ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > September 2013

27.5.2019

Damals war's: Kindheitserinnerungen
Kindheitserinnerungen einer ausgewanderten Lichterfelderin, Teil 1

von Ingrid Radke-Azvedo

Vorbemerkung

In der Vergangenheit wurde die Internet-Initiative www.lichterfelde-süd.de vorgestellt, die sich der Historie Lichterfelde Süds widmet – insbesondere des "Bergs" – und u. a. auch über "Die Kinder vom Berg" berichtet.

Über das öffentliche "Gästebuch" der Website meldete sich im September 2012 aus Kalifornien eine "ausgewanderte Lichterfelderin", Frau Ingrid Radke-Azvedo, und beschrieb mit ersten bildhaften Erinnerungen ihre hiesige Zeit. Seit diesem Internet-Kontakt las sie über das Internet unseren Gemeindebrief und fragte nach Pfarrer Jungnickel, der sich sogar noch an die Beerdigung ihrer Eltern erinnern kann. Jetzt erhielten wir eine umfangreichere eindrucksvolle Schilderung ihrer Kindheit und Jugend, die sie zu großen Teilen in unserem Gemeindegebiet verbrachte.

Obwohl Frau Radke-Azvedo die deutsche Sprache offenbar nicht verlernte, wurden mit ihrem Einverständnis geringe Textkorrekturen vorgenommen.

Bernd Meyer (für die Initiative www.lichterfelde-süd.de)

Ingrid Radke-Azvedo "Mein erster Schultag"

Am 28. Februar 1934 wurde im Rittberg-Krankenhaus ein schreiendes Ungeheuer zur Welt gebracht und meine Mutti sagte immer, ich hätte seitdem nie gelernt, meinen Mund zu halten. Das hatte Vorteile und Nachteile. Aber ich lernte schnell von den Resultaten der Nachteile, denn niemand mag einen Schlaumeier.

Wir wohnten in der Wilhelmstraße (heute Königsberger Straße) Ecke Frauenstraße in Lichterfelde Ost. Ich bedanke mich, dass ich mit Ihnen meine Erinnerungen teilen darf, denn Sie sind ja fast alle aus Lichterfelde Süd und der Ein oder Andere wird schon genau wissen, wovon ich rede. Außerdem war es überhaupt nicht weit von unserem Haus und Mutti hatte viele Freundinnen in Lichterfelde Süd.

Ich hatte dort auch eine, sie hieß Ursula Schulz und wohnte auf dem Berg. Wir lernten uns durch die Schule kennen. Oft war ich bei ihr zu Besuch und ihre Mutter konnte wunderbaren Blechkuchen backen – sogar noch in der schlechten Zeit! Hefeteig will gekonnt sein, ich habe es nie gelernt.

Als Kind hatte ich mich kaum mit dem Gedanken an unsere Orte beschäftigt. Es waren eben Lichterfelde, Osdorf, Giesensdorf und Seehof.

Meine Familie war nicht sehr groß. Mein Vater kam vom ersten Weltkrieg mit einer Gasvergiftung zurück und starb daran im Jahr 1936. Ich kannte ihn nur als den Mann mit der gelben Hautfarbe, welcher immer entweder im Bett oder im Garten auf dem Liegestuhl lag. Mein Bruder Wolfgang war sieben Jahre älter als ich und lernte meinen Vater gut kennen. Wir sprachen oft von diesen Jahren in seinem Leben.

Muttis Bruder Willi Ptaschnik war mit Hertha, der Tochter von Petermanns verheiratet, welchen an der Ecke Berliner Straße und Bismarckstraße (heute Ostpreußendamm/Morgensternstraße) das Gasthaus "Bismarck-Eck" gehörte. Gisela, die Tochter von Willi und Hertha, wurde 1943 geboren.

Mein Großvater war Aufseher bei den Rieselfeldern (Osdorf) und somit wohnten meine Großeltern in Osdorf und hatten in der Nähe vom kleinen Wäldchen ein Gehöft. Dort verbrachte ich die schönste Zeit meines Lebens. Ich durfte schon als 4-jährige beim Füttern der Haustiere helfen und bis auf die beißenden Gänse, die es morgendlich auf meine Beine abgesehen hatten, kam ich mit allen Tieren gut aus.

