Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Licht – Leben – Liebe

von Pfarrer E-Mail

Liebe Gemeinde,
es sollte ein ganz besonderes Bild werden, und es gab nur einen einzigen Versuch. Intensiv hatte der Maler in seiner inneren Vorstellung gesucht, wie er sich und den anderen deutschen Soldaten die Weihnachtsbotschaft vor Augen zeichnen sollte. Es sollte ein Geschenk sein für die frierenden, hungernden und hoffnungslosen Soldaten im eisigen Kriegswinter 1942.

Kurt Reuber: Madonna von Stalingrad (Dezember 1942)

Licht in der Dunkelheit

"Dann habe ich für den Generals-, die Mannschafts- und die beiden Offiziersbunker gemalt – und ich habe lange bedacht, was ich malen sollte – und herausgekommen ist eine 'Madonna' oder Mutter mit Kind. Ach, könnte ich sie so gestalten, wie die Intuition es möchte! Meine Lehmhöhle verwandelte sich in ein Atelier. Dieser winzige Raum, kein nötiger Abstand vom Bild möglich! Dazu Dauerndes Anstoßen, Hinfallen, Verschwinden der Stifte in den Lehmspalten. Für die große Madonnenzeichnung keine rechte Unterlage. Nur ein schräggestellter, selbstgezimmerter Tisch, um den man sich herumquetschen musste, mangelhaftes Material, als Papier eine russische Landkarte...

Das Bild ist so: Mutter und Kind zueinander geneigt, von einem großen Tuch umschlossen. 'Geborgenheit' und 'Umschließung' von Mutter und Kind. Mir kamen die johanneischen Worte: Licht, Leben, Liebe. Was soll ich dazu noch sagen? Wenn man unsere Lage bedenkt – in der Dunkelheit, von Tod und Hass umgeben – und unsere Sehnsucht nach Licht, Leben und Liebe, die so unendlich groß ist, in jedem von uns."

Die Zeichnung des Truppenarztes Dr. Kurt Reuber wurde an diesem Weihnachtsfest zum Wallfahrtsort. Die Soldaten kamen in Scharen, um das Bild zu sehen, ergriffen betrachten sie die Kohlezeichnung. Maria und ihr Sohn Jesus im Bunker auf einer Lehmwand, von einer Kerze beleuchtet. Die Umschrift weist rechts auf die Weihnachtsbotschaft: Licht, Leben, Liebe. Links beschreibt sie die harte Wirklichkeit: Weihnachten 1942 im Kessel Festung Stalingrad.

Kurt Reuber: Selbstbildnis

Arzt und Pfarrer

Der Maler des Bildes war Kurt Reuber, ein Künstler aus Leidenschaft. In seinem Beruf war er Pfarrer im hessischen Dorf Wichmannshausen. Dort war seine Gemeinde, dort lebten seine Frau und seine Kinder. Während seines Theologiestudiums war er dem großen Arzt und Missionar Albert Schweitzer begegnet, der sein Interesse für die Medizin weckte. Der promovierte Theologe und Pfarrer begann neben seinem Pfarramt ein Medizinstudium in Göttingen und wurde auch Doktor der Medizin. Bei Kriegsbeginn 1939 wurde der 33jährige Kurt Reuber zum Heeresdienst der Wehrmacht einberufen, zuerst im Balkankrieg, dann ab 1941 im Russlandfeldzug. Im November 1942 wurde Dr. Reuber als Truppenarzt zur 16. Panzerdivision nach Stalingrad abkommandiert.

Im Vormarsch

Nach dem Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion im Sommer 1941 erfolgte die Gegenoffensive der Roten Armee im Winter. Im Sommer 1942 sollten auf Befehl Hitlers die Ölfelder im Kaukasus von deutschen Soldaten erobert werden. Im Zentrum der Offensive lag die Stadt Stalingrad an der Wolga, der wichtigsten Wasserstraße für den Nachschub mit Rüstungsgütern für die Rote Armee. Strategisch bedeutend für beide Kriegsparteien hatte Stalingrad auch einen hohen Symbolwert: Der deutsche Führer wollte unbedingt die Stadt erobern, die den Namen des Diktators der Sowjetunion trug. Am 23. August 1942 erreichte ein Vortrupp der 16. Panzerdivision die Wolga nördlich der Stadt. Gleichzeitig bombardierten 600 deutsche Kampfflugzeuge ihre Häuser und töteten viele ihrer Bewohner. Stalin verhängte sofort den Belagerungszustand und bekräftigte die Parole: "Keinen Schritt zurück!" Dann begann ein zäher Kampf – Straßenzug um Straßenzug wurde von deutschen Truppen der 6. Armee mühsam erobert und von sowjetischen Soldaten und der Zivilbevölkerung erbittert verteidigt. Die Verteidiger verwandelten jedes Schützenloch, jedes Haus und jede Straßenkreuzung in eine Festung. Je weiter die Deutschen in die Stadt vordrangen, desto stärker formierte sich der sowjetische Widerstand. Am heftigsten tobten die Kämpfe im Zentrum von Stalingrad, um die Bahnhöfe, die Getreidesilos, die kriegswichtigen Fabrikanlagen. Als die Deutsche Wehrmacht die Stadt schließlich einnahm, war sie vollkommen zerstört – Ruinen und Gräber überall. Es war Anfang November 1942.

