftes Glück, Leid, das ich fern möcht' halten;
Doch Kunst will mich am Leben nicht erhalten,
Da sie dem Streben kein Gelingen schenkt.
An meinem Leid drum kann nicht Amor Schuld,
Nicht deine Schönheit und dein strenger Sinn,
Verschmähung, Zufall, mein Geschick nicht tragen,
Wenn du im Herzen birgst so Tod wie Huld,
Und ich, voll Glut, so ungeschickt doch bin,
Aus ihm den Tod allein herauszuschlagen.