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16.10.2018

Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde
Gedenkfeier an der Säule der Gefangenen; Rede einer Schülerin der Louise-Schroeder-Schule

von Rosalie Thiele

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,
ich möchte Sie auch in meinem Namen zu dieser besonderen Veranstaltung am heutigen 8. Mai begrüßen, der nicht nur Kriegsende, sondern auch Befreiung bedeutete.


Rosalie Thiele von der Louise-Schroeder-Schule – Foto: Reiner Kolodziej


Musikalische Umrahmung durch das Ensemble der Beethoven-Schule und den "Sächsischen Bergsteigerchor" aus Dresden – Foto: Alexander Krause


Drei ehemalige Häftlinge des KZ-Außenlagers. V.l.n.r.: Henry Chruszczynski, ehem. polnischer Häftling des Außenlagers; Jozef Pilecki, polnischer Zwangsarbeiter in Danzig, und Wladyslaw Nowaczyk, polnischer Zwangsarbeiter in Berlin – Foto: Reiner Kolodziej

Mein Name ist Rosalie Thiele, ich bin Schülerin der Louise-Schroeder-Schule und habe die diesjährige Aufgabe übernommen, die Schülerrede zu halten. Um Sie auf meine Rede einzustimmen, möchte ich zunächst eine fiktive Situation schildern:

Es ist ein Dienstagabend, es spielen Kinder, gegenüber ein Mann, der Rüben hackt. Ein Hund, der in der untergehenden Sonne bellt. Dann wird diese idyllische Ruhe von den quietschenden Reifen eines Transporters gebrochen.

Zwei Männer der Gestapo steigen aus, und mit schnellen Schritten sind sie bei dem Mann, der nun die Hacke fallen lässt, und nehmen ihn unter den Augen der Nachbarn hinter Fenstergardinen mit. Seine Kinder sehen ihn nie wieder.

So ging es wahrscheinlich vielen Gegnern des Regimes, die ab 1933 deportiert wurden, angefangen mit den sogenannten "Asozialen", wie den Sinti und Roma und den Homosexuellen, den Politischen, wie an aller erster Stelle den Kommunisten und Sozialdemokraten und schließlich den Religiösen wie den Zeugen Jehovas, derer an dieser Stelle letztes Jahr gedacht wurde, und nicht zuletzt den Juden als größter Opfergruppe.

Wir sind heute hier, um des politischen Widerstands zu gedenken, der in der Nachkriegszeit kaum beachtet wurde. Ich möchte das am Beispiel des kommunistischen Widerstands ausführen.

Die KPD-Abgeordnete Clara Zetkin hatte bereits mit ihrer Reichstagseröffnungsrede am 30. August 1932 als ältestes Mitglied des Reichstages ein Zeichen gegen den Faschismus gesetzt. Nach der Machtübergabe am 30. Januar 1933 spitzte sich die Situation schlagartig zu.

Es wurde die Reichstagsbrandverordnung verabschiedet, die der "Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltattacken" dienen sollte und so den Nationalsozialisten die rechtliche Grundlage bot, um Mitglieder der KPD in sogenannte "Schutzhaft" zu nehmen.

Der kommunistische Widerstand dagegen blieb ohne größere Wirkung, da schnell viele führende Köpfe der KPD-Abgeordneten in den Nazikerkern verschwanden, während die anderen untertauchten oder ins Exil gingen. In Erinnerung geblieben ist als die bekannteste Widerstandsgruppe die "Rote Kapelle".

Es gab immer wieder einzelne kommunistische Widerstandsversuche in Deutschland. Die größere Wirkung aber hatten Aktionen im Ausland, die auf das Reich einwirkten, und Aktionen in den besetzten Gebieten.

Als ein Beispiel möchte ich hier den Aktivisten Aksel Strand Wahl anführen. Er war der Vorsitzende der kommunistischen Partei im norwegischen Hammerfest, organisierte den dortigen Widerstand und wurde im März 1944 von der Gestapo verhaftet und nach Sachsenhausen deportiert. Über Sachsenhausen kam er dann in dieses Außenlager Lichterfelde. Später wurde er mit Hilfe des Schwedischen Roten Kreuzes und der sogenannten "Weißen Busse" zurück zu seiner Familie gebracht.

So weit zur Geschichte, die uns vergangen scheint. Aber unsere Geschichte holt uns immer wieder ein. Dies tut sie gegenwärtig in Gestalt von Neo-Nazis. Sie beschäftigen unsere Presse und unsere Gedanken, wenn wir die Beschmierungen der Stolpersteine bemerken. Ich frage mich, wie es immer noch dazu kommen kann, dass diese nationalsozialistischen Ansichten Anhänger finden. Die Schule vermittelt in ausreichendem Maße Wissen über diese Zeit in so gut wie jedem Fach. Tatsächlich halten sich alle Schüler und Schülerinnen schon längst für aufgeklärt und sind des Themas schon lange überdrüssig.

Erschütternd fand ich die eiskalte Brutalität, mit der der sogenannte nationalsozialistische Untergrund – NSU – vorwiegend deutsche Mitbürger mit Migrationshintergrund auf offener Straße ermordete.

Die einzige Überlebende des NSU-Kerns, Beate Zschäpe, muss sich nun, erst zehn Jahre danach, vor Gericht verantworten. Warum erst jetzt? Lag es etwa an dem mangelnden Interesse der Ermittler ähnlich dem der Schüler? Oder wie anders sind die vielen anderen Pannen zu erklären?

So hatten doch tatsächlich die Ermittler angenommen, es handle sich wohl um Bandenkriege zwischen den Familien und hatten so die Familien der Opfer verdächtigt.

Die Vorgänge des NSU haben uns erneut aus einer vermeintlichen Idylle herausgerissen. Wenn ich nun an einem Dienstagabend über die Straße gehe und über eine Gedenktafel laufe, die an diese oder ähnliche Ereignisse erinnert, macht mich das traurig und aggressiv. Lassen Sie uns gemeinsam dafür eintreten, dass solche schrecklichen Verbrechen an Menschen wie die der NSU und in der NS-Zeit nie wieder vorkommen.

Um dieses Ziel zu erreichen, lasst uns gemeinsam, jeder einzelne von uns, wachsam, tolerant gegenüber Andersartigkeit sein und Meinungsvielfalt fördern.

Demokratie ist in meinen Augen die beste Möglichkeit, Toleranz, Gleichberechtigung, Meinungsvielfalt und Freiheit zu leben.

Ich bin nicht stolz auf mein "Vaterland", weil es so vielen Menschen Leid zugefügt hat. Man kann es mit nichts wieder gut machen. Ich kann nur zuhören, versuchen zu verstehen, zu hinterfragen und zu diskutieren und so Geschichte aufzuarbeiten, damit sich solche Dinge nicht wiederholen.

Indem Veranstaltungen wie diese stattfinden, an denen an jene Opfer gedacht wird, können wir einen kleinen Beitrag für diese Arbeit leisten.

Wir stehen heute an diesem Ort, um nicht nur einzelner Schicksale zu gedenken, sondern auch um in der Zukunft dafür zu sorgen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der eine freie Entfaltung möglich ist und kein Kind mehr ohne seinen Vater, der ihm aus politischen oder rassistischen Gründen genommen wurde, aufwachsen muss.

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, eine tolerante und aufmerksamere Gesellschaft zu werden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, und ganz besonderen Dank für das Kommen der älteren Männer, die hier vor vielen Jahrzehnten leiden mussten.

Und ich danke allen, die mir Anregungen zu meiner Rede gegeben haben.

Rosalie Thiele

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