Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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22.9.2019

Südafrikas starke Frauen
Ein Ausschnitt aus der Entwicklungspolitik: Die Frauen des Südens sind von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen

Bettina Peifer

Foto: Jörg Trampert@pixelio.de

Über Johannesburg wölbt sich im September ein strahlendblauer Himmel und die Jacaranda-Bäume beginnen zu blühen. Es ist Frühling, und wenn die Regenspinnen von draußen herein kommen und mit ihrer stattlichen Größe – so groß wie die Hand eines Erwachsenen – die Touristen erschrecken, ist der Regen nicht mehr weit.

Doch in den letzten Jahren fällt der Regen nicht mehr so wie früher. Er kommt zur falschen Zeit, zu spät und dann zu heftig. Zu Beginn des Frühlings ist es zu trocken und später versinkt das Saatgut im Schlamm. Die auch in den Zeiten eines freien Südafrikas oft noch sehr arme Landbevölkerung bekommt diese Veränderung direkt zu spüren. Besonders die Frauen sind dadurch in ihrer Lebensgrundlage bedroht – wenn ihre kleinen Acker- und Gartenflächen weniger Ernte bringen, müssen sie und ihre Familien hungern. Ihre Männer sind auf Wanderarbeit und leben oft auf Jahre von ihren Familien getrennt.

In meinem Büro hängt ein Foto an der Wand, das eine Gruppe farbiger Frauen zeigt, die gemeinsam singen und tanzen. Eine Frau hat zur Feier des Tages ihre Zulu-Tracht angelegt, nicht alle Frauen im Raum können schreiben, einige unterhalten sich nur im lokalen Dialekt und brauchen eine Übersetzung aus dem Englischen, doch alle Frauen verbindet der Wunsch, sich für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse in ihren Kommunen einzusetzen. Diese Frauen leben in Soweto oder in den ländlichen Gebieten rund um Johannesburg. Sie treffen sich einmal im Monat, um über ihre Aktivitäten im Umweltschutz zu sprechen. Sie bereiten gemeinsam Schulungen für Frauen in den ländlichen Gebieten vor, mit denen sie die Auswirkungen des Klimawandels diskutieren. Denn der Klimawandel ist für sie kein abstraktes Problem der Zukunft, sondern bedroht jetzt schon ihre Ernte und damit ihre Lebensgrundlage.

Weltweit sind in den Ländern des Südens Frauen von den Auswirkungen des Klimawandels in besonderer Weise betroffen. Dieser Zusammenhang lässt sich durch ein einfaches Beispiel veranschaulichen: Zumeist sind es die Frauen, die für die Versorgung der Familie mit Wasser zuständig sind. Bereits die jungen Mädchen laufen stundenlang zum Wasserholen. Versiegen nahe Wasserquellen und verlängert sich dadurch der tägliche Weg, dann ist das Zeit, die zum Schulbesuch fehlt. Die besondere Betroffenheit von Frauen durch die Folgen des Klimawandels ergibt sich durch die unterschiedliche Rollenverteilung, denn dadurch sind Frauen gegenüber Männern benachteiligt.

In den Entwicklungsländern erzeugen Frauen 60 bis 80 Prozent der Grundnahrungsmittel, besitzen aber nur 10 Prozent der Anbauflächen und nur zwei Prozent der Bodenrechte. Die herkömmlichen Machtstrukturen lassen den Frauen keine Kontrolle über die natürlichen Ressourcen. So können Frauen in Südafrika kein Land besitzen und sind von ihren männlichen Verwandten abhängig. Stirbt ihr Ehemann, müssen sie einen Schwager heiraten, um nicht das Land und damit ihre Lebensgrundlage zu verlieren. Genossenschaften von Frauen können diese Abhängigkeit verringern und dazu beitragen, dass die Frauen sich ein eigenes unabhängiges Einkommen schaffen. Gleichzeitig bieten sich in den Genossenschaften ganz andere Möglichkeiten, an den Klimawandel angepasste Methoden in der Landwirtschaft zu erproben und gemeinsam alternative Energieformen einzuführen.

Mit deutschen Entwicklungshilfegeldern werden Projekte gefördert, die die Frauen darin schulen, die klimatischen Veränderungen zu erkennen und sich an sie anzupassen. Dass kann bedeuten, Anbaugewohnheiten und Pflanzensorten zu verändern oder auch sich andere Einkünfte zu erschließen wie zum Beispiel traditionelles Kunsthandwerk wieder zu beleben. Nebenbei haben solche Schulungen auch Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein der Frauen und den Wunsch nach politischer Teilhabe. Ziel ist es, gemeinsam mit den Frauen herausfinden, welche Auswirkungen der Klimawandel auf ihr alltägliches Leben hat und wie sie mit seinen Folgen umgehen können. Das kann zum Beispiel heißen, sich auf traditionelle Anbaumethoden zu besinnen, die im Unterschied zur Monokultur der modernen Agrartechnik oft mit einer Sortenvielfalt arbeiteten, die auch extremen Wetterbedingungen wie Überschwemmungen, Dürre und der Versalzung des Bodens Erträge bringt.

Während jedes Jahr in den Klimaverhandlungen um einzelne Worte in nahezu unlesbar formelhaft gehaltenen Verhandlungstexten gerungen wird, sind die Auswirkungen des Klimawandels in den Entwicklungsländern bereits deutlich zu spüren und bedrohen dort die Existenz der Menschen. Die internationalen Verhandlungstexte können jedoch einen wichtigen Bezugsrahmen für die Menschen vor Ort bieten. In Südafrika, das im vergangenen Jahr Gastgeberin der Klimaverhandlungen war, gelingt es stellenweise – auch mit Hilfe von deutschen Entwicklungsprojekten – Erfahrungen von der lokalen Ebene in die politische Ebene hinein zu kommunizieren, Entscheidungsprozesse zu beeinflussen und das gesellschaftliche Bewusstsein für die besondere Betroffenheit von Frauen zu stärken.

Wenn die südafrikanischen Umweltaktivistinnen eine schöpferische Pause brauchen, stehen sie auf, singen und tanzen gemeinsam und können es aus dem Stand mit jedem Gospelchor aufnehmen. Von diesen Frauen geht eine große Würde und eine enorme Energie aus. Zu sehen, wie sie sich den Herausforderungen ihres täglichen Lebens stellen, macht Mut!

Bettina Peifer

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