ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.7.2019

Erinnern und Vergessen


Foto: Michael Busch

Worte aus Jesaja 43 – gelesen angesichts des Shoah-Gedenktages am 27. Januar 2013:

Ich, ich allein bin Gott, ohne mich gibt es keine Rettung.
Ich habe es mitgeteilt, ich habe gerettet und habe es hören lassen und war nicht fremd für euch, ihr bezeugt es, Spruch Gottes, dass ich Gott bin.
Auch in Zukunft bin ich es und niemand rettet aus meiner Hand.
Ich tue es, wer will es rückgängig machen?
So spricht Gott, der im Meer einen Weg erschafft und in starken Wassern eine Straße:
Ausziehen lässt Gott Wagen und Pferd, Macht und Stärke:
Sie werden sich zusammen hinlegen und nicht mehr aufstehen, sie verlöschen wie ein Docht erlöscht.
Denkt nicht an das Frühere, und auf die Vorzeit achtet nicht!
Siehe, ich mache Neues, jetzt sprießt es auf, erkennt ihr es nicht?
Ja, ich mache in der Wüste einen Weg, in der Einöde Wasserströme…
Ich, ich bin es, ich tilge deine Vergehen um meinetwillen, und deiner Sünden gedenke ich nicht.
Erinnere mich, lasst uns miteinander rechten, erzähle doch, damit du Recht bekommst.

(Verse 12-13;16-19 und 25-26)

Gottesdienste zum Shoah-Gedenktag in unserer Gemeinde

Im Januar 1996 hat der Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" erklärt. Warum dieser Tag? Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Am Ende seiner Proklamation erklärte der damalige Bundespräsident: "Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen." Und in seiner Rede im Bundestag sagte er, es gehe darum, "aus der Erinnerung immer wieder lebendige Zukunft werden zu lassen."

Deshalb ist es wichtig für uns, eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt.

Wir möchten mit einem Gottesdienst an diesem Tag einen Denkanstoß geben.

27. Januar 2013,
9.30 Uhr, Dorfkirche
und
11.00 Uhr, Petruskirche

Ein Jahrestag wie der 27. Januar, der "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" ist ein Tag der Erinnerung. Am 27. Januar 1945 erreichten in den Nachmittagsstunden die Soldaten der Roten Armee in Südpolen das Fabrikgelände von Monowitz und die Lageranlagen von Birkenau und Auschwitz. Sie trafen auf 7000 erschöpfte und kranke Häftlinge – Frauen, Männer und Kinder. Die Täter waren alle geflohen.

So ist dieser Tag Erinnerung an Versagen, Mord und Hass.

"In den Todeslagern ist etwas geschehen, was bis dahin niemand einfach für möglich gehalten hätte. Man hat dort einen tiefen Bereich der Solidarität unter allem berührt, was ein menschliches Antlitz trägt", hat der Philosoph Jürgen Habermas den Angriff auf den Mit-Menschen zu begreifen versucht. Wenn Auschwitz möglich war, kann Auschwitz sich wiederholen. So ist dieser Tag auch eine Erinnerung an die Opfer; und mit den Opfern ist er eine Erinnerung an das Leben! Nur mit dieser Erinnerung kann verantwortliches Leben gelingen. Das entgegnen wir jenen, die sagen: "Schon wieder Auschwitz! Kann denn nicht mal genug sein? Bald 70 Jahre – es reicht!"

In biblischer Tradition macht Vergessen blind – Jesaja, Jesus von Nazareth, auf wen wir hören, die Heilige Schrift lebt in und von Erinnerung.

Und doch unterbricht uns Jesaja an dieser Stelle: Siehe, ich bin dabei, etwas Neues zu tun. Vergiss alles, was war: Jetzt wächst es, erkennt ihr es denn nicht? Der Spross des Neuen kommt ohne unsere Erinnerungsstrategien aus. Überdeutlich mahnt der Prophet: Al tiskeru! Denkt nicht an das Frühere! Der neue Himmel und die neue Erde lassen das Alte hinter sich. Des Vorigen soll nicht gedacht werden, es soll nicht einmal mehr in den Sinn kommen (65,17).

