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25.3.2019

"Seid gesegnet dem Herren immer und ewiglich" – August Hermann Francke, das Waisenhaus und der Hallische Pietismus
Teil 2

von Torsten Lüdtke

Michaelis 1687 bereits weilte Francke bei Caspar Hermann Sandhagen (1639-1697) in Lüneburg. In der Stille der alten Hansestadt, wo er ein "Stübchen allein" hatte und bei "christlichen und gottseligen Leuten" speiste, begann er unter der Anleitung Sandhagens (der seit 1684 auch den Titel eines Oberhofpredigers und Generalsuperintendenten des Herzogs Christian Albrechts von Schleswig-Holstein-Gottdorf führte) mit der Vertiefung seiner Kenntnisse zur Auslegung des Alten und Neuen Testments. Während dieses Studienaufenthaltes bei dem nicht nur als Exegeten bekannten, sondern auch als Pietisten beargwöhnten Sandhagen erfolgte 1687 das Bekehrungserlebnis Franckes, die ihn von allen bisherigen religiösen Skrupeln befreite.


Bildnis August Hermann Franckes in den Franckeschen Stiftungen

Bald nach seiner Ankunft in Lüneburg war Francke um eine Predigt in der Johanniskirche gebeten worden, die für ihn dem Sinn nach "nicht auf die bloße Übung im Predigen, sondern vornämlich auf die Erbauung der Zuhörer" abzielen sollte und für die ein Wort aus dem Johannesevangelium gewählt war. Bei der Vorbereitung der Predigt und der eingehenden Beschäftigung mit der zugrundeliegenden Textstelle "Dieses ist geschrieben, daß ihr glaubet, Jesus sei Christ, der Sohn Gottes, und daß ihr durch den Glauben das Leben habet" (Ev. Joh. 20, 31), geriet Francke in eine tiefe Krise. Bei der Prüfung, ob er selbst im Besitze des "wahren lebendigen Glauben" sei, kamen alle bis dahin gewonnenen Erkenntnisse und tieferen Überzeugungen – auch die Existenz Gottes selbst – ins Wanken. Schließlich erschien Francke alles, was er bisher gedacht und getan hatte, als sünd- und frevelhaft. Längere Zeit lebte Francke in Angst und Pein, und so dachte er auch schon daran, die Predigt, deren Tag immer näher heranrückte, abzusagen, weil er "im Unglauben und wider mein eigen Herz nicht predigen und die Leute also betrügen könnte."

Im Augenblick dieser Verzweiflung, so schreibt Francke in einer kurzen Lebensbeschreibung selbst, erhörte ihn der Herr, "der lebendige Gott, und versicherte ihn in seinem Herzen mit solcher Kraft seiner Gnade in Christo Jesu, daß er plötzlich von allem Zweifeln befreit und wie mit einem Strom der Freude überschüttet wurde."

Zur Erinnerung an dieses Ereignis nannte Francke bis zum Ende seines Lebens Lüneburg seine "geistliche Geburtsstadt", wie er Lübeck als seine "leibliche Geburtsstadt" bezeichnete. Wenige Tage darauf hielt er die Predigt mit großer Freudigkeit. Dies sei auch der wichtigste Moment seines Lebens gewesen, denn "von der Zeit an hat es mit meinem

Christenthum einen Bestand gehabt, und von da an ist es mir leicht geworden zu verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste und züchtig, gerecht und gottselig zu leben in dieser Welt; von da an habe ich mich beständig zu Gott gehalten, Beförderung, Ehre und Ansehen von der Welt, Reichthum und gute Tage und äußerliche, weltliche Ergötzlichkeit für nichts geachtet; und da ich vorhin mir einen Götzen aus der Gelehrsamkeit gemachet, sahe ich nun, daß Glaube wie ein Senfkorn mehr gelte als hundert Säcke voll Gelehrsamkeit, und daß alle zu den Füßen Gamaliels erlernete Wissenschaft als Dreck zu achten sei gegen die überschwengliche Erkenntniß Jesu Christi unseres Herrn."

