ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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21.5.2019

Jeremia
Der theologische Artikel

von Pfarrer E-Mail

Liebe Gemeinde,
Jirmejahu heißt: Gott erhöht. Tatsächlich gehört Jeremia zu den ranghöchsten Propheten des Volkes Israel, mit Jesaja und Hesekiel zählt er zu den großen Drei. Sein Vater Hilkija gab ihm diesen Namen bei seiner Geburt in Anathoth, einem kleinen Ort im judäischen Bergland in der Nähe der Hauptstadt Jerusalem. Wie er selbst sollte Jeremia einmal Priester im Tempel zu Jerusalem werden, so war es seit vielen Generationen Tradition. Ein Urahn der Familie hatte schon im Goldenen Zeitalter unter den Königen David und Salomo das Priesteramt inne. Als Tempelpriester würde Jeremia ein ruhiges und erfülltes Leben haben, er würde einen wichtigen Dienst verrichten und anerkannt und geachtet werden. Es ging wieder bergauf mit dem Tempel und der Religionsausübung. Die erdrückende Herrschaft der Assyrer war im siebenten Jahrhundert zusammengebrochen, der junge König Josia konnte sein Südreich Juda plötzlich unabhängig regieren. Eine neue Zeit brach an, in Jerusalem kehrte man zu den eigenen Traditionen zurück. Bei den Ausbesserungsarbeiten am Tempel fanden sich die verschollenen Schriftrollen mit den Gesetzen des Mose wieder, die zu neuer Gültigkeit erhoben wurden. Die Standbilder der assyrischen Besatzer aber wurden abgebaut und weggeworfen. Befreiung von der Unterdrückung und Rückkehr zu den alten Werten des Volkes Israel und seines Glaubens an Gott – die Zeiten schienen hoffnungsvoll zu sein. In dieser Aufbruchszeit wünschte sich auch der Priester Hilkija für seinen Sohn Erfolg und ein gutes Leben.

Unfreiwillig Prophet

Es kam alles ganz anders, er wurde doch kein Priester. Jeremia war noch ein Junge, als er die Stimme Gottes hörte: "Schon vor deiner Geburt habe ich meine Hand auf dich gelegt. Ich habe dich zu meinem Propheten für die Völker bestimmt." Jeremia wehrte sich: "Ich bin doch noch viel zu jung!" "Geh, wohin ich dich sende und verkünde, was ich dir auftrage!" Jeremia ahnte wohl, dass Gott ihm einen harten Auftrag geben würde: "Reiße nieder und zerstöre, vernichte und verheere, baue auf und pflanze an!"

Der Kessel läuft über

Schon Jeremias erste große prophetische Vision war ein einziges Schreckensbild: Ein gewaltiger Kessel brodelte da im Norden, er neigte sich schon, um mit seinem kochenden Sud Unheil und Verderben über die Bewohner Judas zu ergießen. Gott selber rief die Völker der Reiche im Norden, um Jerusalem und alle Städte Judas zu belagern, sie sollten unter Führung des aufstrebenden Babylon Krieg und Tod bringen – als Strafe für Judas Untreue. Gott offenbarte sich dem Propheten als wütender Ehemann, dem seine geliebte Braut untreu geworden ist. Das Volk des Bundes hatte sich anderen Liebhabern hingegeben, es betetet zu fremden Göttern der Macht, kniete vor heidnischen Götzen der Ungerechtigkeit und opferte auf den Altären der Bereicherung.

Allein gegen alle

Jeremia brauchte allen Mut und großes Vertrauen, um mit dieser grauenhaften Botschaft als Prophet im Volk aufzutreten. "Das ganze Land, die Könige, Beamten, die Priester und das Volk von Juda werden gegen dich sein. Aber ich gebe dir heute die Kraft, ihnen zu widerstehen. Wie eine befestigte Stadt, wie eine eiserne Säule, wie eine Mauer aus Stahl wirst du dastehen. Sie werden dich nicht bezwingen, denn ich bin mit dir und werde dich schützen. Ich, der Herr, stehe dafür ein." Aber mit seiner harten Gerichtspredigt und seinen schrecklichen Zukunftsvisionen stand Jeremia völlig alleine da. Keiner glaubte ihm, niemand nahm seinen prophetischen Auftrag ernst. Er galt als hoffnungsloser Schwarzseher und gemütskranker Menschenfeind. Alle lachten ihn aus, überschütteten ihn erst mit Hohn und Spott und mieden ihn dann wie einen Aussätzigen. Jeremia fühlte sich umringt von einem Heer von Gegnern und gleichzeitig als der einsamste Mensch im Land. Seine Widersacher hatten ein leichtes Spiel, vor allem die anderen Propheten, die den Königen und dem Volk Heil und Gottes Beistand garantierten. Die Fakten schienen ihnen Recht zu geben. Von einer Bedrohung aus dem Norden war lange nichts zu spüren, in Jerusalem und den anderen Städten Judas feierte man die Rückkehr zu nationaler Eigenständigkeit und wachsendem Wohlstand. Auch im Tempel von Jerusalem fanden wieder regelmäßig Gottesdienste statt, es ging bergauf mit der Frömmigkeit im Lande. Gott schien vom Berg Zion gnädig und zufrieden auf sein Volk in Juda zu blicken. Gott, der Herr war seinem Volk nah – alles in bester Ordnung also, keinerlei Grund zur Beunruhigung.

Falsche Propheten

Anscheinend war Jeremia wirklich der einzige, dem Gott die Augen geöffnet hatte: Er musste das schreckliche Strafgericht in der Zukunft voraussehen und überall im Lande ankündigen. Jeremia allein erkannte die gut versteckte Bosheit im Herzen der Menschen, die maßlose Besitzgier der Reichen und die gemeine Kumpanei der Priester und falschen Propheten mit den Mächtigen. Unter der frommen Oberfläche verbargen sich abgrundtiefe Untreue und himmelschreiender Ungehorsam. Gott konnte sich nur angewidert abwenden, seinem treulosen Volk fern bleiben.

Jeremias Unglück

Der Prophet Jeremia trug sein Prophetenamt als schweres Leiden, oft war er völlig verzweifelt, er zerbrach an seinem Auftrag. Er beklagte sich immer wieder bitter bei seinem Gott. Er wünschte sich, lieber gar nicht geboren zu sein, um seinem Schicksal als Mahner Gottes zu entgehen. Seine Feinde trachteten ihm nach dem Leben, mehrfach entging er nur knapp einem Mordanschlag oder einer Hinrichtung. Der beliebte Glücksprophet Hananja triumphierte über Jeremia, er machte seine Worte und Zeichen lächerlich. Jeremia erlebte fünf Könige in Juda. Erst am Ende seines über 40jährigen Dienstes zeigte sich die Wahrheit der harten Worte Jeremias, des unglücklichen Propheten und Mahners. Froh gemacht hat ihn das späte Rechthaben allerdings nicht. Er starb nach seiner Flucht aus der Heimat in der Fremde. Im Jeremiabuch der Bibel sind die Worte und Taten des großen Propheten und unglücklichen Mannes Gottes aufbewahrt. Sie sind eine Mahnung für uns Bibelleser, gerade auch die harten und kritischen Worte der Verkündigung wahr zu haben und ernst zu nehmen. Es könnte sein, dass sie uns wachrufen für die Wahrheit Gottes – und eben nicht die aufmunternden Wohlfühlappelle und die zahmen Beschwichtigungen.

Lutz Poetter