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13.12.2018

…und Friede auf Erden! – Ein besonderes Weihnachtsfest am Rhein
Die Weihnachtsgeschichte

von Torsten Lüdtke

Vor mir auf dem Schreibtisch liegt ein kleines ledergebundenes Buch, das Tagebuch des Johann Friedrich de Lostent. Mit feinen, schwungvollen Buchstaben ist dies auch auf der ersten Seite des Büchleins eigetragen: "Johann Friedrich de Lostent aus Dantzig, Jopengasse 1, weyland Student der Rechte in Königsberg, Kriegsfreywilliger der Königsberger Landwehr 1813, Lieutnant, kämpfte bei Groß-Beeren, Dennewitz und Leipzig" Eindrucksvoll beschreibt de Lostent das Weihnachtsfest 1813, das er als "Kriegsfreywilliger" nicht in der Heimat – und im Kreis der Familie –, sondern in der Fremde feiert. Doch lassen wir ihn selbst sprechen, die Orthographie der Worte und die Interpunktion des Originals, die etwas willkürlich wirkt, ist dabei beibehalten.
 

Caub, in der Nacht vom Sonntage, dem 26ten zum Montage, dem 27ten December 1813

Mitternacht ist eben vorüber, und vorüber ist auch das Heylige Christfest. Auf den Tod müd, und dennoch ruhelos, wälze ich mich im Bette. Gab es nicht für mich das herrlichste Geschenk zum Christfest? Mitnichten ! – Habe ich hier heuer nicht ein Christfest erlebt, wie ich schon lange keines mehr erlebt habe. Obwohl von der Heimat und dem Elternhause weit entfernt, war’s doch schön und traulich, wie zu Kindertagen. Und doch! Dunkle und schwere Träume umfangen mich und lassen mir keine Ruhe: Unklare, undeutliche Schemen aus den Ereignissen der letzten Wochen und Monate treten vor mein Auge und mischen sich mit der Botschaft des Engels aus dem Evangelio Lucä "und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen", die mir immerfort in den Ohren tönt. Lange liege ich wach und denke an die schönen und friedlichen Stunden hier zu Caub, und das herrliche Christfest. Da ich keinen Schlaf mehr finde, greife ich in die Brusttasche meines Uniformrockes und lange nach meinem Tagebuche und beginne zu schreiben; meine erste Eintragung seit mehr als vierzehn Tagen! – Doch Wie? und Womit? anfangen! – –

Am frühen Abend des 24ten Decembris 1813, wohl gegen ½5 Uhr, bin ich zu Caub angelangt, wohin ich vom Hauptquartiere mit wichtigen Nachrichten gesandt bin. Caub ist, wie viele andre Orte am Rheine auch, ein kleines Nest, und so führet der Weg von Sanct Goarshausen über Weysel nach Caub durch Aecker, Wald und Weinberge. Das lezte Wegstück, welches schließlich als schmaler Pfad durch den Wald und steile Weinberge führet, war überaus anstrengend, da der Weg sehr aufgeweicht und nahezu unpassirbar war. An Reiten war nicht zu denken, denn immer wieder versank mein braver Fuchs im weichen Morast. Auch ich blieb bald bis über die Knöchel im Modder stecken und kam, bei der bald einbrechenden Dunkelheit, nur langsam, mehr stolpernd als marchirend, voran. Schließlich bin ich aber doch – auf's äußerste verschmutzt, ermattet und ausgehungert – am Rheinstrome angelangt!

Ein glückliches Schiksal wollte es, daß mir, nachdem ich meinen Auftrag erfüllet hatte, eine lange und vergebliche Herberg-Suche erspart blieb, denn in nahezu allen Häusern und Straßen Caubs liegt in diesen Tagen Militair. Ich erhielt ein sehr anständiges Quartier beim geistlichen Inspector des Amtes Caub, dem reformirten Pfarrer Franz Christoph Ahles. Nach all den Fährnissen und Entbehrungen der vergangenen Wochen und Monathen ist's herrlich, ein Dach überm Kopfe zu haben und am warmen Ofen zu sitzen!

