ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Oktober 2012

18.3.2019

Gedanken zum Monatsspruch Oktober

von E-Mail

Krieg war über das Land gezogen, eine fremde Besatzungsmacht gab nun den Ton an. Die Hauptstadt war ein rauchender Trümmerhaufen, der Tempel zerstört. Die Folge war keine Gottesdienste, keine Lieder, keine Opfer, keine Gebete. Ein Teil der Bevölkerung wurde verschleppt.

Marc Chagall: Jeremias Klagelied, 1956

Und den Verschleppten musste es so vorkommen, als ob Gott sie verlassen hat. Was blieb, war nur die Klage, eine Perspektive fehlte. Sie mussten sich fühlen wie in tiefer Dunkelheit, ohne Hoffnung auf ein hereinbrechendes Licht.

Im Jahr 587 vor Christi Geburt hatten die Babylonier als damalige Großmacht Jerusalem belagert und erobert. Es war nicht nur ein nationales Desaster, sondern auch eine religiöse Katastrophe. Hierüber schrieb der Prophet Jeremia (oder der sich für ihn ausgibt) Lieder, Klagelieder, in denen wir Worte lesen wie diese "Ich bin ein Mann, der Elend sehen muss ... Gott hat mir Fleisch und Haut alt gemacht ... Wenn ich schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet ... er hat meinen Weg vermauert."

Jeremia lässt die Verzweifelten in seinen Liedern kein Blatt vor den Mund nehmen, lässt sie durch Worte taumeln, stottern, fallen, laufen, immer wieder neu Anlauf nehmen. Sie sollen unzensiert erzählen von Jerusalems Kindern, verhungert während der Belagerung, überrannt und totgetrampelt, erschlagen nach dem Fall der Stadt. Dem Schrecken Ausdrucksformen geben. Das Grauen in Worte fassen – und das Erzählen zulassen. Alles erzählen, raus damit, nur nicht zurückhalten. Erzählen, erzählen, erzählen. Immer und immer wieder. Das aushalten zu können ist die Herausforderung für alle Begleiter von Klagenden: zuhören, beistehen, schweigen. Nur nichts weg reden. Nichts erklärbar machen wollen. Kein: "Das wird schon wieder."

Von unten, von ganz unten aus dem Abgrund erhebt sich die Klage. Leise zuerst, dann immer lauter. Die Klage erhebt sich im Kampf der Verzweiflung, und sie schreit zuallererst zum Himmel, schleudert das Geschehene Gott entgegen.

Und Jeremia sagt uns: Gott hält das aus. Also nur raus damit. Wer Gott sein Leid klagt, wer Gott anklagt, redet mit Gott, sucht Gott. Auch die Klage ist letzte Gottsuche. Gott hält das aus.

Deshalb, so Jeremia: "Schreit zu Gott, steigt mit eurer Klage hinauf in den Himmel, denn wenn ihr Gott in die Verantwortung nehmt, macht ihr zugleich die Henkersknechte hier unten kleiner, nehmt ihr ihnen die Macht über euch."

Aus Konzentrationslagern zur Zeit des Nationalsozialismus wird überliefert, wie Inhaftierte eine gewisse Art von Trost darin fanden, mit Gott ins Gericht zu gehen, weil sie dadurch ihren Schergen und Bewachern und Mördern leichter ins Gesicht sehen konnten.

Die Gottesklage entmachtet die Mächtigen. Und Gott bleibt nicht fern, so singt uns Jeremia.

Gott wirkt die Verwandlung mitten im Geschrei. Wer zu Gott schreit, dem eilt er entgegen, den hält er, dem gibt er die Kraft des Aufbegehrens.

Das ist keine Antwort auf letzte Fragen, da bleibt noch vieles offen, aber die Beteiligung Gottes am Geschehen, das durch die Klage einsetzt, wird spürbar.

Jeremia will das leidende Volk und seinen Gott wieder in ein Verhältnis zueinander setzen – eine aktive Aufgabe. Und auch umgekehrt sind die Menschen aufgefordert, nach Gott zu fragen, was sie zuvor aufgrund angeblich politisch-militärischer Sachzwänge unterlassen hatten – mit katastrophalen Konsequenzen.

Aber Jeremia weiß: Gott gibt sich hinein in das Schicksal der Geschlagenen. An Gott glauben, das wussten bereits die Verschleppten, heißt auch an Gott leiden; leiden an seiner Dunkelheit und an seiner Unverstehbarkeit. Gott zu vermissen, das gehört bis heute zu unserem erwachsenen Gottesglauben. Dennoch bleibt die Hoffnung auf seine Barmherzigkeit und Freundlichkeit.

Der Beter unserer Verse hätte aber nicht so hoffnungsvoll reden können, wenn er ein Einzelkämpfer gewesen wäre. Was er hier klagt und hofft, was er dem Am-Ende-Sein entgegenhält, ist keine religiöse Lyrik, die er in einsamen Stunden für sich allein gedichtet hat.

Es sind Grundaussagen des Glaubens, die schon lange vor ihm im Gottesdienst aufgeklungen sind, Zitate aus Liturgie und Predigten, abgespeichert als Erfahrungen von anderen und trotz ihres Alters nicht abgegriffen und verbraucht. Jetzt, da ihm das Wasser bis zum Hals steht, hält sich der Beter daran fest.

Er nimmt sich zusammen mit anderen in der Gemeinde zu Herzen, was er nicht fassen könnte, wenn er auf sich gestellt bliebe. Und so kommt er zu der Erkenntnis: "Der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt."

Pfarrer Michael Busch