ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > April 2013

13.12.2018

Gerechtigkeit erhöht ein Volk

von E-Mail


Foto: Petra Bork/pixelio.de

Tiefe Falten durchziehen ihr Gesicht, die Haare sind schulterlang, sie sieht müde aus. Dass sie eine längere Strecke auf der Schattenseite des Lebens ging, ist ihr deutlich anzusehen. Ihre Kleidung ist unmodern, aber nicht verschlissen. Sie achtet auf ihr Äußeres, möchte nicht, dass man ihr die Armut ansieht.

Mit leiser, fast gebrochener Stimme erzählt sie ihre Geschichte. Sie erzählt von ihrem Arbeitsleben, das sie immer wieder unterbrochen hat wegen der vier Kinder. Sie ist stolz auf sie und sie ist auch ein bisschen stolz auf sich, dass sie es geschafft hat, sie groß zu kriegen.

Ihr Mann ist früh gestorben, sie musste die Kinder alleine durchbringen. Viel leisten konnten sie sich nie, es hat gerade immer so gereicht. Nun ist sie alt und sie kommt nicht mehr über die Runden. Nach Abzug aller Kosten bleibt fast nichts nicht mehr zum Leben. Die Miete ist so teuer geworden, und eine warme Wohnung kann sie sich auch nicht mehr leisten. Es hat lange gedauert, bis ich sie überreden konnte, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Zum Amt, wie sie sagt, will sie nicht, möchte keine Almosen. Das Wort „Rechtsanspruch“ will sie nicht hören, ihr Stolz steht ihr im Weg. Mühsam lässt sie sich überreden, wenigstens hin und wieder in die Laib- und Seele-Ausgabestelle zu kommen. Etwas Brot, ein wenig Gemüse und Kartoffeln nimmt sie mit, das entlastet die Haushaltskasse.

Menschen wie sie gibt es mittlerweile viele in diesem Land und in dieser Stadt. Viele tauchen in den Statistiken nicht auf, weil sie gar nicht oder nur mühsam die Wege zu den Ämtern und karitativen Einrichtungen finden, besonders die Alten. Weil sie sich schämen erkannt zu werden, von Freunden, Bekannten oder Nachbarn. Sie versuchen immer noch irgendwie mitzuhalten in der Gesellschaft und sind dennoch bereits abgeschnitten vom gesellschaftlichen Leben.

Zahlen, die Anlass zur Sorge geben

In unserer "Laib & Seele" Ausgabestelle hat sich in den acht Jahren ihres Bestehens die Zahl der Hilfesuchenden verdoppelt. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt der gesellschaftlichen Wirklichkeit und verweist doch auf das große Ganze.

Was dieses Land über Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg ausgemacht hat und unter dem Begriff der "sozialen Marktwirtschaft" für eine Existenzsicherung für die breite Masse gesorgt hat, ist in den letzten zwanzig Jahren immer mehr abgebaut worden. Der Sozialstaat wurde ausgehöhlt und Deutschland ist auf dem Weg zur Stände- und Klassengesellschaft.

Die Ungerechtigkeit hierzulande ist mittlerweile nicht mehr zu übersehen. Statistiken mögen langweilen und sie haben kein Gesicht und keine Stimme, um Geschichten zu erzählen. Aber dennoch seien einige wenige Zahlen genannt, um das Problem zu beschreiben: 1970 verfügte das oberste Zehntel der (West)-Deutschen Bevölkerung über 44 Prozent des gesamten Geldvermögens. 2011 waren es 66 Prozent. Die von der Masse der Menschen getragene Steuerlast ergibt 80 Prozent des gesamten Steueraufkommens, die Unternehmens- und Gewinnsteuern machen nur zwölf Prozent aus. Fast acht Millionen Menschen in Deutschland arbeiten für Niedriglöhne. Etwa zwölf Millionen leben an oder unter der Armutsgrenze. 25 Prozent der Beschäftigten in Deutschland haben sogenannte prekäre Jobs: Leiharbeit, Zeitarbeit, Werkverträge, Praktika. Jeder zweite neu zu besetzende Arbeitsplatz ist befristet.

Biblische Perspektiven

"Gerechtigkeit erhöht ein Volk", so formulierte es schon der weise Prediger Salomo (Sprüche 14,34). Und dass Ungerechtigkeit im sozialen Gefüge das Fundament einer funktionierenden Gemeinschaft bedroht, wussten bereits die Propheten im alten Israel. Lautstark beklagten Männer wie Amos, Jesaja oder Hosea die Armut und die damit verbundene Ungerechtigkeit und Schieflage in der damaligen Gesellschaft. Sie kritisierten diese Verhältnisse aber nicht aus einem sozial-romantischen Gefühl heraus oder weil sie revolutionäre Prozesse in Gang setzen wollen, sondern weil sie die Gottesbeziehung beschädigt sahen. An der Frage, ob den Armen Gerechtigkeit zuteil wird, entscheidet sich auch die Frage nach Gott. Die Parteinahme für die Armen ist in der Bibel nicht ein Thema unter anderen, sondern es ist das Thema, bei dem sich die Frage nach Gott selbst entscheidet.

Bei aller Verschiedenheit der Verhältnisse im alten Israel und in unserem Land heute sind doch wesentliche Merkmale, die Menschen zu den Armen gehören lassen, durchaus vergleichbar. Die Armen sind die, die aus sozialen Sicherungssystemen herausfallen, die mit ihrer Arbeit nicht mehr in ausreichender Weise ihren und ihrer Angehörigen Lebensunterhalt sichern können und die sozial entwurzelt sind, mit entsprechenden gesellschaftlichen und politischen Folgen.

Bei der Frage, wie gesellschaftliche Verwerfungen beseitigt werden können, sollte der Blick aber nicht nur auf die Armut gerichtet sein. Auch Reichtum muss ein Thema der politischen Debatte sein. Umverteilung ist gegenwärtig häufig die Umverteilung des Mangels, weil der Überfluss auf der anderen Seite geschont wird. Aus sozialethischer Sicht gibt es auch solidarische Pflichten von Vermögenden und die Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Die Fähigkeit zum Teilen und zum Tragen von Lasten in der Gesellschaft bestimmt sich nicht nur nach dem laufenden Einkommen, sondern auch nach dem Vermögen. Werden die Vermögen nicht in angemessener Weise zur Finanzierung gesamtstaatlicher Aufgaben herangezogen, wird die Verpflichtung der Gemeinschaft gegenüber in einer wichtigen Beziehung eingeschränkt oder gar aufgehoben.

Im Licht der biblischen Tradition ist eine Gesellschaft nicht dann gut und gerecht, wenn sie die größte Effizienz der Wirtschaft, die größte Macht des Staates oder den größten Umfang wissenschaftlicher Erkenntnis oder technischen Könnens realisiert, sondern wenn sie die Chancen für den Einzelnen sicherstellt, sich in Würde und Freiheit zu verwirklichen, und somit soziale Teilhabe im umfassenden Sinn ermöglicht.

Darum ist Sorge dafür zu tragen, dass niemand verloren geht und niemand unter ein bestimmtes Niveau in seiner Lebensführung absinkt, weil das seine Würde zerstört und weil es den Frieden im Land bedroht.

Pfarrer Michael Busch

Lesen Sie zu diesem Thema auch: