Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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13.12.2019

Jochen Klepper

von Torsten Lüdtke

Am 11. Dezember 2012 jährte sich sein Todestag zum 70. Male; im März wird sich sein Geburtstag zum 110. Male jähren. Grund genug also, zwischen diesen beiden runden Jubiläen an den ausgebildeten Theologen und erfolgreichen Schriftsteller Jochen Klepper zu erinnern und so des wohl bedeutendsten protestantischen Liederdichters des 20. Jahrhunderts zu gedenken.


Geburtshaus von Jochen Klepper


Die Eltern


Die Geschwister

In der niederschlesischen Provinz, im rund hundert Kilometer nordwestlich von Breslau gelegenen Beuthen an der Oder kommt Jochen Klepper am 22. März, dem Sonntag Lätare des Jahres 1903, zur Welt. Der Vater ist evangelischer Pfarrer in Beuthen und stammt aus einer alteingesessenen Pfarrerfamilie; doch entspricht das Elternhaus Jochen Kleppers überhaupt nicht den Klischees eines preußisch-schlesischen Pfarrhauses: Anstatt einer engen Pfarrwohnung bewohnt die Familie ein geräumiges Haus unweit der Predigtstätte des Vaters in der Innenstadt von Beuthen. Kleppers Vater wird als Theologe von liberalen Ideen und herrenhutescher Innerlichkeit geprägt beschrieben. Als Mensch sei der Vater lebensfroh, gutem Essen und der Jagd zugetan gewesen.

Die Mutter dagegen kommt aus einem französischstämmigen, katholischen Elternhaus und konvertiert kurz vor der Hochzeit zum Bekenntnis ihres Mannes. Alte Photographien zeigen eine modisch gekleidete, elegant frisierte Frau, die sich fürs Theater interessierte und die durch ihr sensibles Wesen auch selbst wohl künstlerisch veranlagt war.

Jochen ist ihr drittes Kind. Zwei Schwestern, Margot und Hildegart, sind zuvor geboren, zwei Brüder werden noch folgen; doch ist Jochen das Sorgenkind der Familie: Eine langwierige Drüsenerkrankung und immer wiederkehrende Asthmaanfälle fesseln den kleinen Jochen an das Bett und das väterliche Haus. Erfahrungen, die andere Kinder beim Spielen oder den Besuch der Schule prägen, bleiben Jochen lange vorenthalten. Von seinem Vater erhält er Privatunterricht und von seiner Mutter viel Aufmerksamkeit. Dabei verschlechtert sich das Verhältnis zum Vater zusehends, wie Jochen Klepper 1934 in seinem Tagebuch notierten wird: "Vater und ich sind uns ja eine der schwersten Prüfungen gewesen, die Gott uns auferlegt hat."

Im nahegelegenen Glogau besucht Jochen Klepper das Gymnasium, wo er auch 1922 die Abiturprüfung ablegt. Während seiner Gymnasialzeit verfasst Klepper romantische Gedichte und Novellen, die bereits auf sein großes schriftstellerisches Talent verweisen. Mit neunzehn Jahren – noch 1922 – beginnt Jochen Klepper ein Studium der Theologie, für das er sich bei der theologischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen einschreibt. In Erlangen, einer Hochburg lutherischer Theologie, hört Klepper die einführenden Vorlesungen; dabei mag ihn bei der Wahl des Studienortes auch der Versuch einer ersten Distanzierung zum als übermächtig empfundenen, theologisch liberal denkenden Vater bewegt haben.

Nach zwei Semestern wechselt Klepper an die theologische Fakultät der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Breslau. Hier, wo Klepper sechs Semester verbringt, lernt er den – kurz zuvor zum außerordentlichen Professor ernannten – Theologen Rudolf Hermann kennen, der sein väterlicher Freund wird. Der ausgewiesene Luther-Kenner Hermann verweist den als "auffallend elegant gekleidet" beschriebenen Studenten auf das Werk und das "persönliche Glaubensbekenntnis" Luthers, wie es sich in den großen Flugschriften des Reformators manifestiert. Luthers Erkenntnis, dass "Gott den Sünder gerecht macht allein aus Gnade im Glauben", fesselt und prägt den Studenten Klepper, doch bleiben aufgrund des Asthmaleidens und des damit verbundenen labilen Gesundheitszustandes immer auch Zweifel und Schuldgefühle bestehen.


