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17.1.2019

Im Norden Israels Flügel verleihen
Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste – Ein Projektbericht

von Ulrike Frenzel


Gruppenfoto ASF-Freiwillige 2012/13 in Jerusalem; Tour-Guide

Am 9. September 2012 wurde Ulrike Frenzel aus unserer Petruskirche in ein Projekt von ASF verabschiedet. Ende des Jahres hat sie sich mit einem langen Bericht gemeldet, aus dem wir heute die Teile wiedergeben, die von ihrer Arbeit in Israel erzählen. (Kürzungen und Zusammenfassungen von Stephanie Habedank-Kolodziej.)

Schalom liebe Freunde, liebe Patinnen, liebes ASF-Team!

Jerusalem

Der Tag im dreiwöchigen Vorbereitungsseminar in Jerusalem begann meistens mit Hebräischstunden (Ulpan). Ich kann wirklich nur froh sein, dass der Großteil für mich dank der beiden Hebräischkurse, die ich schon an der Uni gemacht hatte, nur Wiederholung war, da ich gesehen habe, wie viel Energie es die meisten gekostet hat, möglichst viel aus diesen Stunden mitzunehmen.

Nachmittags schlossen sich dann Seminare und Vorträge an, die uns einerseits auf unsere Rolle als Freiwillige und die Herausforderungen innerhalb unseres Dienstes und andererseits die geschichtlichen und politischen Besonderheiten unseres Gastlandes vorbereiteten. Aber auch Aktivitäten wie ein Selbstbehauptungskurs für Frauen oder eine Wanderung in einen nahegelegenen Kibbuz mit einer "Stunde für dich" standen auf dem Programm. Besondere Momente waren die Zeitzeugengespräche oder der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem. Es berührt und bewegt einfach noch einmal ganz anders, vor jemandem zu sitzen, der von seinem "letzten Tag, an dem ich ein Mensch war" erzählt oder unter dieser Kuppel aus persönlichen Akten mit Fotos zu stehen, wenn man weiß, dass eine der Grundideen dieses Ortes "Lehre nie Geschichte, ohne die Geschichten zu erzählen!" ist, dass hier Menschlichkeit durch die Bewahrung der Identität erhalten werden soll.

Von Jerusalem nach Nahariya: Vom Seminaralltag zum Arbeitsalltag

Ich glaube, den besten Einblick in meinen Alltag kann ich euch geben, indem ich einfach mal einen typischen Tag beschreibe, doch lasst mich vorher kurz die beiden Organisationen vorstellen, in denen ich hier arbeite.

Kivunim und Amcha

Kivunim / Amcha, 2012, mit Adi in Nahariya; Ulrike Frenzel

Kivunim, zu Deutsch "Richtungen", ist eine Organisation, die (jungen) Erwachsenen mit körperlicher Behinderung – meistens motorischer oder sensorischer Natur – hilft, ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben zu führen. Neben einem Mentorenprogramm, Wohngemeinschaften für Erwachsene in Nahariya und dem "Shop for Meaning" (Laden der Bedeutung) in Akko, ist das Projekt Knafaim ("Flügel") der Schwerpunkt der Arbeit Kivunims. In diesem zweijährigen Projekt absolvieren junge Erwachsene im Alter von 18 bis 23 einen alternativen Dienst zu dem obligatorischen Armeedienst – ihren Zivildienst, wenn man so will – während sie in WGs zusammenleben. Die Gruppe, die sich dabei im ersten Jahr befindet, lebt in Bustan HaGalil, einem Moschaw (Dorf)zwischen Akko und Nahariya, während die Gruppe des zweiten Jahres in verschiedenen Wohnungen in Nahariya lebt.

Amcha hingegen ist eine psycho-soziale Beratungsstelle für Schoah-Überlebende und deren Kinder, der sogenannten zweiten Generation. Die Organisation operiert in ganz Israel und besitzt auch eine Niederlassung in Nahariya, in der sie neben der eigentlichen Beratung auch gemeinsame Aktivitäten und Hausbesuche anbietet.

