Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Gemeindezentrum CelsiusstraßeGemeindehaus Ostpreußendamm
Gemeindehaus ParallelstraßeDorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Juni 2013

23.9.2019

Soviel du brauchst?
Der theologische Artikel

von Pfarrer Walter Jungnickel


Foto: Jakob Ehrhardt@pixelio.de

Das war die Losung vom vergangenen Kirchentag in Hamburg. Das ist ein umfassendes Thema mit vielen Variationen. Deshalb nur einige Aspekte dazu.

Ein erster Gedanke: In der Not brauche ich nicht viel. Im Wohlstand (ge) brauche ich immer mehr. Ein Kind braucht mehr und weniger als Eltern sich ausdenken. Ein Jugendlicher braucht anderes als was wir Erwachsene meinen. Alle Menschen brauchen etwas, was nichts kostet – Zeit und Liebe.

Unsere Bedürfnisse sind vielfältig, je nach Lebensphase, Charakter-Verschiedenheit und Angebot. Wo kommen unsere Bedürfnisse her?

Der Mensch als begabtes Mangelwesen

Gott schuf den Menschen als begabtes Mangelwesen. In der Schöpfungsgeschichte heißt es: Gott gestaltete den Menschen aus der Erde und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch ein lebendiges Wesen. (1.Mose 2,7) Das hebräische Wort für lebendiges Wesen – näfäsch – heißt genau übersetzt "Kehle". Das ist für unser Sprachempfinden ernüchternd. Doch wenn wir uns klarmachen, welche vielfältigen und entscheidenden Tätigkeiten durch unsere Kehle gehen, dann verstehen wir wofür das Wort Kehle steht: Atmen, Sprechen, Rufen, Jubeln, Singen, Hungern, Dürsten, Verschlingen, Begehren, Stillwerden; Luft, Wasser, Nahrung, Töne, Sprache, Lebensdurst, Lebenslust. Wir Menschen sind von Gott bedürftig geschaffen. Unsere Bedürfnisse sind vielfältig, je nach Lebensphase, Charakter-Verschiedenheit und Angebot.

Was sind unsere Bedürfnisse je nach Lebensphase?

als

  • Kind
  • Jugendlicher
  • Junger Erwachsener
  • Familie
  • Eltern mit erwachsenen Kindern
  • Großeltern
  • Alleinlebende
  • alter Mensch
  • hilfsbedürftiger Mensch

Was brauche ich?

  • Anerkennung als unverwechselbare Person (Menschenwürde)
  • Anerkennung der Tätigkeit
  • Sprache und Ansprache
  • Zuspruch und Widerspruch
  • Raum und Zeit zum Gestalten der Begabungen
  • Arbeit und Arbeitsruhe
  • Neugierde und Muße
  • Grenzüberschreitung und Gelassenheit
  • Genießen und Besinnen
  • Liebe – Glaube – Hoffnung

Von der bedürftigen Person zum 24-Stunden-Verbraucher

Von dem biblischen Menschenbild – der Mensch als Mangelwesen mit der dürstenden Kehle – kann man Kulturtheorien ableiten: der Mensch braucht Symbole, Spiel, Poesie, Musik, Kunst, Schönheit, Wanderlust, Vision, Utopie, Spiritualität, Religion.

In der Paradiesgeschichte heißt es: Gott ließ Bäume und Früchte wachsen, verlockend anzusehen und gut schmeckend (1.Mose 2,9). Der von Gott geschaffene bedürftige Mensch bekommt von Gott eine Fülle von Gaben zum Genießen und Gestalten. Dieses ungeheure Angebot an Gaben und Möglichkeiten ist für den bedürftigen Menschen so überwältigend, dass er oft nicht sagen kann, was er braucht. So entsteht ein Problem: der bedürftige Mensch macht sich auf den Weg mit den Stationen Bedarf – Genuss – Gestaltung – Verbrauch.

Aus der Not in die Fülle

Als das Volk Israel aus der Not- und Hungersituation der Wüste in das gelobte Land kam, begann der Prozess der Sesshaftwerdung: der mühsame Weg zum Sattwerden. Die verschiedenen Stämme hatten dieselbe Ausgangsposition und entwickelten ihren Lebensstandard. Doch nach einiger Zeit hatten sich sozial ungleiche Verhältnisse entwickelt. Die Schere zwischen arm und reich ging auseinander: die einen plagten sich um das Erlangen des täglichen Brotes und andere veranstalten Feste im Überfluss.

