ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Mai 2013

19.5.2019

Confirmare

Liebe Gemeinde,
über Jahrhunderte war Latein Kirchensprache. Beim Papstwechsel konnten wir erleben, dass auch im Jahr 2013 post Christum natum im Vatikan lateinisch gesprochen wird. Martin Luther hat viele Texte und Lieder verdeutscht, aber wir Evangelischen kennen noch viele lateinische Begriffe: Als Protestanten haben wir unseren Ursprung in der Reformation, wir lesen die Bibel, singen die Liturgie und empfangen die Sakramente am Altar. Manchmal fragen wir uns nach der Bedeutung der alten lateinischen Worte der Kirche.

Konfirmieren

Im Mai feiern wir unsere Konfirmationen in der Petruskirche. 60 Jugendliche – unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden – werden konfirmiert. Confirmare bedeutet bekräftigen, bestätigen, begründen, festigen, stärken, ermutigen und versichern. Was passiert eigentlich bei einer Konfirmation, wer bekräftigt wen und wer bestätigt was? Zuerst denken wir an den Beitrag der Jugendlichen bei ihrer eigenen Konfirmation: Sie bestätigen und bekräftigen ihre Taufe. Denn sie wurden als Kinder getauft, ihre Eltern haben das für sie entschieden. Damals bei ihrer Taufe waren sie noch zu klein, um selber eine solche Lebensentscheidung treffen zu können. Nun sind sie 14 oder 15 Jahre alt und längst keine kleinen Kinder mehr. Als Jugendliche sind sie noch nicht wirklich erwachsen und selbständig, aber immerhin schon religionsmündig. Im Religionsunterricht, im Gottesdienst und beim Konfer haben sie sich selbst mit dem christlichen Glauben beschäftigt und die evangelische Gemeinde in Lichterfelde kennen gelernt. Am Ende des Konferjahres erwarten wir von ihnen eine Zustimmung: Dass sie ihre Taufe bestätigen und als junge evangelische Christen die Sache Jesu zu ihrer eigenen machen wollen. Konfirmandinnen und Konfirmanden bekräftigen etwas bei ihrer Konfirmation. Sie leisten ihren Beitrag. Sie konfirmieren aktiv ihre Taufe als mündige Gemeindeglieder.

Konfirmiert werden

Es gibt daneben eine passive Dimension, etwas geschieht mit ihnen. Bei der Konfirmation bekommen Konfirmierte etwas, sie werden ja auch konfirmiert. Familien und Gemeinde hören auf ihre Worte, vor aller Augen erhalten sie am Altar den Segen, das Kreuz, das Abendmahl. Sie werden bestärkt als Heranwachsende, sie werden eingesegnet und ernst genommen von der Gemeinde der Erwachsenen. Sie bekommen etwas geschenkt, was ihnen gut tut. Sie werden gefeiert in großer Runde. Konfirmiert werden sie, weil sie nun ziemlich groß und kräftig sind, in ein paar Jahren werden sie erwachsen sein. Sie sind bereit, Träger der Kraft und des Geistes Gottes zu sein. Wir sind stolz auf sie. Wir, das sind ihre Eltern und Paten, Großeltern und Geschwister, Onkel und Tanten, Erzieher, Lehrer und Pfarrer.

Nehmen und geben

Wenn wir unsere Jugendlichen mit stolzen Augen anschauen, dann können wir sicherlich auch auf uns selber stolz sein. Denn unsere Kinder sind nicht von alleine groß und kräftig geworden. Wir haben sie großgezogen, bei uns sind sie aufgewachsen. Das hat eine Menge Kraft gekostet, unsere eigene Kraft. Kinder kosten Eltern immer eine Menge Zeit und Kraft, sie sind vielleicht die wichtigste und manchmal schwierigste Aufgabe in unserem Leben. Elternschaft ist eben ein echter Beruf. Als Eltern merken wir auch, was unsere eigenen Eltern geleistet haben, als wir Kinder waren. Sie haben uns großgezogen, nun sind wir an der Reihe. Wenn wir unsere Kinder zu mündigen Erwachsenen erziehen, dann geben wir an sie weiter, was wir einmal empfangen haben. Großeltern lächeln, sie erleben mit ihren Enkeln das Aufwachsen der kleinen Leute zum zweiten Mal. Und manchmal gibt es auch Urgroßeltern bei der Konfirmation, die mit ihren alten und erfahrenen Augen nun die dritte Generation nachfolgen sehen. Bei der Konfirmation wird es sichtbar: Jugendliche brauchen viel Kräftigung und Bestätigung, bevor sie selber kräftig sind und sich und andere bestätigen und stärken können. Confirmare heißt bekräftigen. Erwachsene können solche Bekräftigung manchmal auch gut gebrauchen. Confirmare – geschieht das eigentlich auch dann in der Gemeinde, wenn wir nicht Konfirmation feiern?

Stärken im Abschied

Mir steht eine Trauerfeier in der Petruskirche vor Augen. Sein Sarg stand vor den Stufen des Altars, daneben Blumen und Kerzen, sein Bild prangte auf der Staffelei, die Sonne leuchtete ins Kirchschiff. Alles sah friedlich und feierlich aus. Und viele Menschen kamen, um ihm den Abschied zu geben.

