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20.7.2019

"Seid gesegnet dem Herren immer und ewiglich" – August Hermann Francke, das Waisenhaus und der Hallische Pietismus
Teil 3

von Torsten Lüdtke

Nach seiner am 22. Dezember 1691 geschehenen Berufung zum Pfarrer an der St. Georgen-Kirche in Glaucha und zum Professor der griechischen und orientalischen Sprache bei der in Gründung befindlichen Universität Halle traf August Hermann Francke bereits am 7. Januar 1692 an seiner neuen Wirkungsstätte ein. Der kleine Ort Glaucha, lag am Ende des 17. Jahrhunderts noch vor den Toren der Stadt und war eine eigenständige, bürgerliche Gemeinde. Aus diesem Grund wurde auch die Predigerstelle, die Francke erhielt, durch die kurbrandenburgische Regierung von Berlin aus besetzt, und mussten es keine Rücksichten auf die geistlichen Stellen oder den Magistrat in der Stadt Halle genommen werden.


Bildnis August Hermann Franckes in den Franckeschen Stiftungen

Francke fand bei seinem Amtsantritt in Glaucha eine zerrüttete Gemeinde vor: Sein Vorgänger war wegen Ehebruchs und anderer Verfehlungen abgesetzt und inhaftiert worden, und von den rund 200 Häusern des Ortes waren 37 Bierschenken und "Tanzhäuser", zu "denen die Hallenser schaarenweise zogen". So herrschte in Franckes Pfarrbezirk eine "krasse Unwissenheit in Glaubensfragen und weitgehende sittliche Verwahrlosung". Francke ließ sich weder von den in Glaucha herrschenden Zuständen, noch von den Anfeindungen der Prediger der Halleschen Kirchen anfechten. Am 7. Februar 1692 hielt Francke seine Antrittspredigt in der Georgenkirche und wurde daraufhin einstimmig als Prediger von der Gemeinde angenommen. Außer den üblichen Gottesdiensten am Freitagabend und am Sonntagvormittag richtete Francke bald tägliche Betstunden, sowie einen Katechismus-Unterricht für die Kinder und Erwachsenen seiner Gemeinde ein. Auch sonst versuchte Francke, die unerträglichen sozialen Zustände und die Not in Glaucha allgemein zu bessern; dabei lagen ihm vor allem die Kinder am Herzen: Um deren Leid zu lindern, stellte er aus den Kirchenkollekten auch das Schulgeld zur Verfügung. Seine Aufgabe als Seelsorger in Glaucha nahm Francke sehr ernst – und wenn er auch nahezu ganz darin aufging. so wartete er doch ebenfalls auf die feierliche Eröffnung der Universität Halle, wo er als Professor die griechische und orientalische Sprache lehren sollte. Nach etwas mehr als zwei Jahren, am 1. Juli 1694 fand schließlich die feierliche Eröffnung der Universität im Beisein des Kurfürsten Friedrich III. – des späteren, ersten preußischen König Friedrich I. – statt. Gleichzeitig mit Francke war auch Joachim Justus Breithaupt (1658-1732)und etwas später auch Paul Anton (1661-1730)als Professoren der Theologie nach Halle berufen worden. Ebenfalls im Jahr 1694, am 4. Juni 1694, heiratete Francke in Rammelburg Anna Magdalena Wurmb (1670–1731), die Tochter des Gutsbesitzers Otto Heinrichs von Wurmb aus Hoppenrode, einem Ort in der Umgegend von Halle.

Neben seiner Tätigkeit als Professor in Halle setzte Francke in Glaucha seine karitative Arbeit fort, besonders suchte Francke seine Bemühungen für verwahrloste und in Not geratene Kinder fortzusetzen. Als schließlich, zu Ostern 1695, eine größere Spende in der Armenbüchse des Pfarrhauses lag – es wird verschiedentlich ein Betrag von vier Talern und 16 Groschen oder von sieben Gulden genannt - wurde dies der Grundstock von Franckes Stiftungen. Die Freude über den Fund beschreibt Francke selbst so: "Das ist ein ehrlich Kapital! Davon muß man etwas Rechtes stiften! Ich will eine Armenschule damit anfangen!"

Die mit diesem Anfangskapital gelegten Anfänge der Franckeschen Stiftungen waren äußerst bescheiden; zwei Thaler nahm Francke, um damit Schulbücher für seine Armenschule zu kaufen und für 16 Groschen wöchentlich stellte er einen armen Studenten – einen Kandidaten der Theologie – der täglich zwei Stunden Unterricht in einer Stube des Pfarrhauses halten sollte, an. Doch blieb sein Vorhaben nicht ohne Rückschläge, denn es behielten oder verkauften viele der Kinder die ihnen gegebenen Bücher und kamen nicht wieder. Von solchen anfänglichen Rückschlägen ließ sich Francke jedoch nicht entmutigen und schließlich befestigte im Glauchaischen Pfarrhaus eine Spendenbüchse mit der Inschrift: Zur Information der armen Kinder und den daraus nötigen Büchern und anderem Zubehör". Die zu diesem Zweck gewährten Spenden ermöglichen es Francke, nicht nur für den Unterricht zu sorgen, sondern auch Almosen und Essen auszugeben. Rasch stieg die Zahl der Schüler, und auch das Spendenaufkommen wuchs stetig. Bald reichte das Zimmer im Pfarrhaus nicht mehr aus und Francke sah sich genötigt, erst einen, dann einen weiteren Raum in einem benachbarten Gebäude zu mieten. Als sich Anfragen begüterter Bürger und aus dem Adel einstellen, die eine Erziehung in Sinne Francke wünschen, begründete Francke mit seinem – seit 1695 in Glaucha als Adjunkt wirkenden – Schüler Johannes Anasthasius Freylinghausen (1670-1739) ein Pädagogium.

Die Spende von 500 Reichsthalern bildet den Grundstock für einen Freitisch, den Francke für Arme, vor allem aber für bedürftige Studenten und Schüler einrichtet. Da die Zahl der Tischgäste stetig zunahm, wurde bald ein Inspektor, der die Aufsicht über diese führte, eingesetzt und eine Tischordnung für den Freitisch erlassen. Aus dem Kreis der am Freitisch essenden Studenten wählten Francke und seine Mitarbeiter aber auch die Lehrer der verschiedenen pädagogischen Einrichtungen, zu denen 1697 auch eine Lateinschule (für Jungen) und eine Erziehungsanstalt für Mädchen, das "Gynaecum", gehörten.

Bald reichten aber die Räumlichkeiten in dem zunächst gemieteten, später von Francke auch käuflich erworbenen Gebäuden in Glaucha nicht mehr aus, und so wurde der Plan eines Neubaus für das Waisenhaus gefasst. Bereits im Jahr zuvor – also 1696 – war der Schüler und Mitarbeiter Franckes, der stud. theol. Neubauer, in die Niederlande gereist, um einige der dort bestehenden Waisenhäuser nach Plan und Anlage näher in Augenschein zu nehmen.

Bald nach der Rückkehr Neubauers wurden die Pläne für das neue Waisenhaus in Glaucha – unter Nutzung verschiedener kurfürstlicher Privilegien, die ihm Akzise-, Zoll- und Geleits-Freiheit zusicherten, und durch zahlreiche Spenden ermöglicht – ins Werk gesetzt, und am 13. Juli 1698 schließlich der Grundstein gelegt. Binnen Jahresfrist war der große, neue Bau vollendet; doch dauerte es noch bis zum April 1701, bis das Gebäude endgültig eingerichtet und bezogen war. Das stattliche, fünfzehn Fensterachsen breite, auf hohem Sockel errichtete und mit einem allegorischen Giebelrelief bekrönte Gebäude barg in seinem Innern nicht nur die Wohn- und Unterrichtsräume von Schülern und Lehrern, sondern auch die Bibliothek und die Kunst- und Naturalienkammer. Letztere sollten ein Abbild der Welt schaffen und die Schöpfung Gottes für Schüler und Lehrer faßbar machen. So hatte auch das Giebelrelief programmatischen Charakter: Zwei zur Sonne auffliegende Adler tragen ein Spruchband in ihren Fängen, auf dem in großen goldenen Buchstaben ein Wort aus dem Propheten Jesaja angebracht ist: "Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler" (Jes. 40,31)

War Francke anfangs nur auf Spenden für seine Unternehmungen angewiesen, konnte er zunehmend durch seine eigene, schriftstellerische Tätigkeit wie auch durch die Erzeugnisse der anstaltseigenen Betriebe, wie etwa der Druckerei oder der Apotheke, die Einkünfte des Waisenhauses steigern.

