Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Stolpersteine in der Schöppinger Straße
Erinnerungskultur

An der Schöppinger Straße 2 wurden am 22.September 2013 von der Wilmersdorfer Stolperstein-Initiative drei Stolpersteine verlegt. Das Haus Schöppinger Straße war eine leer stehende Wohnung von Hans und Susanne Ellstaetter und Treffpunkt einer kleinen Widerstandszelle – darum steht auf dem dritten Stein, bei Kurt Hansen, nicht "Hier wohnte".
Die Tochter von Hans und Susanne Ellstaetter schrieb im Dezember 2012 über das mutige Eintreten ihrer Eltern und des Freundes den folgenden Bericht.

Stolpersteine verlegt im September 2013, Foto: Bernd Meyer

Unser Vater, Hans Ellstaetter, wurde am 6. Dezember 1914 in Berlin geboren. Kurz nach der Geburt wurde er von dem jüdischen Ehepaar, Toni und Dr. Karl Ellstaetter, adoptiert und wuchs in Berlin-Grunewald, Seebergsteig 13-17 (jetzt Toni-Lessler-Strasse) auf.

Nach Besuch von Grundschule und Gymnasium wechselte er 1928 für drei Jahre in das international renommierte Internat "Le Rosey" in der französischsprachigen Schweiz. Er kehrt nach Berlin zurück und beginnt als Volontär eine kaufmännische Ausbildung in der Berliner Niederlassung von Daimler Benz.

Um 1933 herum gelang es der Familie Ellstaetter für meinen Vater und die vier Jahre jüngere Adoptiv-Halbschwester, Eva Ellstaetter, später verheiratete Poch, einen Ariernachweis zu erlangen.

Es folgt der Diensteintritt in die Deutsche Wehrmacht im Oktober 1935. Zeitweilig war unser Vater – meine jüngere Schwester Sybille wurde am 9. Juli 1941 geboren – als Teilnehmer der Legion Condor eingesetzt, eine verdeckt operierende Einheit der deutschen Wehrmacht im spanischen Bürgerkrieg (Juli 1936 bis März 1939). Dort traf er Gleichgesinnte, die auch wie er in Berlin im weiteren Verlauf im anonymen Widerstand engagiert waren. Gemeinsam trafen sie sich beim Sport im Sportverein Sportkameraden (SK) und möglicherweise auch im Grunewald Tennisclub (GTC). Im Gegensatz zum SK, von dem Urkunden und schriftliche Vereinsnachrichten belegen, dass unsere beiden Eltern aktive Clubmitglieder waren, liegen diesbezügliche Angaben vom GTC nicht vor. Wie ich erfahren habe, liegt das mit daran, dass das GTC-Clubgebäude und damit das gesamte Archivmaterial in den Kriegswirren bis auf die Grundmauern zerstört worden ist.

Susanne und Hans Elstaetter

Unser Vater hat dann beim Sport auch unsere Mutter, Susanne Kreis, geboren am 23. August 1918 als Tochter von Fritz und Antonie Kreis, kennen gelernt. Sie heirateten im April 1939 in Berlin. Unsere Mutter hatte eine abgeschlossene Schulbildung sowie eine Ausbildung an der Haushaltungsschule in Berlin-Wilmersdorf. In den Jahren 1936 bis 1939 war unsere Mutter beim Carl-Duncker-Verlag in Berlin als Bürofachfrau angestellt.

Gemeinsam mit dem Sport-Freundeskreis versuchten meine Eltern untergetauchten und von der Deportation bedrohten Juden zu helfen. Die Adoptiv-Halbschwester meines Vaters, Eva Ellstaetter, sowie ein enger Sport- und Familienfreund Kurt Hansen (Jahrgang 1915), stießen ebenfalls zu dieser Widerstandsgruppe, die ihren Ursprung im Raum Potsdam sowie auch Kontakte nach Schweden gehabt haben soll.

Nach den Wehrmachtsstationen als Mitglied der Aufklärungsabteilung 208 (208. Infanterie-Division) unter anderem in Polen, Belgien und Nordfrankreich wird unser Vater im Oktober 1940 aus der Wehrmacht entlassen. Angaben für die Zeit zwischen Oktober 1940 und Februar 1942 liegen gemäß WAST-Recherche nicht vor. Der Grund hierfür dürfte eine erneute Tätigkeit bei Daimler-Benz in Paris sein. Eine diesbezügliche Nachricht von Hans Ellstaetter, veröffentlicht in der Sportkameradenzeitung des SK Sportclub vom Dezember 1941, lautet wie folgt: "Nach einigen Monaten Küstenschutz bei Calais-Boulogne – ich war bei einer Aufklärungsabteilung – wurde ich reklamiert und bin seitdem in Paris bei einer Flugzeugmotorenfabrik, die von meinem Heimatwerk betreut wird".

