ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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24.5.2019

Protestantischer Glaube und Toleranz
Lutherdekade: Reform und Toleranz

von Lutz Poetter

Das Jahresthema 2013 der Evangelischen Kirche in Deutschland heißt "Reformation und Toleranz".

Foto: Lutz Poetter

Heldengeschichten sind hier nicht zu erzählen, Toleranz war nicht der Motor des Umbruchs zur Neuzeit, in dem die Reformation stattfand. Das frühe 16. Jahrhundert war noch stark vom statischen Mittelalter geprägt. Auch unser Reformator Martin Luther stammte aus diesen Strukturen, er begann seinen Lebensweg als folgsamer Sohn der mittelalterlichen katholischen Kirche. Aber er ging bei seinen Glaubensfragen in neue Tiefen menschlicher Erfahrung, er fragte, zweifelte und glaubte tiefer und radikaler als die meisten seiner Zeitgenossen. Luther war empfindsam und rebellisch zugleich: Er hielt vieles in seiner Kirche nicht aus, er ertrug ihre inneren Widersprüche nicht. Aus seinem persönlichen Glaubenskampf erwuchsen ihm Fragen an seine Kirche und ihre Glaubenspraxis. Der Mönch Martin hatte den Mut, diese Fragen auch öffentlich zu stellen. Aber seine Kirche wollte dem unbequemen Frager nicht zuhören, seine herausfordernden Thesen nicht diskutieren. Der häretische Augustiner wurde aus der Kirche herausgeworfen, mit der Reichsacht und dem Kirchenbann belegt. Luther war vogelfrei, jeder konnte und durfte ihn töten. Beim Reichstag sollte Martin einfach nur widerrufen und sich unterwerfen vor Kaiser und Papst. Danach sollte er für immer schweigen. Als Luther standhaft blieb, wollte der Papst dieser frechen wittenbergischen Nachtigall einfach nur noch den Hals umdrehen. Alles war schon vorbereitet für seine Gefangennahme und Exekution. Ein weiser Fürst kam dem Komplott zuvor und versteckte den geächteten Mönch als Junker Jörg auf seiner Burg. Dieser kehrte von der Wartburg wieder zurück nach Wittenberg – als Kämpfer und Protestant. Aus Kontrahenten waren Todfeinde geworden. Von nun an herrschte offener Krieg zwischen dem Rebellen Luther mit seinen Anhängern und den Repräsentanten der römischen Kirche.

Reformatorische In-Toleranz?

Das neu entdeckte Licht der evangelischen Wahrheit warf einen dunklen Schatten. Martin Luther, Huldrych Zwingli und Johannes Calvin waren mutige Männer im Protest gegen die bis dato alles dominierende katholische Kirche. Sie standen klar für ihre Überzeugungen ein. Bittere Erfahrungen hatten die Protestanten allerdings verändert. Sie waren hart geworden und unerbittlich, auch gegen die eigenen reformatorischen Partner. Schmälert es seine herausragende Leistung, wenn wir an unserem Reformator Martin Luther starke Züge der Intoleranz entdecken? Wie eine Furie fuhr Luther in Wittenberg dazwischen, als sein Mitstreiter Karlstadt die Kirchen auch im Innenraum vom Ballast befreien wollte. Luther hatte kein Verständnis für die so genannten "Bilderstürmer", die sich doch – zu Recht – auf seine Lehre beriefen. Mit unsäglichen Hetzschriften verriet Luther das Anliegen der aufständischen Bauern, die nach der frisch errungenen Freiheit eines Christenmenschen endlich auch die reale Befreiung aus der Leibeigenschaft erwarteten. Scharf distanzierte sich Luther vom linken Flügel der Reformation, der Täuferbewegung des Thomas Münzer. Der Reformator Luther wusste, dass es die deutschen Fürsten waren, die sein Anliegen gegen Kaiser und Papst unterstützt hatten. Die weltlichen Herrscher wurden zu geistlichen Oberhäuptern der evangelischen Kirchen, jeder Landesfürst bestimmte als oberster Bischof die Konfession seiner Landeskinder. Beim Aufstand der Untertanen war Luther deshalb auf der Seite der weltlichen Obrigkeit. Später taten ihm die vielen getöteten Bauern leid, es half ihnen bloß nichts mehr. Ebenso vernichtend waren die späteren Schriften des Reformators gegen die Juden. Luther war ein großartiger Erneuerer der Kirche, und er war zugleich intolerant. Er konnte sich nicht vorstellen, dass unterschiedliche Wahrheits- und Glaubensvorstellungen gleichberechtigt neben einander stehen könnten. Allerdings bewiesen Calvin und Zwingli auf der reformierten Seite, dass unter der Diktatur des neuen Glaubens selbst in freien Städten keinerlei Abweichung geduldet wurde: Auch in Genf brannten die Scheiterhaufen.