Er war alt geworden, hoch in seinen Achtzigern. Und sie war ihm als seine Ehefrau immer an der Seite geblieben, sie hatten alles gemeinsam geschafft und sich gegenseitig gestärkt. Schon früh war er schwer erkrankt. Mit knapp 60 Jahren hatten ihm die Ärzte seine Diagnose gestellt: Seine Krankheit könnte niemand heilen, er habe nur noch wenige Monate zu leben. Damals war sein erster Enkelsohn unterwegs, und er wollte ihn unbedingt erleben. Also nahm er den Kampf gegen die übermächtige Krankheit auf, die unaufhaltsam in ihm wuchs und seine inneren Organe befiel. Eine Operation folgte der anderen, er blieb am Leben. Sein Enkelsohn kam zur Welt und er sah ihn voller Freude und Stolz. Jahre später wurde der zweite Enkel geboren. Die bösartigen Zellen wanderten durch den ganzen Körper des Großvaters, aber der war ein großer Kämpfer. Aufgeben kam für ihn nicht in Frage. Immer wieder verließ er das Krankenhaus nach weiteren Operationen, seine Narben verheilten und er kam wieder zu Kräften. Mit einer Mischung aus Triumph und Selbstironie präsentierte er seine zahlreichen Operationsnarben, die nun frisch zu seinen alten Kriegsverletzungen hinzukamen. Er genoss das Leben mit seiner Ehefrau und seiner Familie in vollen Zügen, gerade weil er dem Tod immer wieder sehr nah war. Im Sommer segelte er mit Leidenschaft auf dem Mittelmeer, im Winter faszinierten ihn die verschneiten Schweizer Berge. Seine Enkelsöhne sah er zu erwachsenen Männern heranwachsen.

Er überschritt die 80 und sonnte sich in der Gewissheit, dass er die bösartige und unheilbare Krankheit überlebt hatte. Er hatte es tatsächlich geschafft: Der übermächtige Feind im eigenen Körper war endgültig besiegt. Nun hatte sein hohes Alter ihn gebeugt und ihm die Kraft genommen.

Seine Schritte wurden weniger, er konnte die Wohnung nicht mehr verlassen. Auch sein scharfer Verstand und sein hervorragendes Gedächtnis trübten sich im Alter. Seine Frau half ihm, sich zu besinnen, sorgte dafür, dass alles gut war und er behütet bleiben konnte in seiner vertrauten Umgebung. Am Ende lag er nur noch im Bett, sogar das Atemholen fiel ihm schwer. Er blieb ein Kämpfer bis zum letzten Atemzug. Aber dann lag er friedlich und still in seinem Bett. Wir standen an seinem Totenbett und spürten die Stille. Der Kampf war zu Ende, er war in die ewige Ruhe eingegangen. Stille Andacht und trauernde Einkehr waren seine Sache nicht. Und so hatte er sich auch seine Trauerfeier gewünscht: Groß und laut und fröhlich sollte es werden, beschwingter Jazz würde im Kirchenschiff erklingen. Die spannende Geschichte seines reichen und bewegten Lebens in Beruf und Familie müsste ausführlich erzählt werden aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Petruskirche sollte voller Menschen sein, die ihn gekannt und begleitet haben. Es sollte ein rauschendes Abschiedsfest werden an seinem Sarg, keine trübe Trauerfeier in tiefer Niedergeschlagenheit. Es sollte sich ungefähr so anfühlen wie die Konfirmation seines ältesten Enkelsohnes, der vor vielen jahren da saß, wo jetzt sein Sarg stand.

Als seine Witwe hatte sie sich vor diesem Tag auch gefürchtet. Würde sie die Kraft haben, die Fassung zu bewahren vor so vielen Angehörigen, Freunden und Kollegen? Würde sie eine so turbulente Abschiedsfeier überhaupt ertragen, die vielen Menschen, die ihr ihr Beileid ausdrücken wollten? In der Trauer ist oft der Wunsch da, allein zu sein, niemanden zu sehen und zu hören.

Sie war stark an diesem Tag. Sie ging mit festen Schritten auf seinen Sarg zu. Es tat ihr gut, dass so viele Menschen ihrem Ehemann den Abschied gaben, ihn würdigten und vermissten. Bei aller Trauer waren Liebe, Gemeinschaft und Dankbarkeit deutlich spürbar. Und Kraft und Mut zum Leben. Auch Abschiede können uns stärken, konfirmieren. Wir merken dann, dass unsere Kraft begrenzt ist, dass wir in Wirklichkeit nicht nur von unserer eigenen Kraft und aus unserem eigenen Antrieb leben. Auch unsere Kraft ist ein Geschenk, das wir empfangen. Am Ende unseres Lebens verlässt uns unsere eigene Kraft und wir leben nur noch von der Gnade Gottes und der Barmherzigkeit Jesu Christi.

Hirtenkraft

Und manchmal passiert es, dass uns schon vorher alle Kraft verlässt, dass wir mit einem Mal völlig kraftlos und hilflos werden. Wir fühlen uns wie gelähmt, ohnmächtig und ausgebrannt. In uns ist alles leer. Nichts gelingt dann mehr, nichts macht Freude, nichts ergibt einen Sinn. Wir zweifeln und verzweifeln an uns selbst. Wir fühlen uns tief unten in einem schwarzen Loch, aus dem es keinen Ausweg gibt. Die Bibel berichtet uns von der tiefen Niedergeschlagenheit großer Männer, darunter Könige und Propheten. Das kann auch Pastoren im Pfarramt so ergehen. Die Kraft ist weg, der Hirte kann nichts mehr tun. Es gibt leider keinen Ersatz dafür, wir können die fehlende Kraft nicht selber erzeugen. Nur der Lügenbaron kann sich selber am Schopf aus dem Sumpf ziehen. Dann heißt es, geduldig zu warten, bis uns die Kraft wieder zufließt, bis wir bestärkt, ermutigt und gekräftigt werden. Dabei muss uns wohl der Gute Hirte selbst zu Hilfe kommen, uns neu gründen, stärken und bekräftigen. Auch das ist dann eine Art von Konfirmation.

Mögen wir im Mai alle gestärkt und ermutigt werden

Lutz Poetter