Ein typischer Tag

Meine Arbeitswoche beginnt hier am Sonntagnachmittag und endet Donnerstag- bzw. Freitagfrüh, je nachdem, wann die Teilnehmer zu ihren Familien zurückkehren. Sonntagvormittag ist daher eine gute Zeit für die Hebräischstunden, die wir – ganz dekadent – bei uns in der Wohnung, gemütlich auf unseren Couchen, von Hannah erhalten, die sich freut, wenn wir übers Wochenende die Zeit für unsere Hausaufgaben finden konnten. Doro und ich werden sonst jeden Morgen um 6:00 Uhr von Chaim, dem Fahrer von Kivunim, von Zuhause abgeholt und zur Arbeit gefahren. Da Doro mit der Gruppe im zweiten Jahr arbeitet, bringen wir sie zu der einen WG, bevor wir weiter nach Bustan HaGalil fahren, meinem Arbeitsort, da ich die "Neuankömmlinge" unterstütze. Manchmal fühlt sich das wirklich sehr früh an, aber wunderschöne Sonnenaufgänge und ein immer gut gelaunter und zum Singen aufgelegter Chaim vereinfacht es doch sehr! In Bustan angekommen, muss ich manchmal meine sämtlichen – auf Hebräisch natürlich stark beschränkten – Überredungskünste anwenden, um Nofar um 6:30 Uhr zum Aufstehen zu bewegen, um ihr dann beim Anziehen der Schuhe und beim Kämmen behilflich zu sein. Nach dem gemeinsamen Frühstück begleite ich sie um 7:00 Uhr zum Auto und wünsche allen "Yom tov!" – einen guten Tag –, bevor ich dann nach einer kurzen Pause Adi helfe. Sie braucht mehr Hilfe beim Aus- und wieder Anziehen und auch beim Frühstückzubereiten, besonders, da es morgens nicht so viel Zeit gibt. Um 9.00 Uhr begleite ich sie und Le'ali zum "Shop for Meaning" und fahre dann mit Chaim nach Nahariya zurück, um meine Mittagspause entspannt zu Hause zu verbringen. Wenn ich jedoch meine Besuchstermine von Amcha habe und die Zeit schon etwas vorgeschrittener ist, nehme ich auch gerne den Bus oder das Sammeltaxi zurück nach Nahariya und genieße die Fahrt entlang des Mittelmeeres mit lustiger Musik auf meinem Lieblingsradiosender hier. Ich besuche drei verschiedene Schoah-Überlebende jeweils eine Stunde in der Woche. Mit Isabella treffe ich mich immer montags bei ihr zu Hause und wir reden auf Deutsch über unseren Alltag, Politik und unser Leben, während wir gemeinsam Tee trinken oder am Strand spazieren gehen. Mittwochs sind dann "meine Herren" – Yosef und Andrey – an der Reihe. In den Räumlichkeiten von Amcha arbeiten wir an verschiedenen Sachen, die sie gerne am Computer erlernen möchten, wobei ich mein Bestes versuche, ihnen auf Englisch alles möglichst verständlich zu erklären – wenn ich es dann selber weiß und nicht von Windows 8 auf Hebräisch geringfügig überfordert bin. Aber sie haben viel Geduld mit mir und wir probieren gerne gemeinsam neue Dinge aus.