Studium in Breslau


Haus in Berlin Südende

Noch während des Studiums erhält Klepper 1927 eine Anstellung beim Evangelischen Presseverband in Breslau, wo er bald zu den Pionieren der evangelischen Rundfunkarbeit gehört. Unter der Arbeit für den Presseverband leidet das Studium, die angefangene Abschlussarbeit für das Lizentiaten-Examen bleibt unvollendet. Zum Beginn des Sommersemesters 1929 begibt sich Klepper in Breslau auf Wohnungssuche; bei Johanna "Hanni" Stein (geb. Gerstel), der Witwe eines wohlhabenden Rechtsanwalts, und ihren beiden Töchtern Brigitte und Renate bezieht er ein Zimmer zur Untermiete. Aus dem engen Zusammenleben in der Wohnung entsteht bald ein Verhältnis zwischen dem Studenten und der attraktiven, jedoch um 13 Jahre älteren Frau, die Klepper zwei Jahre später am 28. März 1931 standesamtlich heiraten wird. Durch die Eheschließung verschärft sich der Konflikt mit dem Vater weiter und führt auch zum Bruch mit der Familie. Zugleich eröffnet sich dadurch für Klepper aber auch der Weg zu einem eigenen, unabhängigen Leben und der Karriere als freier Schriftsteller.

Im März 1932 zieht die Familie Klepper von Breslau nach Berlin, wo Jochen Klepper eine Stelle als Autor in der Hörfunkabteilung der Rundfunkgesellschaft "Funk-Stunde Berlin" erhalten hat.

Mit dem Einzug in das Haus in Berlin-Südende beginnt Klepper ein minutiös geführtes Tagebuch, anhand dessen sich die Wege und Gedanken des Dichters bis in Kleinigkeiten hinein nachverfolgen lassen. Im Herbst 1932 erscheint Kleppers erster Roman "Der Kahn der fröhlichen Leute". Hauptfigur des Romans ist das Waisenmädchen Wilhelmine Butenhof, die als Erbin des Oderkahns "Helene" zum Schrecken der anderen Oderschiffer den Kahn blau streicht und dazu eine ebenso bunte wie illustre Besatzung anheuert: arbeitslose Artisten, die kunstbegeisterte Zerline und das Zirkuspony Hannchen. Wilhelmine und die "fröhlichen Leute" werden schließlich nach vielen, mit feinem Humor vor breiter Oderkulisse erzählten Erlebnissen von der "bürgerlichen" Gesellschaft wieder aufgenommen.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler nur ein halbes Jahr später ändert sich auch die Situation der Familie Klepper. Auf Druck der neuen Machthaber wird Klepper bei der "Funk-Stunde Berlin" wegen seiner "jüdischen Familie" und als Verfasser von Beiträgen zum Leben der Kinder für den "Vorwärts" als Mitarbeiter entlassen. Im Juli 1933 erhält Klepper schließlich eine Stelle beim Ullstein-Verlag im Redaktionsbüro einer Funkzeitschrift, die ihn der unmittelbaren Sorgen um die Zukunft enthebt. Klepper kann – durch die neue berufliche Tätigkeit abgesichert – mit den Vorarbeiten und Recherchen für den Roman "Der Vater" beginnen. Mit dem Datum vom 24. Februar 1934 erhält Klepper endlich die Bestätigung seiner Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer, was seine Position als Schriftsteller zunächst sichert.

Doch betrachtet Klepper die Zeitverhältnisse mit wachsender Sorge; er sieht den Weg "seiner" evangelischen Kirche zwischen Anpassung und Auflehnung, er erkennt auch, dass mit der wachsenden Judenfeindschaft auch unmittelbar Gefahren für seine Familie drohen, da seine Frau Johanna und die beiden Töchter nach der Definition der Nürnberger Rassegesetze als "Jüdinnen" gelten. Seit dieser Zeit stellt Klepper den Eintragungen in sein Tagebuch stets die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine voran, die für ihn eine bewusste Anweisung zum Leben mit dem Wort Gottes und dem Stehen in Gottes Hand bedeuten.

