Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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24.9.2019

Fred Blum zum 100. Geburtstag

von Lutz Poetter

Fred Hermann Blum wurde 1914 in Mannheim geboren, er wuchs in einem liberalen jüdischen Elternhaus auf. Nach der Schulzeit studierte er Gesellschaftswissenschaften. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden ihr antisemitischer Rassenwahn und ihr diktatorischer Führerkult in Deutschland bestimmend, alle Bereiche der freien demokratischen Gesellschaft wurden zerstört. Auch Fred Blum bekam die Ablehnung der braunen Ideologen zu spüren. Er erlebte den Niedergang der großartigen humanistischen Tradition deutscher Universitäten in Forschung und Lehre. Fred musste schließlich als Nichtarier die Universität verlassen. Er teilte dieses Schicksal mit vielen namhaften deutschen Professoren und Hochschullehrern. Der junge Wissenschaftler blieb aber zunächst in Deutschland und trotzte allen Widrigkeiten. Erst 1938 – im Jahr der brennenden Synagogen und der geplünderten jüdischen Geschäfte, Häuser und Einrichtungen – sah Fred Blum keine Zukunft mehr für sich im Deutschland von Hitlers Drittem Reich. Der junge Deutsche verließ mit 24 Jahren seine Heimat, er ließ seine Angehörigen zurück, emigrierte in die Vereinigten Staaten von Amerika und wurde amerikanischer Staatsbürger: Fred H. Blum.

Amerika

Zwei arbeitsintensive Jahrzehnte lagen vor ihm in der Neuen Welt. Während Deutschland die Völker Europas und der Welt in den 2. Weltkrieg steuerte, untersuchte Fred Blum Wege zu Demokratie, Freiheit, Mitbestimmung und Selbstverwirklichung. Tod und Vernichtung beherrschten die Zeit, der junge Wissenschaftler aber suchte nach Frieden, Leben, Wachstum und Entfaltung. Er lehrte Wirtschaftswissenschaften an der Howard Universität in der Hauptstadt Washington, er war Universitätsprofessor im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften in den Staaten Michigan und Minnesota. Der amerikanische Senat berief Fred Blum zum Berater des Komitees für Arbeit und Wohlfahrt. Er arbeitete auch als Consultant für den jungen Senator John F. Kennedy. Professor Blum leitete verschiedene soziologische und psychosoziale Forschungsprojekte. Er erforschte und beschrieb, wie sich die Arbeitsbedingungen in der Industrie auf das gesellschaftliche Leben der Individuen und der Gemeinschaft auswirken und wie Arbeiter gerecht in Betrieb und Gesellschaft teilhaben können: Toward a Democratic Work Process – Der Weg zum demokratischen Arbeitsprozess

Auschwitz

Nach Kriegsende 1945 stand Fred im Konzentrationslager Auschwitz an der Stelle, wo seine Eltern vergast und verbrannt worden waren. Der Sohn empfand dort einen Ozean von Trauer und Dunkelheit. Aber gleichzeitig hatte er eine Erleuchtung: Einzig der Jude Jesus konnte ihm helfen, das unermessliche Leiden und die absolute Finsternis ins Licht zu bringen, wo sie verwandelt werden können. Diese Suche nach Transformation wurde seine Lebensaufgabe.

In den USA fühlte sich Fred Blum zur Religionsgemeinschaft der Quäker hingezogen. Ihre stille Art des gemeinschaftlichen Gebets ohne Liturgie und Predigt entsprach seiner Vorstellung vom rechten Gottesdienst.

Indien

Eine große Faszination übte der indische Freiheitskämpfer Gandhi auf Fred Blum aus. Sein gewaltloser Widerstand gegen die Unterdrückung der Menschenrechte, sein radikales Eintreten für Freiheit, Frieden und Selbstbestimmung wurde für den deutsch-amerikanischen Soziologen zur Inspiration und zum lebenslangen Forschungsthema. Fred reiste mehrfach nach Indien, um Weggefährten des Mahatma zu treffen und Interviews zu führen. Er besuchte Orte seiner Bewegung und meditierte in indischen Klöstern, um den Geist seines spirituellen Hinduismus zu erfahren. Fred baute eine große Bibliothek mit Gandhis Schriften auf.