Da Mutti zur Arbeit gehen musste, verbrachte ich oft die ganze Woche in Osdorf; kein großes Dorf, aber es gab immer viel zu tun. Wie stolz ich war, wenn ich Opa sein warmes Mittagessen zur Arbeit bringen durfte. Auf dem Rückweg machte ich einen kurzen Abstecher auf das große Gut. Dort gab es Pferde, Rinder und Schafe. Außerdem gab es bei meiner Oma im Gemüsegarten immer viel Arbeit und es machte mir Spaß zu helfen.

Am Sonnabend nach dem Frühstück packten meine Großeltern mich in einen kleinen Handwagen und los ging‘s nach Lichterfelde Ost zum Markt. Wir gingen immer über die schaukelnde Brücke im Wäldchen, wo Opa mir immer Angst machte. Er meinte, dass sie beim Überqueren mal kaputt gehen könnte! Bald waren wir am Karpfenteich, gingen die Heinersdorfer Straße entlang, an der Petruskirche vorbei zum Oberhofer Weg und hin zum Kranoldplatz, wo damals am Sonnabend Markt war. Mutti stand schon ungeduldig an der Ecke und winkte uns zu. Es war jedes Mal wie Weihnachten und ich träume heute noch davon.

Anschließend ging es dann zur Wilhelmstraße, wo Mutti schon den Tisch gedeckt hatte. All die Schätze vom Markt wurden ausgepackt und genossen. Wir verplauderten manche Stunde und im Anschluss gab es noch Kaffee und Kuchen. Meist, als große Überraschung, zauberte dann Opa aus seinem Jackenärmel einen Honiglutscher, den er mir heimlich vom Honigstand auf dem Markt mitgebracht hatte.

Nach so einem langen Tag wurde ich langsam schläfrig. Die Erwachsenen sprachen von Krieg und wie man sich auf schwere Zeiten vorbereiten musste. Ohne viel davon zu verstehen dachte ich lieber an meine Zukunft in Osdorf, die endlosen Felder, roten Klatschmohn und selige Ruhe.

Die erste riesige Erschütterung meines Lebens offenbarte sich, als ich erfuhr, dass sich mein Großvater zur Ruhe setzen wollte und das Gehöft, das behagliche große Haus und all meine geliebten Tiere nun einen anderen Besitzer bekommen würden.

Sie suchten lange nach einer Wohnung und wären bald auf "den Berg" gezogen, aber Opa wollte einen Garten mieten und das war praktischer in Seehof. Sie fanden eine schöne Wohnung in einem großen Haus in Seehof. Ich kann mich nicht mehr an die Adresse erinnern, aber es war die zweite Haltestelle nach "Auf dem Berg" und hieß "Meurer". Das war ein Bierlokal und ich glaube auch Restaurant. (Anmerkung: Restaurant "Waldschlößchen", Besitzer Otto Meurer) Mutti erzählte mir, dass sie dort immer mit meinem Papa tanzen gegangen ist. Von der Haltestelle mussten wir noch ein Stück durch einen Hochwald laufen und im direkten Anschluss zu der Schonung lag dann eine Straße mit vielen schönen Häusern.

Gleich als erstes sah man das stattliche Haus, wo meine Großeltern nun ihren Lebensabend verbringen wollten. (Anmerkung: vermutlich in der Max Sabersky Allee) Es gab dort einen riesigen Garten und einen hübschen Pavillon, worin Oma mir schon ein Spielzimmer eingerichtet hatte. Es hätte nicht schöner sein können, aber es war nicht mein geliebtes Osdorf! Ich durfte mir ja nichts anmerken lassen, aber ich habe mich da nie richtig wohlgefühlt, obwohl ich viele Tage und Nächte dort verbringen musste.

In der Zwischenzeit war es 1939 geworden und ich musste eingeschult werden. Meine vorgeschriebene Schule war die Kastanienschule in Lichterfelde Ost, wo mein Bruder schon mehrere Jahre Schüler war. Da ich immer das einzige Mädel in unserer Nachbarschaft war, hatte ich nie Freundinnen gehabt und musste nun hoffen, dass ich jemanden in der Schule kennenlernen würde, mit welcher ich Freundin werden könnte. Das klappte auch gut. In der Bismarckstraße (heute Morgensternstraße) wohnte ein nettes Mädchen, Hannelore, mit der ich mich anfreundete und wir trafen uns dann an der Bahnunterführung und gingen gemeinsam zur Schule.

