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13.12.2018

Johannes und die Katharinen von Thorn

von Torsten Lüdtke

Triptychon der mystischen Hochzeit der heiligen Katharina von Alexandrien (Hans Memling, 1479)

"Hans Worst! Dummer Jung! Hungerleider!" tönte es laut und boshaft über den weiten Rathausmarkt der Hansestadt, auf dessen buckeligem Pflaster der frisch gefallene Schnee sanft im Mondlicht glitzerte. An den hohen, schneebestäubten Backsteinfassaden und den gotischen Treppengiebeln der Bürgerhäuser brach sich der Klang und echote über den verschneiten, abendlich-leeren Platz. Die gemeinen, verspottenden Worte galten einem jungen Bäckergesellen, dessen schmaler Schatten sich zögerlich und nur langsam aus dem erheblich imposanteren Schatten des erst vor einigen Jahren fertiggestellten Rathausturmes löste. Aus den Gewölben des Artushofes drangen, wie üblich an diesem Martiniabend, festliche Musik und Gelächter. Vor dem spitzbogigen Eingang des hellerleuchteten Gebäudes stand eine Gruppe kostbar in Pelz und Samt gekleideter Jünglinge, von denen der älteste wohl gerade das 19. Lebensjahr erreicht hatte. Es waren die Söhne der führenden Familien von Thorn, die später als Ratsherren die Geschicke der Stadt leiten sollten, wie etwa der rotblonde Lukas Watzenrode, Sohn des ersten Bürgermeisters der Stadt und sein dicker Freund Albrecht von Soest, Sohn des reichsten Handelsherren von Thorn. Neben den beiden Freunden standen der hochaufgeschossene Nickel Bodeck, Sohn einer reichen Patrizierfamilie, die ihre Geschäfte vor allem mit den Herren des Deutschen Ordens abmachte, sowie der ebenfalls rothaarige Hanns Koppernigk, der als Sohn eines nicht in Thorn ansässigen, reichen Kupfer- und Eisenhändlers die Lateinschule an der St. Johannis-Kirche besuchte. Diese vier hatten die bösen Worte gerufen, die dem mit einer einfachen Kappe und einem schlichten Wollmantel gekleideten Bäcker galten. Als der so Verspottete sich an den stolzen Patriziersöhnen vorbeischleichen wollte, löste sich aus der Gruppe einer der Patriziersöhne. Der in feinstes flandrisches Tuch gekleidete Jan van der Brucken trat auf das Pflaster des Rathausmarktes und baute sich unübersehbar vor den jungen Bäcker auf: "Wenn du uns grüßen willst, nimmst du deine Kappe ab, Hannes!" Bei diesen Worten gab van der Brucken dem überraschten Bäcker selbstherrlich einen Schlag vor die Brust, so dass nicht nur die Mütze des Bäckers in den Schnee fiel, sondern diesem auch die mit den gesamten Einnahmen des Martinitages gefüllte Geldkatze entglitt. Kupfer- und Silbermünzen rollten über das Pflaster. Watzenrode, Bodeck und auch Koppernigk beeilten sich, die Silber- und auch Kupferstücke aufzuheben. "Das nehmen wir als Zoll, weil du hier vorbei willst, Hans" hörte Johannes – wie von fern, durch einen Nebelschleier – Lukas Watzenrode salbungsvoll-amtlich sagen. Kaum waren diese Worte verklungen, brachen die Patriziersöhne erneut in lautes Gelächter aus.

