Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Gemeindezentrum CelsiusstraßeGemeindehaus Ostpreußendamm
Gemeindehaus ParallelstraßeDorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Juli/August 2012

12.11.2019

Abitur und was nun?
Neues aus der Holzkirche

Constantin T. Huth

Ein Schuljahr ist wieder einmal beendet, viele Jugendliche sind nach Hause gekommen mit der Gewissheit, ihr Abitur in der Tasche zu haben. Die Prüfungen sind überstanden. Auch ein Jugendlicher aus der Holzkirche hat sein Abitur erreicht. Prima. Klasse. Toll, Hurra. Geschafft.

Endlich der Enge des Schullalltags entfliehen.

Endlich Zugang zu einer neuen Welt. Volljährig mit Abitur.

Doch zuerst noch die Abifahrt nach Mallorca oder nach Rimini, Ibiza oder irgendwo, noch einmal richtig die Sau raus lassen, "Bändchensaufen", eine Umschreibung für Saufen bis zum Umfallen, bevor der nächste Schritt gegangen wird. Vielleicht ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr anschließen, bevor mit einem Studium begonnen werden soll. Doch wohin? Neuseeland, Australien, Kanada, alles Ziele, die heute erreichbar sind, wo andere Abiturienten auch schon waren, vielleicht sogar bereits im Austauschjahr. Vielleicht wäre es auch schön, irgendwo auf den Seychellen den Strand zu säubern oder mit "bed and breakfast" noch schnell um die ganze Welt reisen. Oder Interrail für Fortgeschrittene bis China und zurück.

Eine Inflation der Ziele in aller Welt hat eingesetzt, schöner, größer, weiter.

Noch einmal die co2 Bilanz richtig ankurbeln und dann einem geregelten Bachelor oder Master Studium entgegen. Zum Beispiel wäre Ökologie dann passend, auch hier sind die Titel und Angebote mittlerweile unübersichtlich wie vielfältig. Aber Hauptsache die Maschine läuft, denn das Studium an sich ist ja bereits ein eigener Markt mit großem Wachstumspotential.

Ich freue mich mit allen, die ihr Abitur geschafft haben, prima, Gratulation, da gibt es nix zu meckern, aber irgendwie fällt mir auf, dass die soziale Schere auch und gerade bei Jugendlichen immer deutlichere Ecken herausschneidet.

Die Einen reisen um die Welt, weil sie jetzt ihre Reifeprüfung abgelegt haben, die Anderen kommen nicht einmal zum Wannsee, weil ihnen das Fahrgeld fehlt oder auch der Mut.

Natürlich treffen diese Beispiele nicht auf alle zu, zeigen aber deutlich eine soziale Schieflage.

Und wer denkt da noch an die vielen Gestrauchelten? Die Sitzengebliebenen, die Realschüler, die zwar auch ihren Abschluss feiern, jedoch ganz andere Startbedingungen haben. Und was ist mit den Jugendlichen, die einen erweiterten Hauptschulabschluss haben, die schon seit letztem Jahr immer noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, jetzt, wo es ihren Abschluss gar nicht mehr gibt?

Wer denkt am Ende eines Schuljahres an die Jugendlichen, die keinen Abschluss erhalten haben, die als auffällig eingestuft sind, als schwierige Problemfälle, auf die nur noch ihr Fallmanager im Jobcenter wartet um eine nette kleine Maßnahme hervorzuzaubern? Die einen in der Warteschlange des Lebens, die anderen im Dauerstress, sich in der Vielfalt der Angebote des Füllhorns zu Recht zu finden.

Und obwohl das Gefühl herrscht, das heutige Abitur sei nicht mehr das, was es mal früher gewesen ist, so ist es doch die scharfe Grenzlinie zwischen den möglichen späteren Entscheidern und dem zuliefernden und dienstleistenden Fußvolk. Das ist keine Kritik an den vielen Menschen, die täglich ihre Arbeit leisten, ich möchte nur darauf hinweisen wie wenige Berufsgruppen davon im Deutschen Bundestag vertreten sind. Und wie viele der deutschen Politiker haben kein Abitur?

Ist Geben eine soziale Errungenschaft oder nur an Gegenleistungen zu koppeln, sozusagen als Tauschgeschäft? Oder sollten das Geben und die Hilfe nur noch als Kredit laufen?

Da macht in der Schlossstrasse ein Shopping Center nach dem anderen auf, größer, weiter, höher … und bietet uns allen die frohe Botschaft "Ihr könnt Euch alles leisten", und gleichzeitig steigt auch die Zahl der Motz- und Straßenfegerverkäufer, der Straßenmusiker und autofensterputzenden Punks und Roma. Die sollen nicht betteln, sondern arbeiten, kommt oft als Reaktion, aber welche Arbeit steht für gering Qualifizierte zur Verfügung?

Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn eigenes erwirtschaftetes Geld ausgegeben, ja meinetwegen auch verschleudert wird, jedoch ein Beispiel für nachhaltiges Handeln und Denken ist auch das nicht. Wer braucht den zehnten Pullover? Wer braucht schon wieder das neueste Handy und den neuesten Laptop? Der steigende Konsum kommt oft vor dem Kollaps. Der Gedanke am Konsum den Wohlstand zu messen ist ein Irrglaube, Genauso wie es ein Irrtum ist, dass eine Kreditglocke für Griechenland der verarmten Bevölkerung zu Gute kommt. Wenn ein Hungernder um Hilfe bittet, nützt es nichts, seine Schulden zu bezahlen.

Ich würde mich freuen, wenn das Abitur nicht die festgeschriebene Grenze zwischen Menschen sein müsste, sondern für die Abiturienten einen Zugang für ein soziales und freigiebigeres Leben ermöglicht. Denn wer etwas hat kann auch abgeben, wer dieses verinnerlicht hat, dem hat auch das weite Reisen etwas genutzt und dem sei es gegönnt.

Wir in der Holzkirche versuchen im zweiten Halbjahr mit verschiedenen Projekten Jugendliche ohne Abitur dazu zu bringen, sich politisch zu interessieren und zu engagieren. Unsere Fragen sind einfach gestellt: Wie demokratisch sind Familien oder die Schule oder das Freizeitheim? Haben immer nur die mit dem Geld die Macht? Sind die Beziehungen und Zugänge der Eltern die Grundlage für das eigene Weiterkommen? Kann ich auch ohne Schulabschluss etwas im Leben bewirken?

Politik fängt im Kleinen an. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen wird bestimmt spannend. Wir sind jetzt schon gespannt und werden wieder berichten.

Constantin T. Huth
für das Team des Holzkirche e.V.

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch:

zum Seitenanfang   Übersicht der Themen   blättern