Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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11.12.2019

Wo ist das Reich Gottes?
Zum Monatsspruch November

von Lutz Poetter


Foto: Lutz Poetter

Auf der Suche nach dem Reich Gottes im Neuen Testament treffen wir zuerst eine Person. Dieses Reich gehört unmittelbar zu Jesus von Nazareth, den wir im Glauben als Messias-Christus erkennen. Wo er ist, predigt und handelt, da geht es um das Reich Gottes. Und wo er ist, predigt und handelt, da nimmt dieser göttliche Herrschaftsbereich konkrete Gestalt an. Zunächst einmal im Wort Jesu und in den Köpfen und Herzen der Hörer seiner Worte. Dann allerdings erobert es sich Raum und Zeit, es nimmt Gestalt an im Leben der Menschen. Es wächst wie ein winziges Senfkorn zu einem kräftigen Baum heran.

Königsherrschaft und Großreiche

Das griechische Wort basileia meint die Königsherrschaft, die Machtausübung eines obersten Herrschers. Basileia benennt einen Einflussbereich. Unser deutsches Wort "Reich" macht es uns schwieriger mit der Vorstellung: Wir denken sofort an ein großes Land mit festen Grenzen, eine kapitale Reichshauptstadt, in der ein allmächtiger Herrscher sein Machtzentrum besitzt, eine Armee und eine zivile Verwaltung, mit denen der Herrschaftsanspruch durchgesetzt werden kann. Wir denken bei "Reich" auch an die großen antiken Vorbilder am Nil und im Zweistromland, vielleicht an das sagenhafte Großreich eines Alexander und ganz sicher an das kaiserliche Imperium Romanum. Rom war die Weltmacht rund um das Mittelmeer zur Zeit Jesu. Die römischen Kaiser hatten sich sämtliche lokalen Reiche unterworfen und ihre Völker als Vasallen dem römischen Reich einverleibt. Auch Israel war damals unterworfene römische Provinz, der Statthalter aus der fernen Hauptstadt übte die Macht im Lande aus.

König David

Voller Sehnsucht erinnerten sich die Nachkommen der alten Israeliten an König David und die goldene Zeit, als Israel uneingeschränkt ein eigenes Reich bildete. Allgemeine Überzeugung war: Gott selbst hatte Israels Vorfahren aus der Gefangenschaft im Ägyptischen Großreich befreit und den zwölf Stämmen das Kulturland am Jordan als Eigentum anvertraut. "Gott selber ist unser König, er herrscht über sein Volk Israel" – so lautete das ursprüngliche Herrschaftskonzept der eingewanderten Hebräer. Man brauchte keine menschlichen Könige. Moses war schließlich auch kein König, als er das wandernde Gottesvolk durch die Wüste führte. Seine Nachfolger waren Richter, die die Gebote Gottes in Streitfällen und für Richtungsentscheidungen auslegten. Dann kam diese Frage auf: "Warum haben wir Israeliten eigentlich keinen König, alle anderen Völker haben doch auch einen?" So wurde Saul der erste König, der später seine Würde an David abgeben musste. Jahwe blieb der eigentliche Herrscher, sein menschliches Pendant war nur sein irdischer Stellvertreter. Dies kam auch darin zum Ausdruck, dass die Königswürde von den Propheten verliehen wurde. Die Könige Israels waren keineswegs dynastische Alleinherrscher und schon gar keine göttlichen Wesen wie ihre Kollegen Pharao, König und Kaiser in Ägypten, Babylon und schließlich in Rom. Paläste und Throne entwickelten allerdings schnell eine eigene Dynamik, ebenso Tempel und Altäre. Und bald empfanden sich die Inhaber der realen Macht auch als die absoluten Diktatoren über das Leben ihrer Untertanen, ohne selber an irgendein Recht und Gebot gebunden zu sein.

Propheten und Könige

Deshalb verteidigten die Propheten die Königsherrschaft Gottes gegen die Regime eigenmächtiger Könige. Mutige Männer wie Jesaja, Jeremia, Amos und Hosea überzogen die Nachfolger von König David mit harter Kritik im Namen Gottes. Wer auf dem Stuhl Davids saß, der besaß eben nicht selbstverständlich den Geist des Gottes, der Israel sein Land und seine Gebote gegeben hatte. Auch der Tempel mit seinen Bediensteten und seinem Opferritual garantierte nicht immer, dass im Land Recht und Gesetz herrschten. Manch ein Prophet hielt seine Brandreden direkt im Tempel und prangerte dort im Zentrum der religiösen Macht Korruption und Scheinheiligkeit an.