Auch über Mittag gibt es ebenfalls einmal die Woche ein Treffen von allen Freiwilligen mit Malka, der Krankenschwester von Kivunim, und ein weiteres mit Michal, der koordinierenden Sozialarbeiterin. Hier gibt es einerseits Zeit und Raum mögliche Probleme, die während der Woche aufgetreten sind, vertieft zu besprechen und die Pläne und Besonderheiten der nächsten Wochen durchzugehen und andererseits erfahren wir nach und nach mehr über die spezifischen Bedürfnisse der einzelnen Teilnehmer, sowie die medizinischen Hintergründe ihrer individuellen Situationen. Ich empfinde diese Treffen als sehr wichtig, da sie mir zum einen die Informationen zur Verfügung stellen, die ich benötige, um wirklich individuell auf die Teilnehmer eingehen zu können und sie es zum anderen schaffen, dass wir uns als integraler Bestandteil des Teams verstehen können und somit eben nicht "nur" Freiwillige sind, sondern Mitarbeiter und Kollegen, deren Arbeit und Meinung geschätzt und wertgeschätzt wird. So vergeht der Mittag wie im Flug und ich muss mich langsam wieder fertig machen, da Shane und ich um 14.30 Uhr von Zuhause abgeholt werden, damit wir um 15.00 Uhr unsere Nachmittagsschicht in Bustan beginnen können. Wenn alle Teilnehmer nach ihrem Zivildienst wieder eingetrudelt sind, essen wir gemeinsam Mittag, das im ersten Jahr noch von einer Köchin vorbereitet wird. Hier habe ich dann auch Zeit mit den anderen Mitgliedern der Gruppe – Tomer, Amir, Gal und Le'ali – bevor ich die nächsten zwei Stunden mit Adi und Nofar verbringe. Unsere "Dusch-Routine" ist unsere intensivste Zeit zusammen, da wir viel Zeit zum Erzählen haben, während sie sich ausziehen, duschen und wieder anziehen. Ich lerne dabei immer besonders viele neue Wörter und Wendungen, da die beiden wirklich gute Lehrerinnen sind und mich immer berichtigen und versuchen, mir meine Fragen bezüglich der für mich manchmal nicht ganz nachvollziehbaren Tiefe der hebräischen Sprache zu beantworten. Gleichzeitig ist es aber auch die Zeit, in der ich die größte Geduld benötige und die mir manchmal sämtliche Energie raubt, da es wirklich nicht einfach ist, eine Frage, die ich eigentlich auch nicht beantworten kann, sechsmal gestellt zu bekommen oder Adi eine Viertelstunde dabei zuzusehen, wie sie einen Schuh und einen Socken auszieht, ohne ihr einfach zur Hilfe zu kommen. Aber genau das sollen sie hier lernen und so muss ich meine Bedürfnisse, ihnen die Arbeitsschritte zu erleichtern oder abzunehmen, ihren Bemühungen Fertigkeiten für ein eigenständiges Leben zu erwerben, hinten anstellen. Was ich wirklich zu gerne mache, um dann diese kleinen Momente zu erleben, in denen sie mich fragen, wie viel Zeit das Anziehen der Schuhe benötigt hat und dann so stolz sind, wenn es nur wenige Minuten waren oder sie zum ersten Mal auch die langen Socken alleine anziehen konnten. Sie sind auch so dankbar für jede Hilfe und wenn ich laut und schief mit Nofar in der Dusche hebräische Kinderlieder singe oder sie mit irgendeiner beiläufigen Bemerkung oder meinem falschen Hebräisch so zum Lachen bringe, dass sie fast aus dem Rollstuhl fällt, und mir dann sagt, wie sehr sie mich liebt, ist alle körperliche und psychische Anstrengung vergessen und ich bin einfach nur so glücklich hier und mit ihnen arbeiten zu dürfen. Ihre Entwicklung zu sehen, in den wenigen Monaten, die ich jetzt hier bin, ist wirklich erstaunlich und lässt mich ehrlich gesagt manchmal ein bisschen familiären Stolz fühlen, denn so empfinde ich Kivunim wirklich, wie meine zweite, große Familie hier in Israel. Nach dem Duschen gibt es dann die verschiedensten Aktivitäten und Anwendungen. So begleite ich Adi und Nofar zur Physio- und Hydrotherapie oder nehme an den Gesprächen mit Malka teil, die mit den Teilnehmern über gesunde Lebensführung spricht. Auch aktuelle Themen, wie die Operation im Gaza-Streifen oder die anstehenden Parlamentswahlen werden diskutiert und es sind immer genau diese Momente – und viele andere natürlich auch – in denen ich mir wünsche, besser Hebräisch zu sprechen, um nicht nur grob zu verstehen, worüber sie ungefähr reden könnten, sondern wirklich die einzelnen Argumente und Erwiderungen zu verstehen. Beim anschließenden gemeinsamen Kochen lerne ich die israelische Küche aus erster Hand kennen und das Gewusel und die Gespräche am Abendbrottisch sind wirklich immer ein schöner Tagesausklang, da ich nach dem Aufräumen nur noch schnell beim Anziehen des Schlafanzugs behilflich bin, bevor ich mich zwischen 20:00 und 21:00 Uhr von meinem zweiten Zuhause in Bustan mit Shane zusammen auf den Weg zurück nach Nahariya mache. Der abendliche Spaziergang und die Fahrt mit dem Sammeltaxi bieten uns dann auch ein bisschen Zeit zum Quatschen und Runterkommen, sodass wir entspannt zu Hause ankommen und in den Abend starten können. Meistens werte ich dann mit Doro den Tag aus und anschließend reden wir, wie man so schön sagt, über Gott und die Welt – wobei wir aufpassen, dass es nicht plötzlich mitten in der Nacht ist, bevor wir ins Bett kommen, um die bestmögliche Erholung aus den wenigen Stunden Schlaf zu gewinnen, die uns bis zum Wecker um 5:30 Uhr noch bleiben. Aber wozu gibt es Mittagsschlaf und Wochenenden?!

