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31.7.2014

"Seid gesegnet dem Herren immer und ewiglich" – August Hermann Francke, das Waisenhaus und der Hallische Pietismus
Teil 1

Lübeck, 1663: Am 22. März (am 12. März 1663 nach dem damals gültigen julianischen Kalender) wurde August Hermann Francke als Sohn des Juristen und Syndikus beim Domkapitel und der Landstände des Fürstentums Ratzeburg, Johann Francke und seiner Frau Anna geboren.


Bildnis August Hermann Franckes in den Franckeschen Stiftungen

Der aus dem Thüringischen stammende Vater hatte in Königsberg, Rostock und dem niederländischen Leyden Jura studiert und danach ausgedehnte Reisen durch Holland, Frankreich und Deutschland unternommen. Schließlich hatte sich Johannes Francke in Lübeck niedergelassen, wo er Anna Gloxin, die Tochter des Syndikus und späteren Bürgermeisters zu Lübeck, David Gloxin, heiratete. Verschiedene Ämter und wichtige Aufträge, die er im Auftrag des Rates der Stadt ausführte, brachten ihm hohes Ansehen und führten ihn auch an verschiedene Höfe. So kam Johannes Francke an den Hof des Herzogs von Sachsen-Gotha, der ihn 1666 zum Hof- und Justizrat bestellte. Gemeinsam mit seinen Eltern und seinen fünf Geschwistern zog der junge August Hermann Francke nach Gotha.

In Gotha erhielt Francke "anfänglich wegen zarter Kindheit" den ersten Unterricht im Vaterhaus, und obgleich der Vater 1670 starb, wurde Francke weiter teils im Elternhaus, aber auch außerhalb des Hauses durch "Privatpräceptores", Hauslehrer und Erzieher, unterrichtet. Nun wurde die Mutter, über die August Hermann Francke in einem Brief aus Halle schreibt, dass sie eine "kirchlich fromme, einfache und in keiner Weise hervortretende Frau" sei, zur treuen und gewissenhaften Pflegerin der Familie. Bald ist dem Jungen sein Berufswusch klar. In einem autobiographischen Fragment schrieb Francke: "Gott hat mir Liebe zum Worte Gottes und insonderheit zum h. Predigtamt von Kindesbeinen an ins Herz gesenket, daß ich solches in äußerlichen Bezeigungen vielfach herfürgethan, und also auch meinen Eltern beiderseits, so viel mir wissend, nie einen anderen Sinn gefasset, als mich dem Studio theologico zu widmen." Nach nur einem Jahr Besuchszeit, erst 15 Jahre jung, wurde August Hermann Francke aus der Selecta des Gymnasiums zu Gotha entlassen; dabei wurde ihm bescheinigt, dass er nun reif für die akademischen Studien sei.

Zeugnis Franckes aus der Selecta in Gotha

Trotz des günstigen Zeugnisses blieb Francke wegen seines jungen Alters in den kommenden zwei Jahre im Elternhaus in Gotha, wo er seine Kenntnisse in der griechischen und lateinischen Sprache weiter vertiefte; erst dann bezog er die nahegelegene Universität Erfurt, wo "man einen guten Freund […] hatte, dessen als eines alten Academicus [Conrad Rudolph Hertz] Aufsicht und Unterweisung ich sollte anvertraut werden". Hertz unterwies Francke in der hebräischen Sprache sowie in den Grundlagen von Logik, Metaphysik und Geographie. Sein Quartier bezog Franke bei der Mutter von Hertz, wo er nicht nur wohnte, sondern auch seine Mahlzeiten erhielt. Nach nur einem Semester verließ Francke jedoch Erfurt und ging nach Kiel, wo er mit einem ansehnlichen Stipendium seines Onkels Gloxin ausgestattet, ab Michaelis 1679 seine Studien fortsetzte. In Kiel lebte Francke bis Pfingsten 1682 im Hause des Theologen Christian Kortholt d. Ä. (1633-1694), der auch als akademischer Lehrer bedeutenden Einfluss auf die theologische Ausbildung Franckes hatte. Doch bildete sich Francke in Kiel nicht nur im Fachgebiet der Theologie aus, sondern er beschäftigte sich auch mit Philosophie und hörte beim Polyhistor Daniel Georg Morhof (1639-1691) Vorlesungen in Physik, in Rhetorik sowie lateinischer Literatur. In Kiel konnte Francke das Studium der hebräischen Sprache mangels eines fähigen Lehrers nicht fortsetzen; indessen erlernte er dafür die englische Sprache. Um seine hebräischen Studien fortzuführen, hielt sich Francke im Jahr 1682 zwei Monate bei dem berühmten Sprachwissenschaftler Esdras Edzardus (1629-1708) in Hamburg auf. Von Edzardus erhielt Francke unentgeltlich Unterricht und genaue Anweisungen, wie er seine hebräischen Studien weiterführen sollte. Doch musste Francke anschließend, da seine Stipendienzahlungen infolge finanzieller Schwierigkeiten Lübecks ausblieben, nach Gotha zurückkehren. In Gotha blieb Francke die nächsten anderthalb Jahre und widmete sich dem Selbststudium, wobei er auch die französische Sprache erlernte. Zu Ostern 1684 ging Francke an der Universität Leipzig, wo er im Haushalt des gleich alten Studenten Johann Christoph Wichmannshausen (1663-1727; später Professor der morgenländischen Sprachen an der Universität Wittenberg) wohnte, den er privat in der hebräischen Sprache unterwies. In Leipzig setzte Francke seine Studien fort, er vertiefte seine hebräischen Kenntnisse weiter und erlernte das Italienische; auch wurde er Schüler des Theologen Johannes Olearius (1639-1713) sowie der Philosophen und Theologen Adam Rechenberg (1642-1721) und Johannes Cyprian (1642-1723). Über seine Studienzeit schrieb Francke später rückblickend "Von der Welt ward ich wohl für einen frommen und fleißigen Studenten gehalten, der seine Zeit nicht übel angewandt, ward auch von vielen lieb und wert geachtet, aber in der That war ich nichts als ein bloßer natürlicher Mensch, der viel im Kopf hatte, vom rechtschaffenden Wesen, das in Jesu Christo ist, weit genug entfernt war."