Gesamtansicht der Franckeschen Stiftungen (Kupferstich, 1749)

Bald schon war auch der 1701 vollendete Neubau des Waisenhauses für die wachsenden Aufgaben zu klein; entlang des dahinter gelegenen Lindenhofes entstanden immer neue Gebäude: Im Jahr 1709 entstanden ein dreistöckiger Fachwerkbau für Waisenmädchen und die Mädchenschule, im darauffolgenden Jahr wurde für Schüler aus Großbritannien das Englische Haus errichtet. Ferner entstand 1710 zwischen dem Hauptgebäude und dem "Englischem Haus" ein weiterer Gebäudekomplex, in dem sich neben einem Speisesaal im Untergeschoss, auch ein Sing- und Betsaal in den oberen Geschossen befanden, in dem bis zu 2000 Personen Platz finden konnten. Ebenfalls 1710 gründete Francke gemeinsam mit dem ehemaligen preußischen Offizier und Hofbeamten Carl Hildebrand Freiherr von Canstein (1667-1719) eine Bibelanstalt, die später nach ihrem Begründer als "Cansteinsche Bibelanstalt" bezeichnet wurde, wo mit "stehendem Satz" preiswerte Bibeln gedruckt wurden. Mit der "Cansteinschen Bibelanstalt" und der "Dänisch-Hallesche Mission" suchte Francke eine weltweite "Generalreformation" zu begründen und pietistische Standpunkte und Ansichten zu fördern und verbreiten. Neben dem Wirken für das Waisenhaus in Glaucha war Francke durch Wahl der Gemeinde seit 1715 auch Oberpfarrer an der St.-Ulrichs-Kirche zu Halle und las weiterhin mit großem Erfolg als Professor an der Universität. Seine letzte Vorlesung hielt Francke am Donnerstag, dem 15. Mai 1727 zwischen 10 und 11 Uhr, wo er sich dem Thema "Über den Nutzen, welchen die Theologen und Geistlichen aus Krankheiten gewinnen" widmete. Die Vorlesung, die Francke sehr angestrengt hatte schloß er mit den Worten "So gehet nun hin und seid gesegnet dem Herren immer und ewiglich".

Rund drei Wochen später, am 8. Juni 1727 starb Francke im Alter von 64 Jahren in Halle, wo sich sein Grab – und das seiner Familie – auf dem Stadtgottesacker (Bogen 80/81) befindet.

Zum Zeitpunkt von Franckes Tod lebten rund 2200 Kinder insgesamt in der Schulstadt des Waisenhauses; davon entfielen auf das Pädagogicum 82 Schüler, auf die Lateinische Schule 400 Schüler, auf die Deutsche Bürgerschulen 1725 Schüler und Schülerinnen sowie auf die Waisenanstalt 100 Knaben und 34 Mädchen. Für diese Schüler waren 8 Inspectoren im Pädagogicum, 10 Aufseher und Aufseherinnen für die Waisen und allgemein 167 Lehrer und 8 Lehrerinnen sowie Personal zur Bedienung in den Anstalten, zur Haushaltung, der Krankenpflege, der Meierei der Buchhandlung und der Apotheke tätig.

Die Arbeit in den Franckeschen Stiftungen setzten Franckes Schüler und Schwiegersohn Johann Anasthasius Freylinghausen (1670-1739) sowie Franckes Sohn Gotthilf August (1696–1769) fort, auch sein Enkel Gottlieb Anastasius Freylinghausen (1719-1785) und sein Urenkel wirkten als Direktoren im Sinne des Gründers in den Stiftungen. Mit Hermann Agathon Niemeyer (1802-1851) starb 1851 schließlich der Ururenkel August Hermann Franckes, der bis zu seinem Tode 1851 die Direktion der Franckeschen Stiftungen inne hatte.

Torsten Lüdtke

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