ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > März 2013

21.5.2019

Gedanken zum Monatsspruch

von Helmut Schmelzer

Liebe Leserin, lieber Leser,
"am Aschermittwoch ist alles vorbei", so singt man im rheinischen Karneval. Irrtum! Am Aschermittwoch hat sie auch in diesem Jahr wieder begonnen, die vierzigtägige Vorbereitungszeit auf Ostern. Wenn Sie das Gemeindeblatt in den Händen halten, sind wir als gottesdienstliche Gemeinde längst dabei den Leidensweg Jesu nach den Berichten der Evangelien zu bedenken und nach der Bedeutung menschlicher Leiderfahrungen und dem Leiden der Schöpfung zu fragen. Dies ereignet sich im Leben einer Gemeinde zumeist im Lesen und Hören biblischer Texte, im Singen alter und neuer Passionslieder unseres Evangelischen Gesangbuches (EG) und des in unserer Landeskirche eingeführten umfangreichen Liedbeiheftes, aber auch im Hören auf Passionsmusiken der kirchenmusikalischen Tradition und dem Anschauen alter und neuer Werke der bildenden Kunst. Und so ist es inzwischen in vielen Städten der Welt, durch Anregung des französischen Dichters und Diplomaten Paul Claudel (1868-1955) kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, zu einem guten Brauch geworden, den Beginn der Passionszeit mit einem Aschermittwoch der Künstler gottesdienstlich zu begehen. Damit erhalten Künstler eine besondere Möglichkeit zur Besinnung.


"Christuskopf" von Pablo Picasso

Ein besonderes eindrucksvolles Beispiel der bildenden Kunst ist für mich der Christuskopf, eine Tuschzeichnung von Pablo Picasso aus dem Jahr 1959 aus seinem Pariser Skizzenbuch. Wir finden den ausdrucksstarken dornengekrönten Christus als Abbildung im EG der Lutherischen Kirchen in Bayern und Thüringen, eine Ausgabe, die in vielen Gemeinden für den gemeinsamen Gesang längst im Gebrauch ist. Leider kommt dabei die Betrachtung der ausgewählten Bilder und der Bezug zum Thema im Gemeindealltag nur selten vor. Picassos Bild eröffnet durch seinen Standort den beginnenden ökumenischen Liedteil und führt somit den Lesenden oder Singenden zu einer wesentlichen Deutung des leidenden Christus, die für das ökumenische Denken und Handeln unserer Kirche grundlegend ist. Picasso nahm nur wenig christliche Themen in seinem Werk auf. Das einzige Ölbild einer Kreuzigung malte er, so weit wir es heute wissen können, als seine Ehe 1930 scheiterte. Viele Maler haben in persönlichen Krisensituationen bis heute Motive des leidenden Christus gern aufgriffen und die Bedrohungen des Lebens auf ihre Weise künstlerisch zu deuten gewusst.

Wir sind in diesen Wochen der Vorbereitung auf das Osterfest besonders eingeladen und dürfen ihre Werke immer wieder betrachten, ihre Bildsprache erlernen und neu bedenken und deren Inhalt erspüren. Auch und gerade weil manche Künstler der Kirche fern stehen und sie christlichen Themen oft nur durch das Studium von Kunstwerken begegnen. Auch bei Picasso scheint es so gewesen zu sein.

Aber nicht nur Bilder wollen zu uns sprechen, auch das Wort Gottes, wie es die Heilige Schrift bezeugt, will uns auf dem Weg nach Golgatha in die Nachfolge Jesu rufen und unseren Blick für das Leiden und die Bedrohungen menschlichen Lebens schärfen. Im Wissen, das Jesus Christus den Weg der Liebe in einzigartiger Weise bis in den Tod gegangen ist und Gott seinen Sohn auferweckt hat, sehen und spüren auch wir:

Unser Leben ist bedroht. Tag für Tag gehen wir dem Tod einen Schritt entgegen. Das fällt uns in jungen Jahren in aller Regel nur wenig auf. Unser Leben entfaltet sich ja erst richtig. Erst in Zeiten der Krankheit, des Alters oder unmittelbarer Lebensgefahr wird uns der Tod bewusst. In so einer Zeit tiefer Angst schreien Menschen zu Gott, so wie David, so wie Christus am Kreuz. David und Christus wissen: Gott ist meine einzige Hoffnung. Nur er kann alles Leid überwinden. Denn Gott hat die Macht, aus der Gefahr zu retten.

Daß alles Leben allein durch Gott bestehen kann, bestätigt das Wort aus dem Lukasevangelium, das uns bis zum Ende des Monats, bis zum Osterfest, begleiten will. Darin geht die Hoffnung auf Leben aber schon über den Tod hinaus.

Im Blick auf Israels Stammväter Abraham, Isaak und Jakob stellt Jesus im Gespräch mit seinen Herausforderern über die Frage der Auferstehung fest: Bei Gott leben sie alle. Gestorben waren sie zwar längst. Aber weil sie ihre Hoffnung auf Gott gesetzt hatten, hat er sie über den Tod hinaus am Leben erhalten.

Das gilt bis heute für jeden, der auf Gott vertraut. Jesus hat unseren Tod auf sich genommen. Damit hat der Tod seine Macht über uns verloren. Denn wer zu Jesus gehört, der hat das Leben – wahres, ewiges Leben. Weder Krankheit, Krieg, Unfall, noch sonst irgendetwas was unser Leben bedroht, kann ihn von Gott und seiner Liebe trennen – nicht in diesem Leben und erst recht nicht in der Ewigkeit.

In Vorfreude auf das Osterfest dürfen wir uns auf den Passionsweg Jesu mitnehmen lassen: Hörend, betrachtend und fragend. Beim Meditieren der Kreuzwegstationen, die in so vielgestaltiger Form vornehmlich in katholischen Kirchen ihren jeweiligen künstlerisch-theologischen Ausdruck gefunden haben, erkennen wir: Es ist ein hoffnungsvoller Weg, einmalig und somit unverwechselbar, den Jesus Christus für uns, die wir durch die Taufe seinen Namen tragen, voraus gegangen ist.

Im Vertrauen auf diese Gewissheit werden wir in den erdumspannenden Osterjubel der ökumenischen Christenheit mit Paul Gerhardt staunend einstimmen können:

Auf, auf, mein Herz, mit Freuden, nimm wahr, was heut geschicht;
wie kommt nach großem Leiden nun ein so großes Licht! … (EG 112, 1)

Helmut Schmelzer