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16.1.2019

Muddy Waters
König des Chicago-Blues

von Lutz Poetter

Muddy Waters
McKinley "Muddy Waters" Morganfield

Mit seinem Bluesnamen wird man nicht geboren, den muss man sich erst erarbeiten. Am 4. April 1913 (oder 1915?) kam auf einer Plantage im Örtchen Rolling Fork ein Sohn zur Welt. Die schwarzen Eltern Morganfield suchten einen besonderen Vornamen für ihn aus: McKinley. William McKinley hieß der 25. Präsident der USA. Der Sohn irischer und schottischer Einwanderer wurde 1896 zum Präsidenten gewählt.Er sicherte seinem Land Wohlstand und Einfluss, in seiner Amtszeit stiegen die USA zur Weltmacht auf. Der höchste Berg Nordamerikas, Mount Denali in Alaska erhielt zur Würdigung der Verdienste dieses Präsidenten einen neuen Namen. Der Mount McKinley ist seitdem Symbol seines politischen Programms: Prosperity.

Von diesem Wohlstand war der kleine schwarze Junge McKinley sehr weit entfernt. Er spielte gerne am Fluss, der gleich hinter seinem Elternhaus vorbeifloss. Der Deer Creek ist ein kleiner Nebenfluss des "Ol' man river", des gewaltigen Mississippi. Stundenlang blieb der Junge am Fluss, er badete gerne in seinen Fluten. Seine Schwestern neckten ihn, wenn er nass und dreckig nach Hause kam: "Du riechst nach Modderwasser – Muddy Waters!" Seine Eltern schufteten tagein tagaus als arme Plantagenarbeiter. Sie lebten zwar nicht mehr als leibeigene Sklaven wie noch ihre Großeltern, aber karge Löhne, Rassendiskriminierung und fehlende Bürgerrechte für die schwarze Bevölkerung verhinderten ein wirklich freies Leben.

I be all troubled

Seine Mutter starb, als McKinley noch ein kleiner Junge war, einen sorgenden Vater gab es wohl nicht. Der Sohn war übrig und seine Großmutter nahm ihn zu sich nach Clarksdale, 100 Meilen weiter flussaufwärts am Mississippi. Dort wuchs der Waisenjunge auf und sollte alles lernen, was für einen schwarzen Jungen wichtig war als Landarbeiter: Pflügen und Baumwolle schneiden. Zur Schule gehen, Lesen und Schreiben lernen, um später einen guten Beruf und ein selbstbestimmtes Leben zu führen – das kam nicht in Frage für die Mehrheit der Schwarzen. Als Kind begann für Muddy der eintönige Arbeitsalltag auf der Plantage. Was tun in der feuchten Hitze eines endlosen Tages? Draußen auf den Feldern lag Musik in der Luft. "Jedermann sang – viele brüllten auch einfach nur. Jeder sang einfach nur das, was ihm gerade in den Kopf kam," so erinnerte sich der erwachsene Muddy Waters später. Der Junge konnte zwar nichts daran ändern, aber tief im Inneren spürte er, dass diese Plackerei auf den Baumwollfeldern nicht sein echtes Leben war. Er fühlte sich unzufrieden, niedergeschlagen und bedrückt. Er sang sich wie seine Enttäuschung von der Seele, bitter und klagend: "I can't be satisfied, I be all troubled in mind. Ich sang eben so, wie mir zumute war. Vielleicht war es mir damals gar nicht richtig bewusst, aber die Zustände damals in Mississippi, die gefielen mir gar nicht." Auch wenn er es damals selbst nicht so nennen konnte: Schon als Kind hatte Muddy Waters den Blues.

Son of a Gun

Dabei wusste der schwarze Waisenjunge, dass er in Wirklichkeit ein Glückskind war. Seine Großmutter hatte ihm ein wirksames Voodoo-Amulett von John, dem Eroberer geschenkt, das er immer um den Hals trug. Und er besaß einen machtvollen Fetisch, einen Mojo, der ihm alle Wünsche erfüllen konnte. Oft hielt der Junge die Hasenpfote fest in der Hand und malte sich seine großartige Zukunft aus: Er war ein "Son of a Gun", ein Teufelskerl, auserwählt für ein Leben auf der Sonnenseite des Lebens. Reich und berühmt würde er werden, ein großer und mächtiger Mann, den alle respektieren. Alle schönen Frauen würden ihm zu Füßen liegen, der Whisky in Strömen fließen und er würde ein dickes Bündel Dollarscheine in der Tasche haben. Hatte nicht eine Wahrsagerin seiner Mutter die Geburt eines Wunderknaben angekündigt? Gleich sieben Ärzte bestätigten es bei seiner Ankunft: Dieser Junge ist für ein großes Glück geboren. Er würde groß und stark werden und es allen beweisen: Ich bin der "Hoochie Coochie Man"! Muddy erlernte als Jugendlicher die Anfänge der Bluesmusik. Sein erstes Instrument war die Mundharmonica, das Spielen brachte er sich selbst bei. Damit konnte er bei der Countryblues-Band von Son Sims mitmachen, sie übten nach der Arbeit und traten am Wochenende auf. Son spielte Fiddle, Scott Bowhandle Gitarre und Louis Ford auf der Mandoline. Immer Sonnabends machten sie Musik in den Tanzschuppen der Umgebung, spielten auf Parties, in Musikkneipen, den Juke Joints und beim traditionellen Fischebraten am Wochenende. Son Sims erzählte gerne, wie er früher mit dem großen Bluessänger Charley Patton zusammen tourte. Und von einem unbegabten Jungen, Robert Johnson, der auch mit der Mundharmonica angefangen hatte. Wenig später konnte er so unglaublich brillant Gitarre spielen und dazu singen, dass die alten Bluesstars ganz blass wurden vor Neid. Es hieß, er hätte seine Seele dafür an den Teufel verkauft, in einer mondlosen Nacht an einer Straßenkreuzung in Clarks-dale. Muddy hörte aufmerksam zu. Mit 18 Jahren kaufte er sich seine erste Gitarre, und Scott brachte ihm ein paar Griffe bei. McKinley Morganfield wollte unbedingt Gitarrist und Bluessänger werden – wie Robert Johnson. Und er übte unermüdlich an dieser Bottleneck-Technik, bis er seine Gitarre singen und heulen lassen konnte wie ein zorniges Kind auf einem Baumwollfeld. In den frühen 40er Jahren lebte Waters noch immer im Staat Mississippi. Er war Ende zwanzig und arbeitete in der Landwirtschaft, fuhr tagsüber Traktor auf der Stovall-Plantage bei Clarksdale. Muddy war zu dieser Zeit festes Bandmitglied der "Son Sims Four", er spielte Gitarre und sang. Er träumte davon, von der Landwirtschaft ganz wegzukommen und Berufsmusiker zu werden. An einem Sonnabend konnte er mit seiner Gitarre fast soviel verdienen wie in einer ganzen Woche als Arbeiter. Muddy probierte auch andere Einkünfte aus: Er versuchte sich als Glücksspieler an Spieltischen und als Schwarzbrenner mit illegalem Whisky. Er fehlte oft an seinem Arbeitsplatz, kam aber nicht vom Traktor und der Plantage weg.

Mojo workin'

Dann tauchten 1941 zwei bundesamtliche Musikforscher in Clarksdale auf: Sie wollten Tonaufnahmen machen mit schwarzen Bluesmusikern und die typische Musik der Südstaaten für Forschungszwecke aufzeichnen. Alan Lomax und John Work zogen im Auftrag der Library of Congress von Stadt zu Stadt und hatten ein transportables Tonstudio im Gepäck. Die beiden Herren von der Universität waren nach Clarksdale gereist, um Robert Johnson wieder ausfindig zu machen, mit dem sie sich vor Jahren getroffen hatten. Sie wussten nicht, dass der König des Deltablues bereits tot war. Johnson wurde nur 26 Jahre alt, er starb 1937 am vergifteten Whisky, den ein eifersüchtiger Ehemann dem Verehrer seiner Frau serviert hatte. Lomax und Works nahmen stattdessen Muddy's Lied auf: "I be so troubled". Ein Jahr später kamen sie wieder und machten weitere Aufnahmen mit Muddy Waters und der Band, nur für das wissenschaftliche Archiv, nicht für den Schallplattenverkauf. Aber der Ehrgeiz des Bluesmusikers war geweckt: Er wollte spielen und Tonaufnahmen machen. Dazu musste er sich allerdings bewegen.

Sweet Home Chicago

1943 zog Waters wie viele Afro-Amerikaner aus dem ländlichen Süden in den industriellen Norden der USA: Seine Schwester in Chicago nahm ihn für die erste Zeit bei sich auf. Muddy fand Arbeit als LKW-Fahrer einer Papierfabrik. Abends spielte er Gitarre in den überfüllten Clubs und lauten Musikkneipen. Schnell merkte er, dass seine akustische Gitarre dafür viel zu leise war. Er besorgte sich eine elektrische Gitarre und einen Verstärker. Muddy Waters sang Lieder von zu Hause. Er war froh, endlich in der Stadt zu sein, aber Mississippi ließ ihn nicht los. Der "Country Boy" sang den "Louisiana-Blues", er stimmte für sich und seine schwarzen Zuhörer die Lieder der Sehnsucht an: "I feel like going home". Einer der frühen Bluesmusiker der Stadt hatte ein Auge auf den neuen Mann aus dem Süden: Big Bill Broonzy. Der war zwanzig Jahre älter als Muddy und lebte schon sein halbes Leben in Chicago. Big Bill führte Waters in Chicagos beliebtem Bluesclub "Sylvio's" ein. Muddy traf hier die richtigen Leute, spielte mit den Könnern. Es folgten Tonaufnahmen im Studio, Platten mit seiner Musik wurden gepresst und verkauft. Aus dem Countryboy Muddy wurde ein richtiger Stadtmensch, urbaner Blues voller Energie und Intensität strömte aus ihm heraus. Er prägte den typischen Chicago-Blues mit. Die traditionellen Themen und Erfahrungen bekamen in der Großstadt eine neue Bedeutung. Hier erfüllte sich sein Kindheitstraum: Muddy war nun der "Hoochie Coochie Man", es ging kräftig voran mit der Musik, dem Geld, dem Whisky. Und auch bei den Frauen: "I got my mojo working..." Muddy Waters spielte Konzerte und machte Aufnahmen mit allen Chicago-Bluesmusikern von Rang. Damit änderte sich auch der Sound der Bluesmusik: Aus dem spärlich instrumentierten Countryblues mit Gitarre und Gesang wurde der massive Bühnensound mit Piano, E-Gitarre, E-Bass, Bluesharp und weiteren Blasinstrumenten. Muddy tourte durch die USA, an seiner Seite spielten Jimmy Rogers, Buddy Guy, Little Walter, Leroy Foster. Otis Spann, Willie Dixon.. Dann trat der Blues in den Hintergrund, das weiße Publikum begeisterte sich für den Rock'n'Roll, in der schwarzen Community trat der Soul seinen Siegeszug an.

Rollin' Stone

Muddy WatersAb Ende der 50er Jahre brachte Muddy Waters den echten Blues über den Atlantik nach Europa. Der englische Jazzposaunist und Bandleader Chris Barber lud ihn ein auf die Insel, er und seine Band tourten mit dem Bluesstar aus Chicago. Muddy kam wieder nach Europa zum American Folk Blues Festival. Er faszinierte und inspirierte viele der rebellischen englischen Rockmusiker der 60er Jahre und erlebte mit ihnen ein ungeahntes Comeback. Keith Richards, Mick Jagger, und Brian Jones benannten ihre Rockband nach einem Muddy Waters Song: "The Rollin' Stones", der echte Blues begeisterte die Elite der jungen Gitarristen und sogar die Beatles. Gerne spielte der Bluesveteran mit dem europäischen Nachwuchs. Seine letzte Europatour hatte Waters 1980.

McKinley "Muddy Waters" Morganfield erhielt alle wichtigen Preise und Ehrungen, die ein Bluesmusiker erringen kann. Er ist laut Rolling Stone Magazine die Nummer 53 der hundert besten Sänger aller Zeiten. Er starb am 30. April 1983 in Westmond, einem Vorort von Chicago. Seine Musik lebt fort, auch in der Petruskirche Lichterfelde.

Lutz Poetter

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