Mit diesen Worten, die Francke wohl einige Jahre nach dem Bekehrungserlebnis niederschrieb, formuliert Francke nicht nur die Richtschnur für sein weiteres Leben, sondern er gibt damit auch die Beweggründe zu allen seinen späteren Unternehmungen an. Von Lüneburg aus wandte sich Francke im Frühjahr 1688 nach Hamburg, wo er sich bei dem mit Spener eng befreundeten Hauptpastor Johann Winckler (1642-1705) aufhielt. Im Hause Winklers beschäftigte sich Francke – auch unter Anleitung durch Wickler und den in dessen Haushalt lebenden Kandidaten Nicolaus Lange – mit den Schriften Speners und pietistischer Erweckungsliteratur. In Hamburg war es auch, wo Francke – durch Schwierigkeiten bei der Zahlung seines Stipendiums veranlasst – mit dem Unterricht einiger "sehr junger" Kinder begann und damit einen guten Einblick in die Jugenderziehung gewann. 1689 reiste Francke endlich über Dresden, wo er zwei Monate bei Spener, der dort Hofprediger war, blieb, nach Leipzig zurück. Der Besuch bei Spener legte letztlich auch das Fundament zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit und einer andauernden Freundschaft.

Das Herzogtum Lüneburg im 17. Jh. (Kupferstich von Matth. Merian)

Bald nach seiner Ankunft in Leipzig, noch 1689, begann Francke wieder mit seinen Vorlesungen; eine davon, mit dem Thema "Informatione aetatis puerilis et pubescentis", befasste sich mit der Jugenderziehung. Bei den Studierenden und Angehörigen der Universität waren Franckes Vorlesungen sehr beliebt und fanden ein großes Interesse, doch sollten ihm in Leipzig schon sehr bald Schwierigkeiten aus der neuen pietistisch orientierten Lehrweise erwachsen. Vor allem sein ehemaliger Lehrer, der Theologieprofessor Carpzov, war es, der die neue Richtung mit immer neuen Schriften und Maßregeln verfolgte. Zum Ende des Sommersemesters 1689 wurde Francke schließlich von der theologischen Fakultät der Universität die Fortsetzung seiner biblischen Vorlesungen untersagt und ihm auch eine Untersuchung wegen der vielen Klagen über die von ihm vertretenen, neuen Lehren angekündigt. Mitten in diesen Streitigkeiten erhielt Francke am Beginn des Jahres 1690 die Nachricht vom Tod seines Onkels Gloxin in Lübeck. Wegen dringender Erbschaftsangelegenheiten und seines Stipendiums sah sich Francke genötigt, nach Lübeck zu reisen, wo er einige Monate blieb. In Lübeck erhielt er endlich auch den Ruf der Augustinergemeinde in Erfurt, wo er eine Stelle als Diaconus und Prediger antreten sollte. Francke nahm die Stelle, die ihm auf Vermittlung eines Freundes von Spener, zugedacht worden war, an und wurde, trotz der von Leipzig ausgegangenen Opposition und des Widerwillens der Erfurter Geistlichkeit gegen ihn, in der Augustinergemeinde als Prediger ordiniert.

Philipp Jacob Spener, Kupferstich von Philipp Nikolaus Kilian, 1683

Die Amtszeit in Erfurt, wo Francke an der Universität ebenfalls theologische und exegetische Vorlesungen hielt, sollte indessen – trotz seines wachsenden Einflusses in der Stadt und über Stadtgrenzen hinaus – nicht lange währen: Die Gegner Franckes in Erfurt und Leipzig – allen voran Carpzov – erreichten es, das auch in Erfurt Untersuchungen gegen Francke angestrengt wurden. Auf Verfügung des Stadtherren von Erfurt, des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz, wurde letztlich Francke der Prozess gemacht. Das Francke dem Urteil des Erfurter Rats, um seine Entlassung einzukommen, nicht entsprach und diesen Schritt entschieden ablehnte, wurde er – trotz der Bitten aus seiner Gemeinde und des Protests Breithaupts – am 7. Oktober 1691 aus der Stadt ausgewiesen. Doch ließ die schwere Bürde des Schicksalsschlags Francke nicht verzweifeln. Auf Einladung Speners, der seit Ostern 1691 als Konsistorialrat und Propst zu St. Nicolai nach Berlin berufen worden war und der bedeutenden Einfluß auf die Besetzung der geistlichen Stellen im Kurfürstentum Brandenburg hatte, wandte sich Francke nach einigem Zögern nach Berlin. Hier lebte Francke, da Spener ihn gern – wie auch schon Breithaupt zuvor – als Professor für die neu zu gründende Universität in Halle an der Saale gewinnen wollte, für mehrere Monate im Hause Speners. In Berlin predigte Francke einige Male öffentlich und er wurde auch mit den einflussreichsten Männern Berlins persönlich bekannt. Um an Francke festzuhalten und ihn an die Hallesche zu binden, wurde ihm die Pfarrerstelle zu Glaucha bei Halle und zugleich die Professur der orientalischen Sprache an der Universität übertragen.


Augustinerkirche zu Erfurt – Foto: www.wege-zu-luther.de

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