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25.3.2019

Zur Diskussion um die rituelle Beschneidung
Artikel in "Der Sonntag" Nr. 31 (2012) S. 11 (Sonntagsblatt für Sachsen)

von Prof. Peter von der Osten-Sacken

Das Kölner Landgericht hat die kunstgerechte Beschneidung von Jungen (mit elterlicher Einwilligung, doch ohne medizinische Indikation) für eine ungerechtfertigte, weil nicht dem Kindeswohl dienende und deshalb strafwürdige Körperverletzung erklärt.

In jüdischer Perspektive verrät dies Urteil bestenfalls einen hohen Mangel an Sensibilität für geschichtliche, soziale und religiöse Zusammenhänge. Die Beschneidung von Jungen am achten Tag nach ihrer Geburt gehört mit der Sabbatheiligung und koscherem Essen seit dem Altertum zu den herausragenden Merkmalen jüdischer Lebensweise. Sie ist sichtbares Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk Israel. Nach biblischer Überlieferung wurde sie bereits Abraham geboten, später von seinen Nachfahren auch in Zeiten von Verbot und Verfolgung hochgehalten.

Sie geschieht quer durch alle Richtungen im Judentum im Rahmen eines altehrwürdigen, von Lob und Dankbarkeit für Bund und Bundeszeichen bestimmten Ritus. Mit ihrem Vollzug nimmt der Vater die erste der Pflichten wahr, die ihm gegenüber seinem Sohn obliegen.

Der Beschneider (Mohel), der den Akt vollzieht, vertritt ihn lediglich aufgrund seiner Befähigung zu einer rituell und medizinisch einwandfreien Handlung. Während der Mohel das Kind beschneidet, dankt er Gott für die Gabe dieses Gebotes, ebenso gleich darauf der Vater mit dem Segensspruch: "Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du uns geheiligt durch deine Gebote und uns befohlen, den Sohn in den Bund unseres Vaters Abraham aufzunehmen." Weitere Segenssprüche, sodann die Verkündung des Namens des Kindes und ein Festmahl bilden die übrigen tragenden Elemente des Ritus. Ihm folgt später als nächste Elternpflicht die religiöse Unterweisung des Kindes.

Anders als es das Kölner Urteil suggeriert, sind nennenswerte Klagen jüdischer Erwachsener über irreversible körperliche Verletzungen durch die Beschneidung als Kinder nicht bekannt. Umgekehrt ist das Kölner Urteil selbst geeignet, erheblichen Schaden anzurichten. Seine Kriminalisierung der Beschneidung aus religiösen Gründen bedeutet einen Angriff auf Existenz und Identität von Juden und ebenso von Muslimen in Deutschland. Sie werden ins Ausland oder in die Illegalität abgedrängt. Wenn zu einer Urteilsfindung eine kundige und ausgewogene Rechtsgüterabwägung gehört, dann ist das Landgericht diese Mühewaltung schuldig geblieben.

Prof. Peter von der Osten-Sacken