England

1959 endete Fred Blums Aufenthalt in den Vereinigten Staaten, er kehrte mit seiner Familie nach Europa zurück. Englische Quäker hatten ihn eingeladen, ein neues Projekt zu leiten: Die Fabrikanten Scott und Bader wollten ihr Unternehmen in Wollaston an ihre Arbeiter als Miteigentümer übergeben. Professor Blum sollte diesen Prozess koordinieren und wissenschaftlich begleiten. Was änderte sich in der Betriebsstruktur und im Verhältnis der Arbeiter zu ihrem Unternehmen? Wie wirkten sich Miteigentum und Selbstbestimmung auf den Arbeitsprozess aus? Fred Blum nahm diese Herausforderung an und zog in die Nähe von London. Er publizierte seine Ergebnisse in dem Buch Work and Community – Commonwealth and the Quest for an new Social Order.

Dadurch wurden auch in Deutschland Menschen auf ihn aufmerksam. Professor Blum war regelmäßig Gast und Referent bei der Gossner Mission, bei Gewerkschaftskongressen und beim Kasteller Konvent. "Friede, Bruderschaft und organisierte Gesellschaft", "Zukunft in Betrieb und Gesellschaft", "Macht von unten" – so lauteten seine Beiträge. Er traf dort auch auf junge Theologen, denen eigene Erfahrungen als Arbeiterpfarrer in der Industrie wichtig waren für ihren Dienst in der Gemeinde.

Tiefenpsychologie

Fred wandte sich in den nächsten Jahren einer neuen Aufgabe zu. Strukturen, Machtverhältnisse und Arbeitsbedingungen müssen humanisiert werden, um Wachstum und persönliche Entfaltung zu fördern. Aber auch die menschliche Seele braucht Heilung, wenn Ängste und Neurosen die Entfaltung der Persönlichkeit einengen und die Entwicklung des winzigen Ego zum wahren Selbst behindern. Fred Blum lernte zuerst die Psychoanalyse nach Sigmund Freud kennen, wandte sich dann aber der analytischen Tiefenpsychologie Carl Gustav Jungs zu. Er verband mit ihr die christliche Heilsbotschaft vom kosmischen Christus. Fred Blum arbeitete danach als Psychotherapeut in London und wurde Mitglied der Gesellschaft für Analytische Psychologie in England.

Evangelische studentengemeinde

In Berlin trafen sich Anfang der 70er Jahre zwei Theologen, die beide mit Fred Blum vertraut waren: Gerhard Altendorf und Karl-Johann Rese, der eine Studentenpfarrer an der Freien Universität in Dahlem, der andere an der Kirchlichen Hochschule in Zehlendorf. Ich begann mein Theologiestudium dort und kam zur Evangelischen Studentengemeinde und ihren beiden Pfarrern. Die ESG wurde während meines Studiums meine Heimatgemeinde. Im Winter 1973 war eine Exkursion zu Fred Blum nach London geplant. Es gab noch einen freien Platz, ich konnte mitreisen

Zuerst war ich überrascht, als wir im New Era Centre ankamen, es war eben Freds Wohnhaus in Hemel Hempstead etwas außerhalb Londons. Wir fanden alle Platz bei ihm, aber ich hatte mir so ein Centre größer vorgestellt. Ich begriff, dass dieses Zentrum einer neuen Ära kein Gebäude war, sondern Fred Blums eigene Vision und seine Lebensarbeit dafür. Es war da, wo er lebte und lehrte. Er hatte das New Era Centre in den 60er Jahren gegründet und träumte davon, eines Tages mit Gefährten und Unterstützern vielleicht eine alte Abtei als realen Ort für seine Vision zu finden.