Im Ahles'schen Haus wurde unterdessen alles für das Christfest vorbereitet. In der Küche waren die Hausfrau und die Magd dabey, den Festbraten für den morgigen Christtag zuzurichten, und aus der der guten Stube drang ein schmaler Lichtstrahl in den Flur. Als der Pastor mit mir in die Stube trat, war die älteste – siebenzehn Lenze zählende – Tochter des Pfarrers dabey, ein junges Thannenbäumchen mit Wachslichtern, Aepfeln, Nüssen, allerley Süßigkeiten, Lebkuchen und Flitterkram aufzuputzen. Wie gebannt blikte ich auf das idyllische Bild, die Pfarrerstochter, ein Mädchen von schöner Gestalt und mittlerer Größe, in ihrem einfachen, weißen Kleid mit den blaßroten Schleifen und den geschmückten Thannenbaum, wobey ich unweigerlich an Göthens Werther denken mußte. Leicht, fast schwebend, trat das schöne Mädchen vom Baume zurück und erwiderte auf meine, gegenüber dem Pastore geäußerte Frage lächelnd, daß der geschmückte Thannenbaum zum Christfest schlicht dazugehöre. Ihr Vater dagegen erklärte, daß dies mitnichten so sey; denn er habe den Brauch, einen Thannenbaum zum Christfest zu schmücken, erst während seiner Studienzeit bei einem Commilitonen kennengelernt, der aus dem Elsaß stammte. Dieser habe ihm damals erklärt, das jener Brauch im Elsaß weit verbreitet sey und der Baum den Paradiesbaum symbolisire und paradiesisches Entzücken, vor allem bey den Kleinen, hervorrufe. Als mich der Pastor als Gast für die nächsten Tage vorstellte, erröthete das schöne Mädchen, schlug die Augen nieder und huschte aus der Stube. Kurz darauf beurlaubte sich auch der Vater, der noch den Vorbereitungen zu den Gottesdienst auf das Christfest treffen mußte. So stand ich alleyn in der guten Stube des Pfarrhauses vor dem schön geschmückten Thannenbaum, der mir wie ein Zeichen des Friedens inmitten des Krieges erschien. –

Am späten Abend führte mich mein Weg noch an das Rheinufer, wo ich auf unzählige Kriegsfreywillige traf, die leicht durch die Landwehrkreuze an den Tschakos und Mützen zu erkennen waren. Ich blikte in ihre Gesichter, neben der finsteren Entschlossenheit konnte ich auch Spuren ihres frühren, friedlichen Daseyns erkennen: Der Eine rauchte und blies aus einer langen Pfeife gemüthliche Tabackwolken in die klirrend kalte Luft, ein Anderer rezitirte Verse, die wohl vom frommen Hölty oder dem unglücklichen Hölderlin stammen mochten. Ich verweylte nur kurz und ging bald zurück zum Pfarrhause, wo ich eine eigene, gut geheizte Stube angewiesen bekam, in der ein schönes weiches Bette stand. Nach Wochen schlief ich wieder in einem geheitzten Raume und einem richtigen Bette! Friedlich schlafe ich ein; ich bemerkte nicht, wie der Hausknecht leise die Thüre öffnete, um den beschmuzten Uniformrock, die schmuzige Hose und die verdreckten Stiefel zu holen.

Am nächsten Morgen, dem Morgen des Heyligen Christtages, fand ich den gebürsteten Uniformrock, die saubere Hose und meine blankgepuzten Stiefel auf einem Stuhle neben meinem Bette. Es war bereits ½ 9 Uhr und draußen so hell, daß ich aus meinem Fenster die anmutigste Gegend und den Rhein sehen konnte. Ueber Nacht war auch einiger Schnee gefallen, so daß der Wald und die Weinberge besonders mahlerisch aussahen. Rasch machte ich mich fertig, kleidete ich mich an und ging in die Küche, wo die Hausfrau mit dem Frühstück bereits auf mich wartete. Von der Pfarrerstochter war an diesem Morgen nichts zu sehen und so machte ich mich mißvergnügt auf den Weg zur kleinen Cauber Kirche, die, als ich dort anlangte, übervoll war; nicht nur die Einwohner Caubs, sondern auch viele Soldaten und Officire hörten die Christtags-Predigt von Pastor Ahles an, die mit diesem Worte aus dem Evangelio "– und Friede auf Erden" schloß. Die Predigt, wie auch das Schlußwort machten einen mächtigen Eindruck auf mich, ich muß wohl gestehen, daß die Worte des Pfarrers mich zu Thränen rührten, da ich an meine lezten Kirchenbesuche denken mußte: Ich dachte an den Sonntag im Februar, als die Freywilligen der Landwehr im Königsberger Dom gesegnet wurden, ich dachte aber auch an den Kirchgang am Sonntag, dem 17. October 1813 in dem kleinen Orte vor den Thoren von Leipzig, kurz vor der bluthigen Leipziger Schlacht. – Dabey dachte ich auch an Friccius und Motherby, wie auch an die Erstürmung des Grimmaischen Thores am Dienstag dem 19. October. Hatte nicht John Motherby, einige Jahre älter denn ich, Kaufmannssohn wie ich, den Frieden geliebt? In Leipzig ging er uns mit den Worten "Cameraden, folgt mir!" tapfer voran, um nur wenige Augenblike später, tödlich getroffen, umzusinken. Nun ruhet in Frieden er unter einem schlichten Kreuz in sächsischer Erde, wie viele unserer Cameraden! – Und noch immer ist kein Frieden!