Das Kommen des Reiches Gottes

Auf dieser Konfliktlinie wanderte auch Jesus von Nazareth. Er predigte vom Kommen des Reiches Gottes, er sah es vor sich und malte es in Gleichnisworten vor die Augen seiner Mitmenschen. Sie sahen es wachsen wie Weizen, der mächtig aus der Erde sprießt. Es sah unscheinbar aus wie ein gewöhnlicher Acker, aber tief in der Erde lag ein kostbarer Schatz verborgen. Es ging im Reich zu wie bei einem großen Festessen und einer königlichen Hochzeit, alle Mühsal des Alltags verwandelt sich in Liebe, Freude und Glück.

Jesus wusste alles über dieses Reich: Es ist nicht berechenbar und es lässt sich nicht herbei zwingen, Wenn es aber kommt, dann löst es Freude und Begeisterung aus, als käme ein lange vermisster Sohn endlich wieder nach Hause.

Viele Menschen hörten Jesus gerne zu und ließen sich einladen in dieses geheimnisvolle Reich Gottes. Sie glaubten ihm, fassten Mut und Vertrauen, dass Gott selbst durch ihn zu ihnen sprach. "Er muss ein Prophet sein, dieser Zimmermann aus Nazareth, so eine Art wiedergekommener Elia, Gott ist bei ihm, sonst könnte er nicht so reden und handeln."

Die Ordnungshüter in den staatlichen und religiösen Behörden beobachteten Jesus skeptisch und feindselig: "Er ist ein ungebildeter Amateur und ein heilloser Scharlatan, er gaukelt den Leuten etwas vor und wiegelt sie gegen uns auf. Er ist gefährlich und unberechenbar. Wir müssen ihn unbedingt zum Schweigen bringen, sonst richtet er uns alle zugrunde."


Foto: Lutz Poetter

Wer kommt in das Reich?

Jesus richtete seine Worte an alle im Volk, aber er wusste, dass nicht alle ihm folgen würden. Die Reichen und Privilegierten nicht, die Gelehrten und Mächtigen auch nicht. Der fromme Ratsherr mit dem großen Spendenbudget würde nicht dabei sein, wohl aber die arme Witwe mit ihrem einzigen Pfennig. Zöllner und Sünder würden kommen und an seinem Tisch sitzen, die abgesondert lebenden Puristen würden ihn deshalb meiden. König Herodes würde nicht kommen, auch der römische Gouverneur Pilatus nicht. Aber der Bettler Lazarus würde dabei sein und der namenlose Mann aus Samarien, der dem Überfallenen auf der Straße nach Jericho geholfen hat. Mit vollem Herzen und leeren Händen kommt man leichter ins Reich Gottes. Umgekehrt ist es schwerer. Und die Macht ist eine Versuchung. "Ihr wisst, dass die Mächtigen ihre Untertanen unterdrücken," so warnte Jesus seine Gefährten. "Aber unter euch darf das nicht so sein, der Größte unter euch ist der Diener aller."

Saulus Paulus

Diener Christi, so wollte der gelehrte und vornehme Pharisäer Paulus genannt werden. Er empfand sich als die große Ausnahme. Als reicher und untadliger Gesetzeslehrer hatte er die Christen verfolgt und ihre Lehre bekämpft. Dann war ihm der Christus selbst erschienen und hatte ihn zum Apostel berufen. Seitdem wusste Paulus, dass im Reich Gottes auch das Unmögliche wahr werden kann.

Martin von Tours

Auch dieser vornehme Mann gehört bestimmt zum Reich Gottes: Martinus, der nach dem Kriegsgott Mars benannte römische Offizierssohn und Elitesoldat, Angehöriger der kaiserlichen Garde. Als er in seine Garnisonsstadt in Gallien einritt, sah er am Tor einen frierenden Bettler sitzen. Er hielt sein Pferd an, nahm sein Schwert und zerteilte seinen kostbaren Offiziersmantel. Der Stoff sollte dem Armen als Schutz gegen die Kälte dienen. Was Martin für diesen Bettler tat, das hat er für Jesus Christus selbst getan. Martin wurde später Bischof, die Kirche sprach ihn heilig. So gilt er seitdem als Vorbild und Vorreiter im Reich Gottes. Im Bild des christlichen Ritters Martin erscheint die mächtige Kirche als dienende und helfende Kirche. Kirche ist immer Kirche für andere. Die Kirche darf das niemals vergessen. Aber selbst wenn sie es täte – die Gänse würden es ihr lauthals predigen.

Pfarrer Lutz Poetter

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