Während dreier Jahre arbeitet Jochen Klepper an dem Manuskript zum Roman "Der Vater". Unzählige Quellenstudien, angefertigt in den Lesesälen der Preußischen Staatsbibliothek und verschiedener Archive, geben dem Roman, in dem Klepper mit dem Konflikt zwischen dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. und dessen Sohn Friedrich auch seinen eigenen Vater-Sohn-Konflikt darstellt, eine besondere Authentizität. Doch entwirft er in ihm auch das Bild eines Königs, der sein Handeln als erster Diener des Staates dem Willen und Wort Gottes unterordnet. Im Februar 1937 erscheint der Roman – der auch als Gegenbild zum Nationalsozialismus und seinem Führerkult gelesen werden kann – in den deutschen Buchhandlungen.

Während der Arbeiten zum "Vater" bleiben auch Schicksalsschläge für Klepper nicht aus: Im Oktober 1934 reist er nach Beuthen, wo er seinen sterbenden Vater besucht. Im September 1935 verliert Klepper seine Anstellung bei Ullstein. Fast gleichzeitig dazu zieht die Familie Klepper ein neues, eigenes Haus in Berlin-Nikolassee um; doch bleibt das Erscheinen des Romans um Friedrich Wilhelm I. im Frühjahr 1937 wohl ein letzter äußerer Höhepunkt im Leben Jochen Kleppers.

Nur wenige Tage nach dem Erscheinen des in allen Schichten erfolgreichen Romans wird Klepper am 25. März 1937 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot für den Schriftsteller gleich kommt. Eine "Sondergenehmigung für schriftstellerische Arbeit" mildert zwar die Folgen des Ausschlusses, doch erwögen Kleppers nun ernsthaft die Flucht ins Ausland, doch können sie sich letztlich aber nicht dazu durchringen.

Nur die ältere Stieftochter Kleppers, Brigitte, wird kurz vor Kriegsausbruch über Schweden nach England ausreisen. Ein Schutzbrief des Innenministers Frick bewahrt die Familie zunächst noch vor Verfolgung und schafft Zeit für Kontakte zu deutschen und schwedischen Stellen, die die Emigration von Frau und Tochter zu ermöglichen sollen.

Unter den Eindrücken der Ereignisse vom 9. November 1938 lässt sich Johanna Klepper am 18. Dezember 1938 in der Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin-Mariendorf von Pfarrer Kurzreiter taufen, danach wird die Ehe der Kleppers kirchlich eingesegnet.

Durch die erteilte Ausnahmegenehmigung kann Klepper 1938 den Gedichtband "Kyrie" veröffentlichen, der Texte verschiedener Lieder, wie etwa des Weihnachts- und Adventsliedes "Die Nacht ist vorgedrungen", enthält. 1939 und 1941 wird Klepper noch zwei weitere, im Umfang erweiterte Auflagen von Kyrie vorlegen, die im Eckart-Verlag in Berlin-Steglitz erscheinen.

Ende November erhält Jochen Klepper die Einberufung zur Wehrmacht; bis zum Oktober 1941 – wo er wegen "Wehrunwürdigkeit" entlassen wird – ist Klepper Soldat im Stab einer Nachschubeinheit der 76. Infanterie-Division, die in Polen, auf dem Balkan und schließlich auch, im Aufgebot der Heeresgruppe Süd, in Rumänien sowie beim Angriff auf die Sowjetunion eingesetzt ist.

Ende 1942 zerschlagen sich alle Hoffnungen für eine Ausreise der jüngsten Tochter ins rettende Ausland. Nach einer persönlichen Anfrage an den Reichsinnenminister Wilhelm Frick muss Klepper davon ausgehen, dass die Deportation der Stieftochter und die zwangsweise Scheidung der Ehe unmittelbar bevorstehen würde und damit auch seiner Frau die Deportation droht In der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 nimmt sich die Familie Klepper mit Hilfe von Schlaftabletten und Gas gemeinsam das Leben. Der letzte Eintrag in Kleppers Tagebuch fasst die Verzweiflung zusammen: "Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben." Die sterblichen Überreste der Familie Klepper werden auf dem Waldfriedhof in Berlin-Nikolassee beigesetzt.

Torsten Lüdtke

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