Der Christtag verlief für mich als traulicher Fest- und Feyertag im Hause des Pastors. Mittags wurde in der guten Stube von der Köchin der Braten aufgetragen, von dem ich als Gast das beste Stücke erhielt. Für den Christtag, und wohl auch, um mir eine besondere Freude zu machen, hatte der Pfarrer einen guten Wein aus seinem Keller geholt, den er freygiebig ausschenkte. Später wurden dann die Lichte auf dem Thannenbaum entzündet und den Pfarrerskindern die Gaben des Christkinds bescheert. Wie heimelig und wie heylig sah doch der kleine Baum in seinem Lichterputz aus! Auch ich erhielt einige Aepfel, einen großen Reiter von schönem braunen Pfefferkuchen, der, wie mir die niedliche Pfarrerstochter mittheilte, von Aachen kommt. Schließlich wurde vorgelesen und musicirt, auch Charaden gemacht. Zum Abend trug der Pfarrer schließlich einen Topf dampfenden Punch auf, der unter angeregten Gesprächen bei einer guten Pfeife, die mir der Hausvater bot, verzehrt wurde. Reich beschenkt, fühlte mich recht philisterhaft; hatte ich doch nichts, was ich den Kindern der guten Leute geben konnte, und so schenkte ich den Kleinen je einen blanken Thaler, wobey sie bey dem Bildniß unseres Königs wacker fragten, ob ich das sey, was zu überschwänglicher Fröhlichkeit auch bey dem sonst so gesezten Pfarrer führte. In ausgelassener Stimmung ging ich am späten Abend die Treppe empor, den ganzen Tag über hatte ich, nach all' dem Erlebten!, nicht an den Krieg und die Gefahren des bevorstehenden Rheinübergangs gedacht. Am Ende der Treppe erwartete mich eine nicht geringe Ueberraschung: Im dunklen Flur stand, nur durch eine düster brennende Lampe erleuchtet, die Tochter des Pfarrers. Ihr, der ich's wohl zu verdanken hatte, daß meine Uniform gesäubert und instand gesezt war, hatte ich leztlich den silbernen Fingerhut und die zierliche silberne Schere aus meinem Tournister geschenkt. Die Freude, die ihr dies bescheidene Geschenk gemacht hatte, hatte ich bereits vorhin bemerkt. Ich war begierig zu erfahren, was die Jungfer Ahles mir nun sagen wollte, doch sprach sie nichts, sondern gab mir – in Züchten – einen Kuß auf die linke Wange. Bevor ich noch etwas sagen konnte, war das Mädchen verschwunden. In diesem Augenblick kamen mir wieder an die Worte "und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" denken, erst jetzt begriff ich recht, was die Botschaft des Engels auch bedeuten konnte – –

In der heutigen Nacht, wo ich dies niederschreibe, ist meine Sehnsucht nach dem Frieden noch größer geworden. Besonders jezt, wo es draussen klirrend kalt geworden ist und unablässig schneyt – ich aber nahe dem warmen Ofen sitze. Unablässig, so wie der Schnee fällt, denke ich daran, was ich über's Jahr seit dem lezten stillen Christfest alles gesehen habe. Am letzten Christfeste hätt' ich mir's wohl nicht träumen lassen, daß ich dieses Weyhnachten am teutschen Rheine feiern würde und hätte wohl jeden, ders mir zu Königsberg an unsrer lieben alma mater im Januar gesagt hätte, daß ich heuer hier seyn würde, einen dummen Jungen gescholten und zum Teufel geschickt! – Aber ich denke auch an Margarethe, die Pfarrerstochter, die ich gern mein eigen nennen möchte, und der ich morgen ein kleines goldenes Ringlein, welches ich hier bey einem jüdischen Krämer erstanden habe, gern zum Andenken geben möchte.

Gern kehrte ich, wenn Frieden ist, zurück nach Caub, in das freundliche Pfarrhaus, doch das liegt in GOttes Hand. – Eine ungewisse Zukunft liegt vor mir, was wird das neue Jahr wohl bringen? – –

Die Zukunft und das neue Jahr haben Johann Friedrich de Lostent nicht viel Gutes gebracht; mit dem Hauptquartier der Generale Yorck und Blücher überquerte de Lostent den Rhein und verfolgte die napoleonischen Truppen in den Niederlanden und Nordfrankreich hinein. Während dieser Kampagne focht er, wie eine Eintragung von fremder Hand auf der Titelseite des Tagebuches beweist, "als Hauptmann bey la Rothière", wo er am 1. Februar 1814 "schwer verwundet" wurde. Wie aus den späteren Tagebuchaufzeichnungen deutlich wird, genas de Lostent von seinen, bei La Rothière empfangenen Verwundungen nur langsam und trotz aller Bemühungen blieb der von einer Flintenkugel getroffene rechte Arm steif und unbeweglich. Den Sommer 1814 verlebte de Lostent in der Champagne und in Paris, wo er auch langsam mit der linken Hand zu schreiben lernte. Im Spätsommer 1814 schließlich kehrte der aus dem, Kriegsdienst entlassene de Lostent, in seine preußische Heimat zurück, wobei er natürlich einen Abstecher nach Kaub und an den Rhein machte…

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