ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > September 2013

13.12.2018

Paten für Stolpersteine gesucht!
Im September werden 14 neue Stolpersteine in Steglitz verlegt

von Pfarrerin Katrin Rudolph


Stolpersteinverlegung für Hugo Fettmann im April 2013

Am 19. September werden wir in Steglitz voraussichtlich 14 neue Stolpersteine verlegen lassen, davon 11 im Bereich der Markusgemeinde. Seit langem bemüht sich die Stolperstein-AG, namentlich Inge und Günter-Henning Tarun, um das Schicksal der Familien aus der Albrechtstraße 38 und der Halskestraße 14. Da die ermordeten jüdischen Bewohner dieser beiden Häuser bereits durch eine Ausstellung in der Schwartzschen Villa bekannt gemacht wurden, können wir uns auf die damaligen Recherchen stützen.

Das Haus Albrechtstraße 38 verbindet sich mit der traurigen Geschichte der Großfamilie Weiss. Der in Ratibor in Schlesien geborene Adolf Weiss hatte 1914 ein Damen-Konfektionshaus in der Schlossstraße 29 in Steglitz eröffnet. Seine 1901 in Schöneberg geborene Tochter Lily heiratete 1922 den Eisen-Kaufmann Martin Philipp.

Die junge Familie wohnte zusammen mit der 1923 geborenen Tochter Charlotte zunächst im ersten Stock über dem Konfektionshaus. Nach den Erfahrungen der Inflationszeit erwarb Adolf Weiss zur Kapitalsicherung 1925 u.a. das Haus Albrechtstraße 38. Zu dieser Liegenschaft in unmittelbarer Nähe des Steglitzer Stadtparks gehörte ein damals den gesamten Raum zwischen Albrecht- und Beymestraße umfassendes Grundstück mit Hof und Garten hinter einem Wohn- und Geschäftsgebäude für 30 Mietparteien. Nach dem Tod von Adolf Weiss 1926 übernahm Lily Philipp die Geschäftsleitung des Konfektionshauses. 1929 zog die Familie Philipp auch in die Albrechtstraße 38. Das Grundstücks-Eigentum wurde 1936 geteilt zwischen Lily Philipp und deren Tante Elfriede Blumenthal.

Elfriede und Ludwig Blumenthal – Fotos: Yad Vashem

Elfriede Blumenthal (*6.4.1872 Ratibor), die Schwester von Adolf Weiss, führte im Erdgeschoss des Hauses Schlossstraße 110 ein Putz- und Hutgeschäft. Sie war verheiratet mit Ludwig Blumenthal (*7.12.1873 Teschen/Schlesien), der seit 1914 dort ein Uhrmacher-Geschäft im 1. Stock hatte.

In den Jahren 1935-1938 ziehen weitere Verwandte der Familie in das Haus Albrechtstraße 38. Anfang 1939 wurde der Verkauf von Haus und Geschäft an den benachbarten Fleischermeister Hans Pfuhlmann rassenpolitisch erzwungen. Der Eigentums-Anteil der Familie Philipp wurde dazu eingesetzt, die Auswanderung nach Südamerika finanziell vorzubereiten. Martin, Lily und Charlotte Philipp gelang die Emigration nach Chile. Trotz des Angriffes auf die Rechte der jüdischen Hausbesitzer wurde Elfriede Blumenthal in den Jahren 1940 und 1941 im Berliner Adressbuch noch als Eigentümerin geführt. Im Verzeichnis der Straßen und Häuser ist allerdings erkennbar, dass neben ihr nun die in der Nähe wohnenden Frau E. Lohmann aus der Elisenstraße 2 und der Fleischermeister Hans Pfuhlmann aus der Sedanstraße 2 Miteigentümer waren. Die Hausverwaltung war ab 1940 Meta Rothenburg, Sedanstraße 44, übertragen.

Zu den weiteren Verwandten gehörte zum Beispiel Marianne Kaiser, geb. Weiss (*17.3.1863 Lohnau/Schlesien). Als Witwe führte sie spätestens ab 1920 ein Konfektionshaus in der Albrechtstraße 114. Ab 1934 wohnte auch sie in der Albrechtstraße 38. Im September 1942 wurde nach Theresienstadt deportiert. Dort ist sie am 13. Juli 1943 gestorben. Ihre Tochter Hertha Lewy, geb. Kaiser (*21. 10.1903 Ratibor), hatte den in Berlin geborenen Max Lewy (*21.11.1893) geheiratet. Ab September 1938 wohnten sie bei ihrer Mutter in der Steglitzer Albrechtstraße 38, Seitenflügel 1. Stock. Herta und Max Lewy wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet im Werk Borsigwalde der Deutschen Waffen und Munitionsfabriken AG. Im September 1942 erlebten sie die Deportation von Mutter Marianne und zwei weiteren Bewohnerinnen aus dem Haus Albrechtstraße 38 nach Theresienstadt. Wenige Tage später fertigte die Gestapo-Leitstelle Berlin die Vermögen-Einziehungs-Verfügungen gegen das Ehepaar Lewy aus und leitete damit deren sogenannte "Abwanderung" ein. Am 5. Dezember 1942 wurde ihnen die Zustellungsurkunde in der Großen Hamburger Straße 26 überreicht. Im Dezember 1942 wurden sie nach Auschwitz deportiert. Max Lewy starb am 3. Januar 1943 in Auschwitz. Hertha Lewy gilt als verschollen.