Auch Fred Blum war anders, als ich mir einen Professor seiner Generation vorgestellt hatte: Ein Aristokrat des Geistes ohne Allüren, bescheiden, schlicht und mit sanfter Stimme. Wir alle waren sofort per du. Ich war 20 Jahre alt damals und Theologiestudent im ersten Semester, voller Fragen und Selbstzweifel. Fred gab mir das Gefühl, wichtig und ebenbürtig zu sein, er sah mich an, aber nicht auf mich herab. Er glaubte an Gaben und Möglichkeiten in mir, machte mir Mut und spornte mich an, meinen eigenen Weg zu gehen. Das Seminar bei ihm war eine Kombination aus Lehre und Übung: Er lehrte den kosmischen Christus und das wahre Selbst und führte uns ein in die Meditation vom inneren Licht. Sein eigener Tag begann vor dem Morgengrauen: Fred stand immer sehr früh auf und meditierte die ersten Stunden, bevor er frühstückte und an seine Arbeit ging. Er aß kein Fleisch, weil ihm die Tiere leid taten. Er kümmerte sich um seine Familie, besonders liebevoll um seine Frau Arna und spielte hingebungsvoll mit seiner jüngsten Tochter. Er war ein hochkomplexer Geist und dabei ein einfacher Mann.

In den folgenden Jahren war Fred mehrfach Gast der Evangelischen Studentengemeinde in Berlin. Ich war immer dabei, um ihm wieder zu begegnen und von ihm zu lernen. Er ließ sich gerne zu einem Wochenende nach Dahlem einladen und verzichtete sogar auf sein Honorar, er wollte höchstens die Reisekosten annehmen.

Die Abtei

Fred Blum vor der Abtei

1980 war ich nach meinem Studium in der Vikarsausbildung zum Pfarrer und arbeitete kurzzeitig als Industriearbeiter, ein Vierteljahr als Lackierer bei BMW im Motorradwerk Spandau. Fred Blum konnte seinen Traum in diesem Jahr wahr machen. Er hatte endlich seinen Ort gefunden für das New Era Centre: Die ehemalige Benediktinerabtei Sutton Courtney zehn Kilometer südlich von Oxford. Gemeinsam mit dem anglikanischen Bischof Stephen Verney verwandelte Fred das Bauwerk aus dem 13. Jahrhundert in eine ökumenische Begegnungsstätte und eine spirituelle Ideenschmiede für die Zukunft in Kirche und Gesellschaft.

1986 empfing Fred Blum die christliche Taufe im Alter von 72 Jahren und wurde einige Monate später als anglikanischer Pfarrer ordiniert. Er blieb dabei seiner jüdischen Herkunft treu. Fred schrieb sein letztes Buch "Depth Psychology and the Healing Ministry" – Tiefenpsychologie und Heilungsdienst. Zu Weihnachten 1989 erlitt er einen schweren Schlaganfall, der ihm die Sprache nahm. Ohne diese für ihn so wichtige Ausdrucksmöglichkeit konnte sich Fred sein Leben offenbar nicht vorstellen. Er aß nichts mehr und starb in den ersten Januartagen 1990. Ich war gemeinsam mit dem Gemeinwesenarbeiter Dietrich Grothe-Jung zum Besuch angemeldet und freute mich, Fred wieder zu sehen und zu hören. Als wir in der Abbey eintrafen, begann gerade der Trauergottesdienst an seinem Sarg. Bishop Verney schilderte Freds letzte Stunde vor seinem Tod: In einer Meditation zu zweit leuchtete das innere Licht wie die Sonne in Freds Brust.

Er ist auf dem Kirchhof seiner Abtei begraben, sein Grab liegt gleich neben der Kirchenmauer. Ich kenne nur wenig von Freds Leben. Jedoch bin ich glücklich und dankbar, dass ich Fred Blum begegnen durfte, er hat mich tief berührt. Seine Meditation vom Inneren Licht gebe ich seitdem weiter – an die Jugendlichen in meinem Konfirmandenunterricht. Mein Wunsch ist es, dass ein Vertrauter Fred Blums Lebensgeschichte sorgfältig und vollständig aufschreiben möge.

Pfarrer Lutz Poetter

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