Dann kam der 1. September 1939, kurz nach der Einschulung; England und Frankreich hatten Deutschland den Krieg erklärt. Man hatte uns so gut wie möglich klar machen wollen, was eventuell passieren könnte. Als erstes hatten wir Luftalarmübungen. Wir mussten von den Fenstern weg und unter die Schulbänke. Das war natürlich keine Lösung und man baute dann gleich den Keller um, wo wir dann beim ersten Voralarm schnellstens in geordnetem Gänsemarsch in den nun umbenannten "Luftschutzkeller" gingen. Zu Anfang machte das fast Spaß, aber hin und wieder kam dann doch mal ein kräftiger Angriff – aber das war meistens in der Nacht – und wir begriffen schnell, dass uns jemand nicht mochte und ALLES doch wirklich ERNST war. Die Erwachsenen wiesen unsere ängstlichen Fragen meist ab und die Lehrer haben auch nicht viel geholfen.

Bis Mitte 1940 ging es noch ganz gut, aber dann mussten Väter und andere Männer aus unseren Familien in den Krieg. Oma und Opa Petermanns einziger Sohn, mein Patenonkel Erich, Panzerspezialist, wurde gleich am Anfang beim Einmarsch nach Frankreich tödlich verwundet. Er war jung verheiratet und seine Frau erwartete ihr erstes Kind. Familien lernten am Grab Abschied zu nehmen, denn man musste ihn gleich in Frankreich begraben. Er war das erste Opfer des zweiten Weltkrieges in unserer Familie. Seine Tochter Renate ist später nach Kanada ausgewandert. Leider wurden auch viele unser besten Lehrer eingezogen.

Am schlimmsten war die überall herrschende Heimlichkeit. Die Leute auf der Straße begrüßten sich fast ängstlich und sprachen im Flüsterton. Meine Mutti hatte wohl Angst um meine große Gusche und warnte mich immer wieder, nicht mit Fremden oder Soldaten in grauen Uniformen zu reden und nicht naseweis zu sein, keinem zu trauen und ihr alles zu erzählen, was in meinem Tag geschehen war. Wir lebten auf einmal in einer anderen, sehr fremden Welt.

Eine Freude stand uns bevor, die folgende Woche sollte es einen amerikanischen Spielfilm – "Schneewittchen" – im Lichterfelder Palast-Lichtspielhaus geben. Alle in meiner Klasse freuten sich darauf. Hannelore, Ursula und Irene (eine neue Freundin) und ich wollten am Sonnabendnachmittag zusammen ins Kino gehen. In der Nacht vom Freitag zum Sonnabend war Alarm. Wir hatten es kaum in den Bunker geschafft und ich konnte direkt über uns die "Weihnachtsbäume" am Himmel sehen: Rote, grüne und blaue (das waren die Leuchtzeichen, welche den Bombern anzeigten, welche Art von Bomben und auch wo abzuwerfen waren). Es sah nicht gut für uns aus und die Detonationen ließen das ganze Haus erschüttern. Wir mussten unsere Gasmasken und Stahlhelme aufsetzen. Lange nach dem Angriff saßen wir immer noch da und warteten auf Erlaubnis, nach Hause zu gehen. Der Rauch von draußen sickerte durch die Spalten und hin und wieder explodierte draußen noch eine Bombe.

Bevor wir gingen, sagte uns der Luftschutzwart, dass viele Häuser getroffen waren und noch brannten, dass die Palast-Lichtspiele vollkommen zerstört waren und unsere Kastanienschule stark beschädigt, aber nicht ganz kaputt sei. Die Schulkinder sollten sich am nächsten Tag um 10.00 Uhr auf dem Schulhof sammeln. Ich wurde von meiner Lehrerin erwartet und wusste sofort, es gab eine schlechte Nachricht.

Teil 2 können Sie im Oktober lesen.

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch: