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23.7.2019

Historiker: Impulse für Toleranz hat Luther "beileibe nicht gewollt" – aber bewirkt
Lutherdekade: Themenjahr 2013 – Reformation und Tolleranz


Martin Luther vor der Frauenkirche in Dresden – Foto: R. Kolodziej

Der Berliner Historiker Heinz Schilling warnt davor, den Reformator Martin Luther am Toleranzbegriff des 21. Jahrhunderts zu messen. "Der Toleranzbegriff nach der Aufklärung ist ein anderer als zur Zeit Luthers", sagte der emeritierte Professor für Europäische Geschichte der frühen Neuzeit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Logo LutherdekadeSchilling verfasste das aktuelle Buch "Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs". Er würdigt den Reformator als Theologen, der die Religion wieder als existenzielle Kraft für den Einzelnen und für die Gesellschaft in die Welt brachte. Schilling plädiert mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017, an dessen Vorbereitungen er in einem wissenschaftlichen Beirat mitarbeitet, dafür, "die Sperrigkeit Luthers" stärker herauszuarbeiten.

Was unterscheidet Luther von seinen Zeitgenossen?

Heinz Schilling: Zunächst einmal relativ wenig, Luther ist ein Kind seiner Zeit. Er ist genauso abergläubisch und war am Anfang in derselben Weise religiös wie seine Zeitgenossen. Was ihn zwar nicht absolut unterscheidet, aber doch in der Intensität, ist seine Bibelzentriertheit. Vor allem aber nahm er im Unterschied zu den meisten seiner Zeitgenossen die Religion existenziell als Frage nach dem universellen Sinn seiner Existenz. Er nahm die Leistungsfrömmigkeit existenziell und stellte im Kloster fest, ich kann dem nicht genügen. Dieser existenzielle Zweifel, der ihn fast in den Wahnsinn und in die Verzweiflung trieb, ist sicher typisch für Luther.

Wie hat dieser zweifelnde Luther die Welt verändert?

Schilling: Er hat die Welt verändert in der Hinwendung zur Religiosität als existenzielle Kraft. In der oberflächlichen Leistungsfrömmigkeit des Mittelalters war die Religion zur Arabeske geworden. Luther brachte die Religion wieder als existenzielle Kraft für den Einzelnen aber auch für die Gesellschaft in die Welt. Mit positiven und negativen Folgen, aber in einer Dynamik, die das Zeitalter und die Welt veränderte.

Worin liegen seine Verdienste?

Schilling: Er war bereit, dicke Bretter zu bohren. So impulsiv und leidenschaftlich er war, hat er seine Erkenntnis in einer beeindruckenden Weise beharrlich umgesetzt. Er hat sich nicht dazu verführen lassen, mit Gewalt vorzugehen und sich durch Ritter oder aufständische Bauern vertreten zu lassen. Er hat seine Position kontinuierlich verfolgt. Angesichts der immer wieder an ihn herangetragenen Versuchung, kurzen Prozess zu machen, war das eine ungeheure Leistung. Er hat seine Erkenntnis nach seinen Prinzipien und nach seinem Gewissen durchgesetzt und durchgehalten.

Welche Folgen hatte das für die Weltgeschichte?

Schilling: Seit Luther ist die Christenheit nicht mehr monolithisch. Es gibt in der Christenheit fortan mehrere Positionen. Damit ist innerhalb der alten europäischen Welt eine Differenzierung eingetreten, die vorher in dieser Weise nicht möglich war.

War das alles so gewollt?

Schilling: Durch die Tatsache, dass sich eine Alternative zur römischen Einheitskirche in wesentlichen Teilen Europas behauptet hat, ergaben sich wichtige Impulse in Richtung auf Multikonfessionalität, Toleranz und Pluralität. Das hat Luther beileibe nicht gewollt, aber das war ein Ergebnis seines historischen Auftritts.

Lässt sich Luther an unserem heutigen Toleranzverständnis messen?

Schilling: Das führt in die Irre. Luther kann nicht am Toleranzbegriff des 21. Jahrhunderts gemessen werden. Der Toleranzbegriff nach der Aufklärung ist ein anderer als zur Zeit Luthers. Die Religion war damals die Zentralachse des öffentlichen wie des privaten Lebens. Da war Toleranz im heutigen Sinne nicht möglich. Es ist daher völlig unhistorisch – wie es in einer Broschüre der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geschieht – die Untoleranz Luthers herauszustellen oder sich gar für diese historische Position Luthers zu entschuldigen. Es geht vielmehr darum herauszuarbeiten, warum Luther hier eine andere Einstellung hatte als wir heute und wie er dennoch mit dazu beigetragen hat, dass sich der moderne Toleranzbegriff entfalten konnte.

Was bedeutet das etwa im Blick auf Luthers scharfe Worte gegen die Juden?

Schilling: In seinen Spätjahren war Luther geradezu getrieben von der Sorge, dass seine Erkenntnis wieder verloren gehen könnte. Er hat die Obrigkeit aufgefordert, gegen alle, die von seiner Gnadenlehre und von seiner Wende hin zum Evangelium abweichen, vorzugehen. Das ist nichts Besonderes in dieser Zeit. Das kann man ihm auch nicht vorwerfen, sondern das muss man genauso beschreiben. Insbesondere seine starken Ausfälle gegen die Juden. Seine Haltung historisch zu erklären, heißt natürlich nicht, sie in irgendeiner Weise akzeptabel zu machen. Gerade an diesem Punkt ist auf die grundlegende Andersartigkeit seiner und unserer heutigen Welt zu beharren.

Heinz Schilling ist Historiker und emeritierter Professor für Europäische Geschichte der frühen Neuzeit

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