ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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24.3.2019

Gedanken zur Jahreslosung

von E-Mail


Foto: Michael Busch

Erster Schnee ist gefallen. Draußen vor der Stadt hat sich eine geschlossene, weiße Decke gebildet. Letzte Flecken in der Landschaft werden geschlossen. Wie ein festlich gedeckter Tisch mit feierlichem Tuch, rein und ohne Spuren hüllt sich die Landschaft in unschuldiges Weiß. Welche Metapher, welches Bild könnte besser geeignet sein für ein neues Jahr, das nun bereits am Horizont auftaucht? Wir werden dieses neue Jahr wieder mit den uns eigenen Ritualen begrüßen: mit Feuerwerk, Bleigießen und Sprüchen aus lustigen Glückskeksen.

Wo sind die Orientierungsmarken für das neue Jahr. Welche Wegweiser leiten uns?

Vielleicht Worte wie die Jahreslosung aus dem Hebräerbrief: "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir." Taugt dieser Vers als Wegweiser in unübersichtlicher Lebenslandschaft?

Zunächst stellt sich eher Ernüchterung ein. Denn die Worte, die uns ein Jahr lang begleiten wollen, führen uns in aller Deutlichkeit die Vorläufigkeit und Vergänglichkeit unseres Lebens vor Augen. Das scheint auf den ersten Blick kein Mutmachspruch für das neue Jahr zu sein.

Damit widerspricht dieses Wort im Kern auch dem, was viele unter uns antreibt: etwas Bleibendes zu leisten und zu hinterlassen. Schön wäre es, wenn etwas bleiben würde von meinem Leben. Wenigstens ein Birnbaum wie in Fontanes berühmten Gedicht. Einige sagen, in Kindern bleibt etwas von einem. An die geleistete Arbeit erinnert sich vielleicht noch der eine oder der andere. Manchem bleibt ein Wort, das über die Lippen gegangen ist. Aber je älter wir werden, umso schmerzhafter wird uns bewusst, dass wir nicht für immer bleiben. Dass wir hier nur Gast sind auf Erden.

Dass wir umherziehen im Leben und oft genug auch auf gepackten Koffern und Kisten gesessen haben, um zum nächsten Ort zu ziehen, weil die Umstände es erfordert haben, ist vielen Menschen keine fremde Erfahrung. Und tief in uns drin ist da dennoch die Sehnsucht zum Hütten bauen, zum Sesshaft werden.

Wo aber bin ich zu Hause, wo bin ich beheimatet? An keinem Ort – nirgends sagt uns die Jahreslosung, oder wie es die Schriftstellerin Hilde Domin ausdrückt: "Du riechst nicht nach Bleiben. Ein Heim ist kein Heim". Auf die Dauer ist dieser Zustand schwer auszuhalten. Diejenigen die täglich eine lange Strecke zur Arbeit pendeln müssen oder nur am Wochenende die Familie sehen, wissen davon ein Lied zu singen. Die moderne Soziologie bezeichnet das als "Ortspolygamie" – mit mehreren Orten verheiratet zu sein. Eine Art modernes Nomadentum. Der Weg ist hier nicht das Ziel. Auch so eine Glückskeksweisheit, die sich nach 500 Kilometern auf vollgestopften Autobahnen als Luftblase erweist.

Es ist eine menschliche Erfahrung, dass die Bewegung auch Unsicherheit mit sich bringt. Es schmerzt, Gewohntes aufzugeben. Es ist schwer, etwas loszulassen. Es bleibt gleichzeitig offen, was auf mich wartet. Wenn alles im Fluss ist, brauche ich Dinge, die feststehen. Wenn alle in Bewegung sind, brauche ich einen Ort, an dem ich bleiben kann.

Lebenslänglich sind wir unterwegs, in Bewegung auf Sehn-Suche. Und wir versuchen ein ums andere Mal Hütten zu bauen, um zu bleiben und Heimat zu finden. Die Jahreslosung 2013 will uns diese Grundlagen nicht mit einem frommen Spruch entziehen, wenn es heißt: "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir." Hier und heute haben wir Gastrecht, was uns geliehen, anvertraut und zugemutet ist. Das bringt es mit sich, das wir im Hier und Jetzt auch Verantwortung haben für das uns auf Zeit Anvertraute.

Und dennoch: Das Leben ist in Bewegung. Die Bibel ist voll von Beispielen, die davon erzählen. Abraham und Moses verlassen ihr Zuhause und suchen für sich und ihre Familien eine neue Zukunft. Auch Jesus ist ein festes Zuhause eher fremd. Er ist auf Wanderschaft.

Die Jahreslosung erinnert uns daran, dass wir unterwegs sind, auf dem Lebensweg. Dass wir auf der Suche sind auch im neuen Jahr, das noch weiß und spurenlos vor uns liegt. Die Jahreslosung sagt uns aber auch, dass wir nicht ziellos umherirren. Sondern unterwegs sind in Gottes Zukunft, der auf uns zukommt. Wir gehen ihr entgegen.

Eines unserer neueren Kirchenlieder fasst dies in die Worte: "Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt! Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit."

Ein gesegnetes Neues Jahr wünscht Ihnen Ihr

Pfarrer Michael Busch