Nun wissen wir, dass die Mahnung sachor – gedenke, erinnere dich! – unzählige Male in der Bibel vorkommt; dass sie unabdingbar für die eigene Existenz ist! Zukunft braucht Erinnerung. "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen" (Santayana). Eingedenken ist für die Orientierung des eigenen Lebens unabdingbar. Wir brauchen unsere Vergangenheit, auch unsere schmerzhafte Vergangenheit. Und wir brauchen die Vergangenheit der anderen wie die Geschichte Gottes mit und gegen unsere gewaltförmige Egomanie.

Auch das lesen wir bei Jesaja, wo Gott in ?ildern der Befreiung aus der ägyptischen Schinderei spricht, um die Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft anzukündigen:

"So spricht Gott, der im Meer einen Weg und in starken Wassern Bahn macht." Wir hören Mirjam singen "Ross und Reiter warf er ins Meer" – Israels Ur-Erinnerung.

Eine andere Ur-Erinnerung betrifft Isaak: Da ertönte bei seiner Fesselung zum Opfer vom Himmel eine Stimme: "Lege deine Hand nicht an den Knaben!" Er war der erste Überlebende! Doch in Auschwitz war die Stimme vom Himmel ausgeblieben und auch Rosse und Reiter waren zu spät versunken. Eine schale Befreiung angesichts der unendlich vielen Ermordeten – und doch eine Befreiung! So erinnern wir diesen Tag als Tag der Befreiung und im Wissen um die mit ihm verbundenen Todesmächte.

Zukunft ist Erinnerung – Sühnezeichens Kernsatz! Er kommt uns nur stockend über die Lippen. Was ist, wenn die Erinnerung Trümmer und Totes vor Augen führt?

Aber das war die geschichtliche Stunde, in der Lothar Kreyssig und seine Mitstreiter im totalen Desaster des eigenen, doch so geliebten und zerstörten Landes aufbrachen, um nach Wegen und Brücken zu den europäischen Nachbarn zu suchen. Kirche und Glaube – katastrophal zerbrochen, und doch, und doch vertrauten sie zögernd und zagend auf die Wasserströme des Lebens in der Wüste des Todes. Sie vertrauten auf den ungeheuren, unausschöpflichen Satz Gottes: "Ich tilge deine Vergehen um meinetwillen!" Nur ihm allein konnten sie entsprechen und beginnen…

"Da sprießt es, siehst du es nicht?" – Unser tiefes Bedürfnis nach geschichtlicher Vergewisserung strebt nach Sicherheit – mit diesem Satz wird es durchgestrichen, wird Erinnerung entlarvt als sich selbst tröstende Vergewisserung der eigenen Menschlichkeit.

Die Stimme Gottes unterbricht unser Reden und Forschen – auch Wissenschaft kann viele Wunden heilen… – und fordert uns auf:

"Erinnere mich, lass uns miteinander rechten! Erzähle doch, damit du Recht bekommst!"

Noch einmal die Erinnerung an Lothar Kreyssig: Indem er unsere Schuldgeschichte vor Gott und seine Zeitgenossen brachte, wurde er frei zu einer neuen, einer kreativ sprießenden Saat der Freundschaft und Versöhnung. Damit wuchsen neues Tun und neues Lassen im Gegenüber mit den europäischen Nachbarn, neues Zuhören – auch Zuhören ist Gedenken! – und neues Erzählen. Mit der Aktion Sühnezeichen entstand ein neuer, vielfältiger Lehr-, Lern- und Hoffnungsraum.

Solche Räume sind in vielen Gemeinden entstanden, in denen gefragt wurde: Was will Gott von uns im Angesicht des 27. Januars? Die Selbstrechtfertigungen, auch im Erinnern, hinter uns zu lassen, aus dieser babylonischen Gefangenschaft auszuziehen, klar sehen, was geschehen ist an Mord und Hass. In Auschwitz ist die Stimme vom Himmel ausgeblieben. Es ist den Menschen schwerer gemacht zu glauben, den Toten wie den Überlebenden. Es gibt den Aufruf Jesajas zu erzählen und zu sehen, was dennoch Gott sprießen lässt. Und dann liegt es auch an uns, dazu beizutragen, dass es wieder leichter wird, diese Welt als Gottes Welt zu glauben. "Amen, das heißt: es werde wahr! Stärke unseren Glauben immerdar."