Impressionen und Erfahrungen

Wenn ich darüber nachdenke, was ich hier alles schon erleben durfte und welch wundervolle Gefühle mir bisher geschenkt worden sind, fällt es mir sehr schwer, einen oder auch nur einige Momente auszuwählen, um sie mit euch in diesem Rahmen zu teilen. Ich könnte von unserem ersten Ausflug mit der Gruppe erzählen, der uns gleich am Anfang so nahe gebracht hat, oder dem wunderschönen Wochenende in Haifa mit Freunden, wo ich mich plötzlich nachts um 2:00 Uhr in philosophische Diskussionen über die Leibnizsche Monaden Theorie verstrickt wiederfand, oder der wundervollen Chanukka-Zeit, die ich gerade erst miterleben konnte, in der uns Slade oder Shane jeden Abend die Ehre erwiesen haben, begleitet von den hebräischen Gebeten die Kerzen unserer Channukkia anzuzünden und mit uns im Kerzenschein traditionellen Liedern zu lauschen. Oder auch von dem regelrecht magischen Moment, den ich in Nazareth während einer Messe in der orthodoxen Kirche der Verkündigung erfahren durfte, als ich als einzige außer dem Priester und den Messdienern Anwesende, den Weihrauchduft und arabischen Gesang, unterbrochen von "Kyrie Eleison", in mich aufnehmen konnte. Es wäre sicher auch nicht uninteressant, wenn ich über meine Eindrücke während der Auseinandersetzungen mit der Hamas im November schreiben würde, da gerade die Differenz zwischen Ausnahmesituation in unseren "westlichen" Augen und mehr oder weniger Alltag in den Augen der, besonders hier im Norden lebenden, Israelis die Situation so spannungsreich gemacht haben, aber ich glaube, was mich am meisten prägt, ist das Gefühl von Alltag.

Kivunim / Amcha, 2012, Festung in Akko, v.l.: Amir, Shane, Dani, Le’ali, Jotam, Nofar Foto: Ulrike Frenzel

Das mag komisch klingen, aber nach den Jahren des Studiums ist diese zwar in jedem Moment neu herausfordernde, aber doch geregelte 40-Stunden-Woche genau das richtige für mich. Die Eingebundenheit in das Kollektiv von Kivunim, die Erfüllung, die mir meine Arbeit bietet und scheinbare Selbstverständlichkeit, mit der ich dem Alltagsleben hier begegnen kann, vermitteln mir eine solche Normalität, als hätte ich in Deutschland eine Anstellung gefunden. Ja, ich habe keinerlei formale Ausbildung in dem Bereich, in dem ich gerade arbeite, spreche die Sprache der Einheimischen (fast) nicht und würde mir nicht anmaßen, ihre Lebensrealität verstehen zu können, aber abgesehen davon... Ich weiss nicht, ob ich langfristig in Israel leben wollen würde, aber momentan fühlt es sich keineswegs abwegig an, so und hier noch einige Zeit, auch über Ende August nächsten Jahres hinaus, zu arbeiten. Es ist für mich hier keine Pause, kein Stadium zwischen zwei anderen Sachen, sondern ein eigener Lebensabschnitt oder der Beginn eines solchen und es macht mich einfach so glücklich, mich wie zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu fühlen.

Und dafür möchte ich euch allen ganz herzlich danken!

Ohne die Arbeit meiner Projekte, dem Einsatz von ASF in genau diesen Bereichen, hier in Israel, und eure Investition in die Anliegen von ASF, wäre mir diese so wertvolle Zeit nicht möglich, könnte ich diese so prägenden Erfahrungen nicht machen! Es fällt mir schwer, die Dankbarkeit, die mich erfüllt, wenn mir immer wieder plötzlich bewusst wird, welch ein Segen diese Möglichkeit für mich darstellt, in Worte zu fassen und möchte sie daher in eine stille, feste Umarmung legen, die ich auf diesem Weg gedanklich zu euch sende. Vielen vielen Dank! Es ist unglaublich schönes Gefühl, den Weg hier mit Freunden gehen zu können und gleichzeitig zu wissen und zu spüren, dass so viele liebe Menschen an mich denken und nur eine Mail oder einen (Skype-)Anruf entfernt sind. Vielen lieben Dank auch dafür noch einmal!

Wenn ich jetzt einen Blick auf die kommenden Monate werfe, kann ich mir eigentlich nur wünschen, dass ich weiterhin eine so tolle Zeit mit so einzigartigen Menschen in diesem ganz besonderen Land verbringen darf! Ich freue mich auf die Herausforderungen, die mir die Arbeit, die Sprache und der Alltag stellen werden und darauf, noch ein bisschen mehr Zeit zu haben, Kultur, Land und Leute kennenzulernen.

Ulrike Frenzel

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