Ansicht Leipzig aus dem Jahre 1617

In Leipzig erwarb Francke 1685 schließlich den Magistergrad und habilitierte sich mit einer Disputation über die Schrift "De grammatica ebraea". Damit hatte Francke das Recht erworben, an der Universität offiziell Vorlesungen und Collegia zu halten und "damit Geld zu verdienen und befördert zu werden." Die Einnahmen aus den Vorlesungen ermöglichten es Francke, weiter in Leipzig zu bleiben, wo ihn der Leipziger Theologieprofessor und Prediger der Thomaskirche Johann Benedict Carpzov II. (1639-1699) stark beeinflusste. Carpzow war es auch, der den jungen Magister mit der Übersetzung der mystizistischen Schrift „Guida spirituale“ von Miguel de Molinos (1628-1697) aus dem Italienischen ins Lateinische beauftragte. Diese Übersetzung des "Geistlichen Wegweisers" des spanischen Priesters Molinos trug Francke später zahlreiche Verdächtigungen ein, betonte Molinos' Werk doch die praktische Bedeutung des persönlichen Gebetes. Carpzov war es auch, der Francke im Sommer 1686 dazu anregte, gemeinsam mit anderen Magistern, darunter auch der spätere erste Professor für Exegese, Polemik und praktische Theologie an der Universität Halle a./S., Paul Anton (1661-1730), ein wissenschaftlich-exegetisches Seminar, das "Collegium philobiblicum", zu gründen, wo die – an der Leipziger Universität wie auch anderswo – vernachlässigte Exegese des Alten und des Neuen Testamentes eingehend betrieben werden sollte. Dieses Unternehmen erhielt in wachsendem Maße Anklang und Anerkennung; so erhielt auch Philipp Jacob Spener (1635-1705), der kurz zuvor als Oberhofprediger nach Dresden gekommen war, Kunde von diesem Unternehmen und förderte es nach besten Kräften. Auch für Francke sollte die Einrichtung des "Collegium philobiblicum" von besonderem Segen sein: "Denn dieses Collegium hat mich erst recht," sagt er, "in das Studium des Textes hineingebracht, daß ich die großen Schätze, welche uns in der heiligen Schrift dargereicht werden, besser erkennen und aus ihr selbst hervorsuchen lernete, da ich zwar vorher auch die Bibel fleißig studirt, aber mehr um die Schale als um den Kern und die Sache bekümmert gewesen."

Durch die exegetische Arbeit im Collegium erkannte Francke die Unzulänglichkeit seiner Kenntnisse im Bereich der Exegese; und so wurde ihm auf Veranlassung seines Oheims Gloxin das schon erwähnte Stipendium nochmals mit der Weisung verliehen, sich bei einem Aufenthalt in Lüneburg bei dem als Exegeten berühmten Superintendenten Sandhagen eingehenden exegetischen Studien zu widmen.

Fortsetzung im nächsten "Schlüssel".

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