"Jan" unterbrach eine warme Frauenstimme strafend das Gelächter "was hast du wieder getan!" Im Spitzbogen des Artushofes stand strahlend schön, wie ein rächender Engel Katharina van der Brucken, die Schwester des Übeltäters. Über dem Anblick Katharinas vergaß Johannes, der sich soeben noch wie in einem bösen Traum gewähnt hatte, alles, was geschehen war – und er vergaß so endlich auch, das Geld von den jungen Leuten zurückzufordern. Hastig hob er seine Kappe auf und verschwand, noch einige Worte des Dankes stammelnd, im Dunkel der Gassen der Thorner Altstadt. Betrübt und in düstere Gedanken versunken wandelte Johannes an der Bauhütte der Johanneskirche vorbei und gelangte schließlich an das stark befestigte Fährtor. Hier, am Ufer der Weichsel, im Schatten der alten Ordensburg, konnte Johannes über die Misserfolge der letzten Zeit nachdenken. Düster sinnend blickte er auf das breite, silbern schimmernde Band der Weichsel; schmerzte ihn doch neben der erlittenen Kränkung besonders der Verlust des Geldes. Wovon sollte er nun die Zutaten für das Fastengebäck und die Gebildbrote der schon bald beginnenden Advents- und Weihnachtszeit kaufen? Traurig blickte Johannes auf die Eisschollen, die den Fluss abwärts gen Danzig trieben; dabei sah er auch das erst vor wenigen Tagen eingetroffene Frachtschiff der Familie van der Brucken nahe des Krans an der Lände liegen. Im Bauch des Schiffes, das wusste Johannes gut, lagen die erlesenen Waren, die den Reichtum der Familie van der Brucken weiter vermehren würden. Erst die lauten Kommandos des Wachwechsels, die vom hohen, achteckigen Bergfried und den Mauern der Ordensburg im scharfen Nachtwind herabklangen, rissen Johannes aus der trüben Stimmung und erinnerten ihn daran, dass es Zeit wäre, nach Hause zu gehen.

Stadtplan von Thorn um 1640

Es war gegen Mitternacht, als Johannes das Haus in der Bäckergasse betrat. In der Backstube, auf dem alten Pult seines verstorbenen Vaters, fand er einen Zettel, auf dem in zierlichen Buchstaben zu lesen war: "Gehe morgen in die Frühmesse in St. Marien. Am Altar der Heiligen Katharina zünde eine Kerze an." Johannes las die mysteriöse Botschaft einmal, dann noch einmal. Schließlich hatte er sie so oft gelesen, dass er nicht nur ihren Inhalt wusste, sondern er auch jeden Schriftzug genau kannte.

Todmüde fiel Johannes in sein Bett, doch schlief er in dieser Nacht schlecht. Die Schatten des verflossenen Tages und einer weit davon entfernt scheinenden Vergangenheit ließen ihn nicht ruhig schlafen. In seinen Träumen sah er Jan van der Brucken, den Nachbarsjungen, den er seit Kindertagen kannte und mit dem er Fangen und Murmeln im Garten und auf der Bäckergasse gespielt hatte – und auch Katharina, die ihm dabei nicht strahlend schön und wie ein rettender Engel vorkam, sondern wieder das kleine Mädchen war, das er oft vor den bösen Streichen ihres Bruders Jan beschützt hatte, denn ihr Vater hatte einen kleinen Krämerladen in der Bäckerstrasse besessen. Im Traum erschien ihm auch der Tag, als Jan und er von Magister Ekkehardus wegen einer aus der Grammatik des Schulmeisters herausgerissenen Seite ordentlich Prügel bezogen hatten. Immer waren sie Freunde geblieben… Johannes lächelte. – Doch dann wichen die heiteren Bilder düsteren Schatten: Im Traum erschien ihm das Bild seines Vaters, wie dieser als wohlhabender Bäckermeister, als Eldermann der Thorner Bäckergilde und Schöppe, an der Spitze einer Abordnung des Thorner Rates zum Hochmeister des Ordens nach Marienburg geritten war. Nur wenige Tage darauf, nach einem Überfall beutegieriger Litauer, war sein Vater schwer verwundet nach Thorn zurückgebracht worden und schließlich nach langem Siechtum gestorben. Johannes erlebte nochmals den Tag, an dem er, nach dem Begräbnis seines Vaters, die Schule verlassen musste, denn vom einstigen Reichtum des Vaters war nichts weiter geblieben als das Haus und die Backstube. Johannes stieß einen tiefen Seufzer aus, dann erwachte er.