Die Propheten wie Amos oder Micha prangerten diese Ungerechtigkeit im Namen Gottes in gefährlicher Schärfe an. Der Gegensatz – bedürftiger Mensch und hemmungsloser Verbraucher – zeigt ein erstes Profil.

Welche verschiedenen Wege gehen wir? Von der bedürftigen Person bis zum 24-Stunden-Verbraucher und wieder zurück?

Wie könnte der Weg zurück aussehen? Ergibt er sich automatisch, wenn wir uns auf die wesentlichen Bedürfnisse konzentrieren oder müssen wir uns ganz bewusst gegen die verführerische, übermächtige Bedürfnis-Erweckungs-Industrie wehren?

Wir brauchen das tägliche Brot

Wir brauchen keine 20 Brotsorten. Können wir bei diesem Riesenangebot noch glaubwürdig den Satz aus dem Vaterunser beten: unser täglich Brot gib uns heute? Diese Formulierung Jesu erinnert an jene Notsituation, als das Volk Israel in der Wüste das tägliche Brot dringend brauchte. In seiner Not, in seiner Angst ums Überleben hat sich das ganze Volk gegen seine Führer Mose und Aaron empört und wollte lieber zurück in die Sklaverei, wo es wenigstens genug zu essen gab. Dann erlebten sie das Wunder, dass sie vom Manna gesättigt wurden. Jeder hat bekommen, was er zum Essen brauchte, der eine mehr, der andere weniger – so viel wie jeder brauchte (2.Mose 16,17-18).

Das war eine Notsituation, wo man nicht viel zum Leben braucht. Ich habe von vielen älteren Menschen gehört, dass sie in der Notsituation von Flucht und Hunger mit sehr wenig sehr zufrieden waren. Die Aussage des 23. Psalms: der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, wurde in einer Mangelsituation glaubwürdig empfunden und gebetet. Da war die kurze Bitte, unser täglich Brot gib uns heute, eine Äußerung des Lebensgefühls. In manchen Gegenden hat die Mutter vor dem Brotanschneiden mit der Messerspitze ein Kreuzeszeichen gemacht, damit das Brot gesegnet sei.

Meinte Jesus mit dem täglichen Brot das Notwendige wie Essen und Trinken, was unser Körper ja unabdingbar braucht? Martin Luther kann uns bei dieser Frage weiterhelfen. Er erweitert das Wort "täglich Brot" noch auf ganz andere Bereiche.

Was heißt denn täglich Brot?

Alles, was nottut für Leib und Leben wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen." (Auslegung des Vaterunsers im Kleinen Katechismus. Evangelisches Gesangbuch 806.3) Das Wort "fromm" bedeutete damals außer "gläubig" noch "tüchtig, tapfer, rechtschaffen, treu".

Mit dieser Deutung hat Luther eine große Palette vorgestellt für die ewige Frage "Was brauchen wir zum richtigen Leben?" Aber hat er mit dieser Interpretation nicht übertrieben? Setzt er bei diesen Gedanken nicht das Ideal eines Bürgers mit Familie, Besitz, Reputation und Erfolg voraus? Wie passt dieses Denken zu den radikalen Worten Jesu: "Sammelt nicht Besitz in eurem Leben." (Matthäus 6,19).

Doch diese Rückfrage trifft uns heutige Christen genauso. Das Ideal der Besitzlosigkeit, in der Nachfolge Christi immer wieder von Einzelnen und einzelnen Gruppen versucht, wird von uns Besitzenden oft bewundert, aber nicht selber vollzogen. Viele von uns sind mehrfach versichert für Reise und Rente, gegen Krankheit, Unfall, Feuer, Diebstahl, Sterben. Unser vielfältiges Leben ist nicht einfach. Und doch steckt in vielen die Sehnsucht nach dem einfachen Leben. Für kurze Zeit wird das im Kleingarten oder Bauernhof versucht oder auf einer Pilgerfahrt oder eine Woche Kloster. Doch das sind Ausflüge und kein Alltag.

Das sind nur begrenzte Gedanken zu dem umfassenden Thema "Was brauchen wir zu einem erfüllten Leben?" Begrenzt auch deshalb, weil das Thema "soziale Armut" bei uns und in anderen Ländern nicht angesprochen ist.

Ich wünsche mir, dass das Thema weiterwirkt.

Pfarrer Walter Jungnickel

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch:

zum Seitenanfang   Übersicht der Themen   blättern