In dieser Zeit pendelte er regelmäßig zwischen Paris und Berlin und nutzte diese Möglichkeit für Kurierdienste und um Wertgegenstände unter anderem Schmuck, Geldmittel und Dokumente für untergetauchte und von Deportation bedrohte Juden außer Landes zu bringen.

Diese Widerstandsaktivitäten flogen auf – mein Vater wurde vermutlich von einem Sportkameraden denunziert – und er wurde daraufhin am 1.Februar 1942 von der Wehrmacht wieder einberufen bzw. strafversetzt. Er war als Unteroffizier beim 2. Kompanie Infanterie-Regiment 181 an der Russ-landfront stationiert und fiel am 5.April 1942.

Meine Mutter hat weiter im anonymen Widerstand gearbeitet, trotz ihrer zwei kleinen Kinder. Sie wusste diese bestens aufgehoben bei ihrer Mutter, Toni Kreis, die von der geheimen Widerstandstätigkeit ihrer Tochter nichts ahnte. Sie nahm an, dass sie als junge Witwe den Kontakt zum Sportverein aktiv suchte, um Trauer und Schmerz über den Verlust ihres Ehemannes zu verarbeiten. Darüber hinaus ist denkbar, dass die intensiven Sportaktivitäten und -kontakte (Kalendereintragungen 1942/43: Sport, Sport, Sport) als Tarnung dienten für die verschiedenen Widerstandstätigkeiten.

Kurt Hansen

Der Sport- und Familienfreund Kurt Hansen, der ebenfalls zu dieser Widerstandsgruppe gehörte, war gemäß WAST-Recherche als Obergefreiter 1942/43 bei der 22. Motorisierten Kompanie Luftnachrichten-Versorgungs-Regiment stationiert in Berlin-Zehlendorf. Wenige Wochen vor dem gemeinsamen Tod sandte Kurt Hansen einen handschriftlich geschriebenen Brief, datiert Berlin, den 22. Juli 1943, an unsere Mutter.

"Liebe Sanni, 'Deinen Brief' mit der Telefonrechnung habe ich heute bekommen und gleich bezahlt, trotzdem der Termin ja schon vorbei war. Na, so energisch werden sie schon nicht sein. Übrigens scheint da irgendwas gegen mich zusammen gebraut zu sein, denn heute soll ich zu irgendetwas vernommen werden, zu was, weiß ich noch nicht. Ich weiß nur, dass man eine dicke Sache daraus machen will, wenn man mir etwas nachweisen kann, denke aber, dass ich ein reines Gewissen habe und man ruhig mal versuchen soll, mich vom Sessel zu stoßen. Wenn irgendetwas passieren sollte, telegrafiert der Buhr (Hfer.) und bittet dich, zu kommen. Vielleicht tust du es dann, nicht? Es könnte ja immerhin die Möglichkeit bestehen, dass ich dich doch ernstlich brauche – Herzliche Grüße, Kurt"

Am 4. Oktober 1943 trafen sie sich ein letztes Mal in unserer Wohnung Schöppinger Straße, wohl mit der Absicht, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden, da der Druck und die Ausweglosigkeit zu groß geworden sind. Kurt Hansen erschoss zunächst unsere Mutter, um dann sich selbst zu erschießen. Die Gestapo hat die Wohnung unmittelbar nach dem gemeinsamen Tod versiegelt. Die Sorge und Furcht der beiden Widerstandskämpfer, entdeckt worden zu sein, war also sehr berechtigt. Unsere Mutter wurde sodann laut Augenzeugin Eva Ellstaetter, die von einem Pfarrer informiert worden war, auf einem Friedhof in Berlin-Gesundbrunnen an der Kirchhofmauer verscharrt; die Grabstätte war wenig später nicht mehr auffindbar.

Schöppinger Straße 2 heute, Foto: Bernd Meyer

Weitere Belege für die lebensgefährlichen Widerstandsaktivitäten unserer Eltern, Hans und Susanne Ellstaetter, kann es im Wortsinn naturgemäß nicht geben, da es sich um eine geheime und namenlose Widerstandsgruppe handelte, die in großer Anonymität agierte. "Es lag ein Mantel des Schweigens über der Organisation", wie Eva Ellstaetter einmal sagte. Eine diesbezügliche Beschreibung enthält auch der in der beigefügten Quellenauswahl aufgeführte Artikel der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 1994, unter dem Stichwort "Vom anonymen Widerstand zur Altenpflege".

Abschließend möchte ich noch anfügen, dass meine Schwester und ich die Beweggründe unserer Eltern, ihr Leben zu riskieren, unter den damaligen Verhältnissen gut verstehen können – und wir sind sehr stolz auf sie.

Jutta von Pochhammer

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