Im Kessel

Wenige Tage später änderte sich die Lage für die deutschen Eroberer dramatisch: Mit neuen sowjetischen Truppen vom Don wurden sie in der Stadt eingeschlossen. Russische Panzer bildeten einen dichten Ring um die 6. Armee, seit dem 22. November war sie völlig von sowjetischen Truppen eingeschlossen. General Paulus und sein Stab planten einen Ausbruch der deutschen Kampftruppen nach Süden, dazu fehlte aber die Ausrüstung. Auch die Versorgung aus der Luft gelang nur zu einem geringen Teil. Es mangelte an deutschen Flugzeugen, die Flugplätze wurden vom Gegner erobert. Ausrüstung und Lebensmittel wurden für die Eingeschlossenen immer knapper, der strenge Winter begann.

Wintergewitter

Im Dezember 1942 ordnete Hitler einen Entlastungsangriff durch die 4. Panzerarmee an, um die deutschen Truppen aus der Festung Stalingrad zu befreien. Dieser Angriff traf auf die heftige Gegenwehr der Roten Armee, die deutschen Panzer kamen nicht voran. Die eingeschlossenen Soldaten schöpften Hoffnung auf baldige Befreiung, als sie den Geschützdonner in der Nähe hörten. Dann wurde es wieder still. Am 23. Dezember 1942 wurde der Befreiungsversuch aufgegeben. Der Untergang der 6. Armee war beschlossene Sache. Kapitulation kam nicht in Frage. Es sollte nach dem Willen der deutschen Heeresleitung niemand übrigbleiben nach diesem gigantischen Opfergang: Kampf bis zum letzten Mann, bis zur letzten Patrone, bis zum letzten Atemzug. Keine Überlebenden. Alle übriggebliebenen Soldaten opfern ihr Leben selbst, sterben willig den Heldentod für Führer, Volk und Vaterland. Stalingrad als Fanal für den bedingungslosen Gehorsam, den grenzenlosen Durchhaltewillen der Deutschen.

Madonna von Stalingrad

Wie konnten Menschen in Stalingrad Weihnachten feiern mitten in der eisigen Todeswelt des Krieges? Was ging in den Soldaten vor, die das Weihnachtsbild an der Lehmwand betrachteten? Machte es überhaupt noch einen Unterschied, was sie dachten und fühlten, worauf sie hofften, wonach sie sich sehnten?

Die Waffen schwiegen für einen Tag, aber das Sterben ging weiter. Ende Januar 1943 stürmten Truppen der Roten Armee das deutsche Hauptquartier und zwangen den Südkessel zur Aufgabe. Zwei Tage später kapitulierten auch die deutschen und rumänischen Divisionen im Nordkessel. 91.000 Soldaten gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft und kamen in Gefangenenlager.

Unter ihnen war auch der Pfarrer und Truppenarzt Dr. Kurt Reuber. Er starb ein Jahr später im russischen Lager Jelabuga an Fleckentyphus. Nur etwa 5.000 Männer überlebten und sahen ihre Heimat wieder.

Die Madonnenzeichnung aber kam zurück nach Deutschland – im Gepäck eines Batallionskommandeurs, der mit einer der letzten Maschinen aus dem eingeschlossenen Stalingrad ausgeflogen wurde. Er brachte das Bild zusammen mit Kurt Reubers letztem Brief ins Pfarrhaus zu seiner Familie. Dort hing sie lange als Erinnerung an den Pfarrer, Ehemann und Familienvater. 1983 übergab sein Sohn Erdwin Reuber Vaters Kohlezeichnung der Öffentlichkeit. Seitdem hängt das Original im Neubau der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche – als Mahnung und Zeichen der Versöhnung. Kopien der "Madonna von Stalingrad" hängen in vielen Kirchen Europas. Man findet sie auch an dem Ort, wo sie ursprünglich gezeichnet wurde. Stalingrad wurde wieder aufgebaut und später in Wolgograd umbenannt. Heute ist die Wolgametropole eine moderne Millionenstadt in Südrussland. Gedenkstätten und Friedhöfe erinnern Überlebende und Nachgeborene an die Schreckenszeit vor 70 Jahren. Wir Deutschen können froh und dankbar sein, dass wir in Frieden leben dürfen in der Mitte Europas – und ohne Krieg Advent feiern in unseren Gemeinden und Familien.

Pfarrer Lutz Poetter

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