Noch schlaftrunken tappte der junge Bäcker die Treppe hinab in die Backstube, wo auf er den weißhaarigen Altgesellen, seinen ehemaligen Lehrmeister, traf, der schon mit der Bereitung eines Teiges für Brot beschäftigt war. "Einen guten Morgen, Hannes", grüßte ihn der alte Bäcker treuherzig und reichte ihm seine mehlbestäubte Hand, "hast wohl wieder einmal schlecht geschlafen?" Johannes fand keine passende Antwort; er murmelte ein schwaches "Jaja" und "Dir auch einen guten Morgen, Eckbert!" – Und schon war Johannes auch wieder aus der Backstube verschwunden, denn die Sache mit dem eigenartigen Zettel ging ihm nicht aus dem Kopf. Rasch vertauschte er seine Holzschuhe gegen die feineren Lederschuhe und den Kittel gegen das Wams und die Schaube. Schließlich hüllte sich Johannes noch in seinen warmen Mantel. Eckbert hörte nur noch die Tür schlagen und sah durch das kleine Fenster Johannes' Schatten im Dunkel der Bäckergasse verschwinden.

Als Johannes die Marienkirche erreichte, fand er das Gebäude leer und die hohen Gewölbe nur durch wenige Kerzen erleuchtet, denn bis zum Beginn der Frühmesse würde es noch eine Weile dauern. Eben begann ein schwarzgewandeter Küster damit, am Altar der Heiligen Katharina die Kerzen zu entzünden, als sich Johannes dem Altar näherte. Bevor der junge Bäcker ihn aber erreichen konnte, hatte die schwarzgekleidete Gestalt ihn bereits bemerkt und sich rasch zurückgezogen. Nur einen flüchtigen Blick hatte Johannes auf den schwarzvermummten Küster werfen können, doch war ihm unter der weit in das Gesicht reichenden Kapuze eine blonde Locke aufgefallen. Johannes ahnte, dass der vermeintliche Küster wohl keiner war; doch ahnte er nicht, weshalb er zu dieser frühen Stunde in die leere Kirche bestellt worden war. Johannes, der einen weiteren Streich seines ehemaligen Freundes vermutete, wollte schon umkehren, doch dann entdeckte er auf dem Altar ein mittelgroßes, herrlich verziertes Kästchen, auf dem ein Brief lag. Johannes nahm den Brief, auf dem sein Name stand und erbrach das Siegel, auf dem er das Hauszeichen der van der Bruckens erkannte. Im Halbdunkel der Kirche las Johannes:

"Meinen Gruß zuvor, mein lieber Hannes – wenn ich Dich nach allem, was vorgefallen ist, noch so nennen darf. Es freut mich, dass Du der Nachricht Katharinas gefolgt bist und Du nun diesen Brief liest, den ich voll Scham und Reue an Dich schreibe. Nachdem ich Dich gestern so demütigte, waren meine Freunde und ich nach dem kühnen Auftreten Katharinas der Spott der gesamten Georgs-Brüderschaft. Alle, die dort waren, schalten mich – und nicht zuletzt schämte ich mich selbst für mein Verhalten, für das ich Dich hiermit inbrünstig und demütig um Vergebung bitten will. Auch musste ich immerfort an unsere alte Freundschaft, an die gemeinsamen Kinderspiele und auch an Katharina denken, die Dich schon immer gern hatte. Bitte nimm meinen aufrichtig gemeinten Antrag um Verzeihung an. Ebenso auch das Kästchen, das ich Dir durch Katharina sende, als Wiedergutmachung für den gestrigen Vorfall. Dein Jan"

Johannes musste schlucken. Noch unter dem Bild der lieblichen Katharina von Alexandria, die, süß lächelnd, das Richtschwert und das Rad als Zeichen ihres Martyriums in der Hand hielt, öffnete er das Kästchen, das ihm eine andere Katharina zugedacht hatte. Darin fand er sieben kleine Leinensäckchen, an die schmale Pergamentstreifen mit lateinischer und deutscher Inschrift gebunden waren, und auch eine Handvoll Goldstücke. Ein wunderbarer, würziger Duft stieg Johannes in die Nase, als die Säcken herausnahm und öffnete. Er las die fremdartige Worte auf den Streifen: "Cinnamomum – Kanneel", "Anis", "Zingiber officinale – Imber-Wurzel", "Elettaria cardamomum – Carammumlein" "Coriandrum sativum – Kaliander, Schwindelkraut" sowie "Syzygium aromaticum – Negelkin". Es waren kostbare Gewürze, die Johannes in den Händen hielt; ein kleines Vermögen.

Johannes versäumte nicht, der Heiligen Katharina stellvertretend für ihre irdische Schwester zu danken und machte sich freudig auf den Heimweg. Die ersten Gottesdienstbesucher staunten nicht schlecht, als Johannes pfeifend aus der Marienkirche trat, ohne die Messe gehört zu haben. Und auch Eckbert staunte nicht schlecht, als Johannes das Gewürzkästchen auf den Tisch der Backstube stellte.

Etwas ganz Besonderes wollte Johannes mit den Gewürzen herstellen, ein Gebäck wie es zuvor noch niemand gegessen hatte. Zum Feiertag der Heiligen Katharina von Alexandria, dem 25. November, wollte Johannes die ersten Stücke des neuartigen Gebäcks in seinem Laden in den Rathausarkaden anbieten. Die gesamte adventliche Fastenzeit über, so waren sich Eckbert und Johannes einig, wollten sie das Gewürzbrot anbieten, denn auch das Jesuskind war ja von den Königen mit Weihrauch und Myrrhe, kostbaren Kräutern, beschenkt worden. Auch hoffte Johannes, Katharina von der Brucken so öffentlich seine Dankbarkeit zeigen zu können.

Nur noch wenige Tage blieben bis zum Festtag der Heiligen Katharina von Alexandria, doch inzwischen hatten Johannes und Eckbert mit einem Teil der Goldstücke noch andere erlesene Zutaten gekauft: feinstes Mehl, Honig aus den preußischen Wäldern um Thorn sowie getrocknete Zitronen- und Pomeranzenschale. Aus dem Mehl, dem Honig, der kleingeschnittenen Zitronen- und Pomeranzenschale sowie den Gewürzen setzten sie einen Teig an, den sie bis zum Vorabend des Katharinentages ruhen ließen. Von einem geübten Bildschnitzer hatte Johannes drei große Holzmodeln anfertigen lassen, die die Heilige Katharina, den heiligen Nikolaus und die Maria mit dem Jesuskind darstellten, und mit diesen Modeln formte Johannes einen ganzen Korb des neuartigen Gebäckes. Am Morgen des St.Katharinentages sandte Johannes eine Katharina, einen Nikolaus und eine Maria an Katharina van der Brucken. Schließlich sollte sie, seine Wohltäterin, die erste sein, die von dem neuartigen Gewürzbrot probieren sollte. Als Johannes am Katharinentag um die Mittagszeit an seinen Laden in den Rathausarkaden kam, waren die gebacken Figuren bereits ausverkauft. Bald erfreute sich das Gewürzbrot, für das sich rasch der Name "Pfefferkuchen" oder "Lebkuchen" eingebürgert hatte, allgemeiner Beliebtheit in der Stadt. Zum Nikolaustag hatte der Komtur von Thorn für seine Ritter mehrere Dutzend der nach dem Bild der Maria – der Patronin des Deutschen Ordens – geformten Pfefferkuchen bestellt. Für das Weihnachtsfest orderte der Hochmeister des Deutschen Ordens in Marienburg, Meister Conrad Zöllner, eine große Anzahl Pfefferkuchen, die er an seine Ritter, seine Gäste und die Armen der Stadt Marienburg verschenken wollte. Auch die Bürger der Stadt Danzig fragten schließlich bei Johannes am, um Thorner Pfefferkuchen zu kaufen. Bald musste Johannes neben Eckbert noch weitere Gesellen für die Arbeit in der Backstube einstellen. Aus dem armen Bäcker Johannes war innerhalb kurzer Frist durch die Herstellung und den Handel mit Pfefferkuchen ein angesehener Bäckermeister geworden, dem die Gilde der Bäcker letztlich auch den Titel eines Eldermanns verlieh. So war zu guter Letzt aus dem armen Bäcker Johannes ein "Hannes im Glück" geworden; denn es gelang ihm auch, bei Jan die Hand Katharinas zu gewinnen. Nach ihr – oder ihrer himmlischen Patronin – soll Johannes dann auch zur Hochzeit – die natürlich am 25. November, dem St.Katharinen-Tag stattfand – eine besondere Form der Pfefferkuchens, die "Katharinen" oder "Kathrinchen" benannt haben…

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