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27.3.2019

Steppenwolfs Enkel
Zum 50. Todestag von Hermann Hesse

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Hermann Hesse *2. Juli 1877, † 9. August 1962

Zwei "Desperados" mit ihren Harley Davidson Motorrädern auf dem Weg quer durch die USA auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer. Das ist das Hauptmotiv des 1969 erschienen Roadmovies "Easy Rider". In den Hauptrollen waren Peter Fonda und Dennis Hopper zu sehen. Und die Generation 50+ hat dazu auch sofort ein Lied im Ohr: "Born to be wild". Wer damals im Kino saß, kannte den Namen der Band, die da sang: "Steppenwolf" – und die meisten hatten den Roman von Hermann Hesse gelesen, nach dem sich diese Gruppe benannt hatte. Ausbruch aus der Enge des bürgerlichen Milieus, Protest gegen den (Vietnam)krieg, Drogenkonsum und die Bücher von Hermann Hesse, das war für viele damals eine Melange, die zusammengehörte.

Als der Film über die Leinwand flimmerte, war der Schriftsteller am 9. August 1962 im Alter von 85 Jahren längst verstorben. Und auch für die Feuilletonisten und Literaturwissenschaftler war Hermann Hesse längst Geschichte; seine Bücher verstaubten bereits in den Regeln. Der neun Jahre jüngere, Arzt, Dichter und Essayist Gottfried Benn hat Hermann Hesse einmal als einen "typisch deutschen Innerlichkeitsromancier" bezeichnet. Damit sprach er aus, was viele damalige Mitglieder der literarischen Avantgarde, zu ihnen gehörten u.a. Heinrich und Thomas Mann, Alfred Döblin, Franz Kafka u.a., dachten. Daran änderte auch der Nobelpreis für Hesse 1946 wenig.

Umso überraschender war Hermann Hesses Erfolg unter der revoltierenden Jugend der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Und dieser Erfolg erwischte die deutsche Germanistik weitestgehend auf dem falschen Fuß. Aber Hesse hat auch nie auf dem breiten Sofa des Wohlfühlliteraten Platz genommen. Seine Texte beinhalteten immer auch ein Unbehagen gegenüber allem Behaglichen. Zu erklären ist dieser Umstand sicher auch aus seinen Kindheitserfahrungen. Aufgewachsen in einem pietistischen Elternhaus sollte er eigentlich Pfarrer werden. Doch im evangelischen Klosterseminar Maulbronn begriff er schon mit 14, dass er "entweder ein Dichter oder gar nichts werden" wolle und ergriff die Flucht. Die folgenden Etappen waren vom Suchen gekennzeichnet. Er begann eine Buchhändlerlehre, die er nach drei Tagen abbrach, hielt dann immerhin vierzehn Monate als Lehrling in einer Turmuhrenfabrik aus, absolvierte doch noch eine Buchhändlerlehre, war schließlich Buchhändler in Basel. Und er veröffentlichte Gedichte, Erzählungen und schließlich, 1904, seinen ersten Roman, "Peter Camenzind". Es wurde auch sein erster Erfolg. Hermann Hesse hatte erreicht, wovon er schon als Dreizehnjähriger geträumt hatte, er war ein Schriftsteller.

Noch im gleichen Jahr heiratete er die Fotografin Marie Bernoulli, baute ein Haus in Gaienhofen, einem abgelegenen Dorf am Bodensee, Kinder kamen zur Welt. Er war nun in jener Welt angekommen, gegen die er auch immer rebellierte.

1906 erschien der Roman "Unterm Rad", eine deutlich biografisch gespeiste Abrechnung mit dem repressiven Schulsystem seiner Zeit. Hesses Kritik an der westlichen Zivilisation verschärfte sich und bekam neue Nahrung durch seine erste Asienreise im Jahr 1911, die nachhaltig sein Schreiben prägen sollte. Eine große Lebenskrise – der Tod des Vaters, zu dem er ein höchst ambivalentes Verhältnis hatte, die schwere Erkrankung eines Sohnes und die psychische Erkrankung seiner Ehefrau – brachte Hesse 1917 dazu, eine Psychoanalyse zu beginnen, als erster deutschsprachiger Dichter. In "Demian" veröffentlicht er 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair seine psychoanalytische Entdeckungsreise in die Abgründe des Ich. Viele Kriegsheimkehrer fanden sich in den dort zur Sprache kommenden Ängsten und Wahnvorstellungen wieder.

Der 1. Weltkrieg war für Hesse ein tiefer Einschnitt. Zunächst meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst. Wegen seiner Augenschwäche wurde er aber abgelehnt. Seine Einstellung zum Krieg begann sich allerdings auch schnell zu wandeln, er wurde zum entschiedenen Kriegsgegner, eine Haltung, die er nie mehr verleugnen sollte. Im November 1914, kurz nach Kriegsbeginn, wandte er sich in einem Artikel gegen den überschäumenden Nationalismus, in dem auch viele deutsche Schriftsteller begeistert aufbrausten. Das trug ihm schwere Anfeindungen ein, in den Augen vieler war er ein vaterlandsloser Geselle.

Privat lief es für Hesse in jenen Jahre nicht sehr gut. Seine erste Ehe scheiterte 1919. 1924 heiratete er zum zweiten Mal. 1927 gelang Hermann Hesse mit dem "Steppenwolf" national und international der große Durchbruch. Im selben Jahr ist seine zweite Ehe gescheitert. Und Hesse erzählt in diesem Werk aus wechselnden Perspektiven die Geschichte eines zerrissenen Menschen, der von Idealismus und Welt-Ekel gleichermaßen angetrieben, für Ausschreitungen aller Art bereit ist. Drogenrausch, exzessive Sinnsuche – mit fernöstlichen Wahrheiten –: und Sinnenfreuden aller Art erfährt Hesses Romanheld. Am Ende steht die grundsätzliche Wandlung. Er entwickelt sich von einem idealistisch gesinnten und psychisch schwer gestörten Mann, der von der Welt und sich selbst Unmögliches erwartet, zu einem lebenstüchtigen, weltgewandten und humorvollen Mann. In Steppenwolfs Wandlung spiegelt sich Hesses eigene Metamorphose. Darüber hinaus findet sich in diesem Roman so ziemlich alles, was die bürgerlichen Sittenwächter – besonders in den USA – der damaligen Zeit Schaum vor den Mund kommen ließ. Dies machte wohl auch das Faszinosum für die "Enkel des Steppenwolfs" in den Sechzigern aus.

Das Leben leicht zu nehmen, war Hermann Hesse nicht gegeben. Immer blieb er auf der Suche nach Erlösung, immer wieder stieß er auf den Weg der von den Frommen so verpönten "Selbsterlösung": Nur auf dem "Weg nach innen" sei die Harmonie mit dem Kosmos zu erreichen. Entscheidend war ihm die Gewissheit, dass das im eigenen Innern Gefundene im Einklang mit dem All-Einen steht. Im Grunde sei dies in allen Religionen die letzte mögliche Erkenntnis.

Bereits in seinem Roman Siddharta aus dem Jahr 1922 hatte Hesse diesen Erkenntnisweg beschrieben, an dessen Ende die Weisheit steht: "Jeder muss die Wahrheit in sich selbst finden." Dies blieb Hesses ureigenste Überzeugung, die Formel für den Auftrag an sich selbst. Jeder religiöse Absolutheitsanspruch blieb ihm ein Gräuel.

Thomas Mann und Hermann Hesse in Davos

So sehr Hesse in seinen Romanen und Erzählungen bei seinem ihm eigenen poetischen Jargon der Innerlichkeit blieb, war er in Sachen Politik von einer bemerkenswerten Weitsicht. Bereits 1930 legte er – angesichts des Aufstiegs der Nationalsozialisten – seine Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste nieder und half Jahre später Thomas Mann und Bertolt Brecht bei ihrer Flucht aus Deutschland. Seine Bücher standen zwar nicht auf der Liste derer, die die Nationalsozialisten 1933 verbrannten, aber sie waren unerwünscht. Als Gegenentwurf zum herrschenden Geist der Nazizeit brachte Hesse 1943 "Das Glasperlenspiel" heraus: Die Utopie eines in Kastalien gelegenen Gelehrtenreichs, in dem Hesse wieder sein Lebensthema aufnimmt: der unbeirrbare, eigensinnige und nie endende Weg der individuellen Glückssuche und -findung, wie er ihn am Ende seines berühmten und fast schon zu Tode zitierten Gedichts "Stufen" ausspricht.

Hermann Hesse war sein Leben lang auf der Suche: Nach dem Sinn, den Antworten auf die großen Fragen der Existenz, nach dem Glück, der richtigen Politik, der Vernunft. Ein erbitterter Kriegsgegner, ein Kämpfer für die Gerechtigkeit, oft isoliert und verzweifelt – aber nie resigniert. Seine großen Romane werden sich noch in vielen Bücherschränken finden und einige der heute 50–60-Jährigen werden daran "wilde" Erinnerungen knüpfen.