Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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15.9.2019

An den Türen der Wittenberger Kirchen
Zur Debatte um Luthers Thesenanschlag

1961 fiel dem katholischen Lutherforscher Erwin Iserloh auf, dass der Reformator in all seinen Werken und Briefen nirgends ausdrücklich von einem Anschlag seiner 95 Thesen am 31. Oktober 1517 spricht. Erst Philipp Melanchthon berichtet davon im Vorwort zum ersten Band der gesammelten Werke Luthers 1546. Da war der aber schon tot. Melanchthon kam erst 1518 nach Wittenberg, war also kein Augenzeuge. So folgerte Iserloh, dass es den Thesenanschlag nie gegeben habe, und löste damit eine gewaltige Debatte aus, die bis heute nicht zu einem endgültigen Abschluss gekommen ist.

Der unbeachtete Vermerk von Luthers Sekretär

2006 fand Martin Treu von der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt einen handschriftlichen Vermerk von Luthers Sekretär Georg Rörer (1492–1557) in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena wieder auf, der obwohl gedruckt, bis dato in der Forschung keine Rolle gespielt hatte. Rörer notierte ganz am Ende des Arbeitsexemplars zur Revision des Neuen Testaments von 1540: "Am Vorabend des Allerheiligenfestes im Jahre des Herren 1517 sind von Doktor Martin Luther Thesen über den Ablass an die Türen der Wittenberger Kirchen angeschlagen worden."

Nun war auch Rörer kein Augenzeuge, aber einer der engsten Mitarbeiter Luthers. Das Neue Testament, in das er seinen Vermerk setzte, enthält zahlreiche Eintragungen von Luthers eigener Hand. Die Notiz ganz am Ende des Bandes lässt vermuten, dass sie zum Abschluss der Revisionsarbeiten im November 1544 entstand. Direkt daneben findet sich eine weitere, wonach Philipp Melanchthon am 20. August 1518, vormittags um 10 Uhr in Wittenberg eintraf. Diese Angabe findet sich sonst nirgends und dürfte auf Melanchthon direkt zurückgehen.

Der letzte Beweis ist nicht erbracht

Hervorzuheben ist Rörers Hinweis auf die Wittenberger Kirchen im Plural, was mit den Statuten der Universität übereinstimmt. Danach mussten alle öffentlichen Bekanntmachungen an den Kirchentüren angeschlagen werden. Ein letzter Beweis für den Thesenanschlag ist damit nicht erbracht, allerdings wird er mit der Notiz Rörers doch sehr viel wahrscheinlicher. Zumindest ist sie die bisher älteste Quelle dafür, noch aus der Lebenszeit Martin Luthers. Und: Wittenberg hat nun mehr als eine Thesentür.

Dazu erschienen ist folgender Sammelband: Ott, Joachim/Treu, Martin (Hrsg.), "Luthers Thesenanschlag: Faktum oder Fiktion" (Schriften der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt 9), Leipzig 2008.

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