ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Juli/August 2013

26.3.2019

Schweinefleisch
Lutherdekade: Reform und Toleranz

Von Stefan Maass

Eine Kleinstadt war innerhalb von 15 Jahren von 8.000 Einwohnern auf 20.000 Einwohner angewachsen. Die alteingesessene Bevölkerung war unsicher und ängstlich. Die meisten Zugezogenen kamen aus der ehemaligen Sowjetunion und der Türkei. Die Stadt beschloss, Verständnis und Toleranz im Zusammenleben zu fördern.

Foto: Basti Arlt

Eine Gruppe von Bürgern ohne Migrationshintergrund, von Einwohnern mit türkischem und russlanddeutschen Hintergrund und von Vertreter/-innen verschiedener sozialer Institutionen sollten Probleme identifizieren und Vorschläge erarbeiten, wie das Zusammenleben verbessert werden könne.

Die Gruppe traf sich insgesamt fünf Mal für zwei Tage von 9 bis 16 Uhr. Die Mitglieder der Gruppe gingen sehr rücksichtsvoll miteinander um und versuchten, unterschiedliche Positionen zu verstehen.

Das Mittagessen wurde jedes Mal in einem anderen Restaurant der Stadt eingenommen.

Als die Gruppe die ersten beiden Male zum gemeinsamen Essen ging, erläuterte der verantwortliche Sozialarbeiter, dass das Essen kein Schweinefleisch enthalte. Das gemeinsame Essen nach den Arbeitsphasen bot eine wunderbare Gelegenheit, dass sich die Teilnehmenden der Projektgruppe noch besser kennenlernten.

Beim dritten Treffen ging die Gruppe in ein chinesisches Restaurant. Diesmal sagte der Sozialarbeiter nichts zum Essen. Plötzlich rief eine junge Muslima entsetzt: "Da ist Schweinefleisch!" Alle Muslime ließen sofort ihre Gabel fallen. Insbesondere die Jüngeren waren völlig verunsichert, was dies für sie bedeute.

Eine ältere Frau fragte den Sozialarbeiter, wieso er nichts zum Essen gesagt habe. Er antwortete: "Es hat ja niemand gefragt!Und es gibt ja auch eine Speise mit Hühnerfleisch!" Die Emotionen kochten hoch. "Müssen wir jedes Mal fragen? Ist nicht bekannt, dass Muslime kein Schweinefleisch essen?", fragte eine Muslima.

Der Wirt kam angelaufen und erkundigte sich, ob mit dem Essen etwas nicht stimme. Ein Teilnehmer antwortete: "Einigen von uns schmeckt kein Schweinefleisch und sie wussten nicht, dass in dem Essen Schweinefleisch ist." Nun wurden die Muslime noch ärgerlicher und meinten: "Es geht nicht darum, ob es uns schmeckt oder nicht! Es geht um unseren Glauben!" Ein Muslim wandte sich an den Sozialarbeiter und sagte: "Sie werden es einmal vor Gott verantworten müssen, was Sie heute getan haben!" Der Sozialarbeiter war nun auch sehr verärgert und entgegnete: "Muss man immer für euch mitdenken. Außerdem will ich auch mal wieder Schweinefleisch essen! Ich habe wegen euch zweimal auf Schweinefleisch verzichtet. Es gibt auch ein Essen ohne Schweinefleisch und ihr hättet ja fragen können, welcher Topf kein Schweinefleisch enthält!"

Entsetzen, Wut und Misstrauen wurden jetzt offen ausgesprochen. Den ganzen Nachmittag bearbeitete man diesen Konflikt. Die Teilnehmenden der Gruppe äußerten ihre Zweifel am Erfolg dieses Projekts.

Später zeigte sich, dass es gerade wegen dieses sehr starken Konflikts möglich war, einander zu begegnen und sich ehrlich die Meinung zu sagen, aber auch die Meinung des anderen zu hören. Offenheit und Ehrlichkeit in der Gruppe verhalfen zu mehr Verständnis füreinander, so dass das Projekt schließlich erfolgreich war.

Stefan Maass