So war der Augsburger Religionsfriede in der Mitte des 16. Jahrhunderts nur ein mühsam erkämpfter Kompromiss, der ein gespanntes Nebeneinander von katholischer und lutherischer Konfession in Deutschland verordnete. Die Konflikte blieben bestehen und verschärften sich unter der Oberfläche. Im Dreißigjährigen Krieg explodierten sie und rissen Mitteleuropa in Tod und Armut. Im Namen der wahren Religion wurde gebrandschatzt, gefoltert, vergewaltigt und ermordet. Der geschundenen Zivilbevölkerung war es letztlich gleichgültig, ob die Kriegsgewalt von einem protestantischen oder einem katholischen Kriegsherrn ausgeübt wurde.. Natürlich ging es nicht nur um Religion, sondern hauptsächlich um Macht in diesem Krieg, aber die konfessionellen Differenzen schürten Hass und Zwist.

Was sagt eigentlich die Bibel?

Das reformatorische Schriftprinzip hätte beide Haltungen stützen können: Toleranz wie Intoleranz. Die Evangelien geben Zeugnis von Jesus als dem Christus. Der Mann aus Nazareth lud alle ein, die mühselig und beladen waren. Er offenbarte sich als der gute Hirte, als Freund der Armen, Retter der Verlorenen. Er warnte eindringlich vor Selbstgerechtigkeit und richtender Verurteilung der anderen. Er predigte Vergebungsbereitschaft, Feindesliebe und Gewaltverzicht. Insofern war und ist der Christus die reinste Verkörperung göttlicher und menschlicher Toleranz. Aber es gibt auch radikale Formulierungen in den Evangelien, die scheinbar das Gegenteil predigen: Jesus peitschte die Händler aus dem Tempel und störte damit die öffentliche Ordnung im Namen Gottes. Er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert, so verkündete es der Zimmermannssohn aus Nazareth, der die scharfe Ablehnung der religiösen und staatlichen Institutionen bis hin zur Kreuzigung erdulden musste. Aus der Bibel können wir beide Haltungen entnehmen, sowohl tolerante wie intolerante. In den reformatorischen Kirchen und ihren Theologien war die intolerante Haltung die vorherrschende.

Aufklärung

Die Freiheit und die Würde der Menschen als gesellschaftlicher und natürlicher Lebewesen war eine Entdeckung der Philosophen, nicht der Kirchenmänner. Am Ende des mörderischen Dreißigjährigen Krieges kam unter den nachdenklichen Überlebenden diese Wahrheit zum Vorschein: Man muss als Mensch erst einmal am Leben sein und bleiben dürfen, unabhängig von religiöser oder staatlicher Legitimation. Ein Mensch ist zuerst ein Mensch, er wird dann erst Christ und Untertan.

Denker der Aufklärung in ganz Europa brachten diese Erkenntnis voran, oftmals gegen den erbitterten Widerstand der Theologen. Die sprichwörtliche Toleranz des preußischen Friedrich kam von den Ideen eines Voltaire. Jeder soll nach seiner eigenen Fasson selig werden – dieser lakonische Satz verriet viel von der inneren Distanz des Preußenkönigs zur Kirche, deren oberster Bischof er sein sollte. Persönlich fühlte sich der alte Fritz bei den Freimaurern mit ihren aufklärerischen Gedanken besser aufgehoben.

Nationalismus und Faschismus

Im Zeitalter der Nationen dienten sich protestantische Kirchen gerne den Machthabern an. Damit wurden die Kirchen aber auch in den Kampf der Nationen gegeneinander hineingerissen. Mit Gott für Kaiser und Vaterland – so zogen deutsche Truppen vor bald 100 Jahren in die Schlacht. Auch in unserer Petruskirche wurde damals flammend vaterländisch gepredigt und der Krieg gutgeheißen. Eine Generation später folgten die meisten Evangelischen dem größten Führer aller Zeiten und seinen Wahnideen vom Sieg der arischen Herrenrasse, von heiligem Blut und heiligem Boden. Nur wenige bekannten sich zum Juden Jesus von Nazareth und der unverfälschten Wahrheit der Bibel: Auf einen bekennenden Christen kamen 100 deutsche Christen. Nur wer mit den Juden schreit hat auch das Recht, gregorianisch zu singen – mit dieser Kritik war der Berliner Pastor Dietrich Bonhoeffer ebenso in der Minderheit wie mit seiner Unterstützung des deutschen Widerstands gegen Hitler. Es gab allerdings auch in Lichterfelde Pfarrer der Bekennenden Kirche, die als Regimegegner verhaftet und ins Gefängnis gebracht wurden.

Grenzen der Toleranz

Christliche Kirche steht als Kirche der Freiheit immer im Widerstand gegen totalitäre Ideologien und faschistische Herrschaft – diese Lektion aus der Barbarei des Dritten Reiches haben wir Christinnen und Christen im demokratischen Nachkriegsdeutschland gelernt. Deutschland ist Heimat für Menschen aus vielen Ländern, Kulturen und Religionen, das merken wir gerade in Berlin sehr deutlich. Toleranz sieht darin einen großen Reichtum. Diesen Reichtum darf uns niemand nehmen. Wir dulden keinen politischen, kulturellen oder religiösen Faschismus. Niemand darf im Namen irgendeines göttlichen oder menschlichen Heils Menschen bevormunden, unterdrücken und töten. Wir brauchen keinen Gottesstaat und keinen Gotteskrieg, bei uns nicht und auch nicht woanders. Bei den Kriegern der Intoleranz hört unsere Toleranz definitiv auf.

Lutz Poetter