Auch Georg Schindler (*14.7.1888 Breslau), ein Neffe von Adolf Weiss, wohnte zeitweilig in der Albrechtstraße 38. Er hatte 1919 im bayrischen Buttenwiesen die dort geborene Klothilde Stern, genannt "Tilde" (*16. 8.1894) geheiratet und war mit ihr nach Berlin gezogen. 1939 wurden sie Untermieter bei den Verwandten Kaiser und Lewy in der Albrechtstraße 38. Nach deren Deportation im September bzw. Dezember 1942 blieben Georg und Tilde Schindler die letzten Juden in dieser Wohnung. Im Februar 1943 fertigte die Gestapo-Leitstelle Berlin die Vermögen-Einziehungs-Verfügung aus. Im März 1943 wurde sie ihnen im Sammellager in Moabit, Levetzowstraße 8 überreicht. Sie wurde am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert, er am 3. März 1943. Beide sind dort "verschollen".

Beim Zuzug weiterer jüdischer Familien handelte es sich um die mehr oder weniger erzwungene Untervermietung in Abstimmung mit dem Hauptwirtschaftsamt und unter Mitwirkung des "jüdischen Wohnungsnachweises". Nach Beginn der Juden-Deportationen aus Berlin wurden die "Evakuierungen" von jüdischen Bewohnern des Hauses Albrechtstraße 38 in drei Phasen Mitte September 1942, Anfang Dezember 1942 und Anfang März 1943 durchgeführt. Ludwig und Elfriede Blumenthal wurden am 3. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Auch sie gelten als "verschollen", was ihren Tod nur umschreibt. Da jeweils einen Tag später vier weitere jüdische Bewohner "abgeschoben" wurden, galt das Haus dann als "judenrein".

Für zwei weitere zeitweilige Bewohner der Albrechtstraße 38, die nicht zur Weiss-Familie gehörten, verlegen wir in der Halskestraße 14 die Gedenksteine. Gerhard Borchardt (*21.11.1909 Berlin) war verheiratet mit Hildegard Borchardt, geb. Sachs (*2. 5.1915 Steglitz). Sie lebten seit April 1933 zusammen mit seiner Mutter Grete Borchardt geb. Abraham in deren Wohnung in Südende, Halskestraße 14. Gerhard Borchardt war zum Arbeitseinsatz verpflichtet im Wernerwerk von Siemens & Halske. Im Januar 1942 wurde die Mutter nach Riga deportiert. Das junge Ehepaar musste im Juni 1942 die Wohnung in der Halskestraße aufgeben. Mit Vermittlung durch die Wohnungsberatungsstelle der Jüdischen Kultusvereinigung konnten sie als Untermieter bei dem Ehepaar Ludwig und Elfriede Blumenthal in der Albrechtstraße 38 zuziehen. Hildegard Borchardt war – obgleich durch Geburt "Arierin" – entsprechend der NS-Rassegesetze angesichts der Ehe mit einem Juden zur "Geltungsjüdin" geworden und damit ebenfalls zur Zwangsarbeit verpflichtet. Zur Wohngemeinschaft gehörte auch Hildegards "arische" Mutter Sachs. Dies mag im Alltag einige Erleichterungen geboten haben. Als aber im März 1943 die ehemaligen Hauseigentümer Elfriede und Ludwig Blumenthal deportiert wurden, gab es keine Ausnahmeregelung für die Untermieter Borchardt. Gerhard Borchardt wurde mit dem 31. Ost-Transport vom 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert, Hildegard Borchardt geb. Sachs mit dem 33. Ost-Transport vom 4. März 1943. Beide sind in Auschwitz "verschollen".

Für sieben Angehörige der Familie Weiss möchten wir am 19. September Stolpersteine in der Albrechtstraße 38 verlegen, für die drei Borchardts in ihrem ursprünglichen Haus in der Halskestraße 14. Der 11. Stein ist für Rosel Richter bestimmt, die ebenfalls in der Halskestraße 14 im Parterre wohnte.

Wir suchen für diese Stolpersteine noch Paten, sowohl für die finanzielle Unterstützung (ein Stein kostet derzeit 120,- EUR), als auch für eine Pflegepatenschaft, bei der Pate oder Patin regelmäßig nach "seinem"/"ihrem" Stein sieht, ihn von Laub oder grobem Schmutz befreit und eventuelle Beschädigungen meldet. Paten werden, wenn sie nichts dagegen haben, aufgenommen in das Berliner Patenverzeichnis, das gerade aufgebaut wird. Wäre das auch etwas für Sie? Wir brauchen Ihre Unterstützung! Dann melden Sie sich doch bei mir.

Pfarrerin Katrin Rudolph

(Ergänzung durch Uri Shani, einen Freund der Familie, im Januar 2017: Gerhard Borchardt wurde zwar zusammen mit seiner Frau deportiert, aber am Tag vor der Befreiung von Auschwitz nach Buchenwald deportiert, und er hat überlebt. Er starb 1991 in den USA, wo auch sein Bruder Hans-Günther lebte.)

zum Seitenanfang

Recherche:
Kulturamt Steglitz-Zehlendorf

Termin:
Donnerstag, 19. September 2013, genaue Uhrzeiten ab September unter www.kirchenkreis-steglitz.de

Orte:
Fregestraße 39b, 12161 Berlin
Albrechtstraße 38, 12167 Berlin
Halskestraße 14, 12167 Berlin
Barbarastraße 14, 12249 Berlin

Kontakt:
Erinnerungskultur im Kirchenkreis Steglitz
Pfarrerin Dr. Katrin Rudolph, Ev. Markus-Kirchengemeinde,
Albrechtstraße 81a, 12167 Berlin
Tel. (030) – 79 47 06 27, E-Mail

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch: