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25.3.2019

Zum Todestag von Ulrich Muhs

von Torsten Lüdtke

Pfarrer Ulrich Muhs 22.7.1868–10.10.1942

Vor 70 Jahren, am 10. Oktober 1942, starb in Lichterfelde der emeritierte Gemeindepfarrer der Petruskirche und Heimatforscher Ulrich Muhs. Von vielen betrauert, fand er seine letzte Ruhestätte auf dem kleinen Kirchhof von Giesensdorf, wo noch heute – nahe dem Eingang zur alten Dorfkirche, die ihm zeitlebens sehr am Herzen lag – ein großer grauer, von außen roh behauener Granitstein mit bronzener Inschrift die Grabstelle markiert und so die Besucher des Friedhofs und der Dorfkirche an den verdienten Chronisten von Lichterfelde erinnert.

Wenn auch bis heute Leben und Werk von Ulrich Muhs untrennbar mit dem Namen von Lichterfelde verbunden sind, so war Muhs kein "waschechter" Lichterfelder oder Berliner. In Premslin in der westlichen Prignitz am 22. Juli 1868 geboren, kam Muhs erst nach dem Studium der Theologie an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität als junger Pfarrer nach Lichterfelde. Im "aufstrebenden Villenvorort zwischen Potsdamer und Anhalter Bahn" sollte er seine erste Pfarrstelle an der Petruskirche, zunächst noch als "Hülfsprediger" antreten. Ab dem 1. April 1899 hatte Muhs dann regulär die dritte Lichterfelder Pfarrstelle inne, und zu dieser gehörte neben der schon erwähnten Petruskirche bis 1913 die alte Dorfkirche von Giesensdorf als Predigtstätte. Als Wohnung bezog Muhs das 1869 erbaute Pfarrhaus von Giesensdorf (heute ein Teil des Gemeindehauses am Ostpreußendamm), dessen idyllisch mit alten Linden bewachsener Garten für den Pfarrer und Heimatforscher besonders anregend war. Im Pfarrhaus und dem Garten entstanden neben seinen Predigten die ersten heimatgeschichtlichen Werke, wie das 1904 erschienene kleine Büchlein "Aus der Vergangenheit von Giesensdorf und Lichterfelde". In dem schmalen, seinem Vater gewidmeten Bändchen beschreibt Muhs in neun Kapiteln das Werden und die Entwicklung Giesensdorfs und Lichterfeldes bis 1807. Dabei beschreibt er nicht nur die Gründung und die Geschichte der beiden Dörfer, sondern er geht auch auf die kirchlichen Verhältnisse, die Bewohner und ihre Besitz- und Lebensverhältnisse ein. Als Quellen dienten ihm dabei neben den einschlägigen gedruckten Werken zur Geschichte der Mark Brandenburg auch verschiedene Archivalien, wie etwa das Landbuch Kaiser Karls IV., das sogenannte Schoßregister sowie die schriftlichen Aufzeichnungen und Kirchenbücher der Pfarrer von Giesensdorf.

Mit dem Büchlein unternahm Muhs auch den Versuch, die rasch schwindende dörfliche Vergangenheit der beiden, im rasch wachsenden Villenvorort Groß-Lichterfelde aufgegangenen Dörfer aufs Papier zu bannen. Dazu trugen auch die Illustrationen des Lichterfelder Malers Hanns Anker bei, der Zeichnungen von den letzten ländlich-dörflichen Gehöften, den beiden Dorfkirchen und dem idyllischen Bäketal, das dem Bau des Teltowkanals zum Opfer fiel, beisteuerte. 1910 erschien als Fortsetzung des Büchleins das Bändchen "Giesensdorf und Lichterfelde in der Franzosenzeit", das er nun seiner "lieben Frau Gertrud, geb. Busse" widmete, mit der er seit 1901 verheiratet war. Auch dieses Werk, in dem die Zeit der napoleonischen Kriege in Giesensdorf und Lichterfelde beschrieben wird, entstand im Pfarrhaus zu Giesensdorf. Erst im Jahre 1913 konnte das Ehepaar Muhs das fertiggestellte Pfarrhaus der Petrusgemeinde in der Kiesstraße beziehen. Der Kriegsausbruch 1914 verhinderte jedoch weitere, von der Gemeinde und Muhs vorangetriebene Projekte, wie etwa den Plan der Errichtung eines Gemeindehauses in der Kiesstraße oder die von Muhs besonders gewünschte reichere Innenausmalung der Petruskirche.

Während des I. Weltkrieges sah sich Muhs auch als Seelsorger der im Felde befindlichen Lichterfelder: Es entstanden theologische Broschüren und das Werk "Aus der Heimat für die Heimat" (1915), die allesamt als "Liebesgaben für unsere Frontkämpfer" gedacht waren. Mit der Broschüre "Was Pfarrer einst erlebten" knüpfte Muhs 1915 schließlich auch an seine zuvor erschienenen heimatgeschichtlichen Werke an. Die in roten Karton gebundene Broschüre berichtet über verschiedene Begebenheiten, die seine Amtsvorgänger bei den Pfarrerwahlen und durch die Kirchenpatrone erlebten. Der Verkaufserlös dieser Broschüre war "für die Witwen und Waisen der Gefallenen unserer Gemeinde bestimmt".

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Wilhelminischen Kaiserreichs 1918 erschien Muhs' Hauptwerk "Lichterfelde einst und jetzt – Ein Heimatbuch" in kleiner Auflage und auf schlechtes Papier gedruckt. Das Nachwort gibt Einblick in eine als ausweglos empfundene Situation und in eine Zeit der Umwälzung und des scheinbaren Chaos: "Das Buch erscheint in dunkler Zeit. Aber es kann und will ein Buch der Aufrichtung sein. Die Geschichte ist dazu da, daß wir an ihr lernen [...]. So wäre es mir noch eine besondere Freude, wenn auch die Vertiefung in dieses Büchlein manchem in der Gemeinde Mut machen würde, mit aller Kraft weiter zu schaffen unter der Losung: Über Gräber vorwärts einer neuen, großen, lichten Zukunft entgegen!"

Das Grab von Ulrich Muhs auf dem Kirchfriedhof Giesensdorf

Wenige Jahr später konnten die seit Kriegsbeginn ruhenden Projekte wiederaufgenommen werden: 1922 bekam die Petruskirche ein neues Geläut, Mitte der zwanziger Jahre erhielt die Petruskirche endlich die gewünschte Ausmalung und auch der Plan, ein Gemeindehaus zu errichten, wurde in die Tat umgesetzt. Doch konnte das Gemeindehaus nicht in der Kiesstraße gebaut werden, doch bot sich ein ausreichender Bauplatz in der Parallelstraße, so dass schlussendlich das Gemeindehaus 1930 eingeweiht werden konnte. 1935 wurde Muhs nach 37 Jahren Amtszeit in Lichterfelde als Pfarrer in den Ruhestand versetzt. Nun widmete er sich ganz der Heimatgeschichte: Für den Lichterfelder Lokalanzeiger schrieb er die Serie: Berlin-Lichterfelde – seine Anlagen und seine Anstalten; weitere kleinere Publikationen folgten. Muhs erlebte zwar die ersten Luftangriffe auf Berlin, doch hat er die Zerstörung großer Teile Lichterfeldes und auch der Giesensdorfer Dorfkirche, an der sein Herz besonders hing, nicht miterlebt. Muhs starb am 10. Oktober 1942 im Alter von 74 Jahren. Die am Schluss seines Heimatbuches "Lichterfelde einst und jetzt" stehenden Worte können als Vermächtnis gelten:

"Ich grüße den, der sich von mir führen ließ. Ich grüße ihn mit großer Freude, wenn das Empfinden in ihm wach geworden ist: Der Weg, den ich geführt wurde, lohnte sich. Er darf versichert sein: Ihm ist der Weg leichter geworden als mir, der ich durch die Arbeit vieler Jahre mir erst den Weg bahnen mußte. Ich grüße ihn mit dankbarer Genugtuung, wenn auf dieser Wanderung der Wille in ihm sich gestärkt hat: Ich will nun meine Heimat noch lieber haben."

Torsten Lüdtke

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