Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Gemeindezentrum CelsiusstraßeGemeindehaus Ostpreußendamm
Gemeindehaus ParallelstraßeDorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Juni 2012

8.12.2019

Der Herr segne Dich und behüte Dich…

Pfarrer Michael Busch


Foto: Wodicka

"Meinen Segen hast du..", "Herzliche Segenswünsche…" so oder ähnlich sagen und wünschen wir es uns manchmal, wenn es bedeutend klingen soll, wenn es Tiefe braucht und wenn ein "Alles Gute" zu banal erscheint.

Mit dem Auflegen der Hand zum Segen und einem persönlichen Segenswort haben wir gerade über 60 Konfirmandinnen und Konfirmanden "eingesegnet", und kurz vor den Sommerferien gibt es einen speziellen Reisesegengottesdienst in unserer Gemeinde. Zu den besonderen Anlässen im Leben kommen Menschen zusammen, feiern Gottesdienst, bitten um den Segen: zum Beginn des Lebens bei der Taufe, beim Eintritt in die Schule, zur Konfirmation, zum Beginn der Ehe, zu manchem Jubiläum und am Ende zur Beerdigung.

Wenn man genau hinsieht und hört, dann ist der Segen aber nicht nur reserviert für die besonderen Augenblicke des Lebens. Am Ende eines jeden Gottesdienst steht der Segen und er begleitet die Gemeinde hinaus aus dem Raum der Kirche hinein in einen oft schwierigen und turbulenten Alltag.

Es sind sehr alte Worte, die dort in aller Regel als Segen am Ende des Gottesdienste gesprochen werden: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Sie gehören wohl zu den ältesten geschriebenen Worten im Alten Testament. Während der Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste könnten sie zum ersten Mal gesprochen worden sein. Die Alten, die die Worte zuerst gehört hatten, sagten sie ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern weiter; die wieder sagten sie ihren Kindern und Enkeln. Die Tempeldiener sagten sie den Gläubigen, manche sagten sie auch Fremden – bis die Worte schließlich aufgeschrieben wurden, sogar auf kleine Silberplatten.

In der alten Kirche, im Mittelalter und in der katholischen Kirche war und ist es nicht so üblich, dass dieses Segenswort am Ende des Gottesdienstes gesagt wird. Es war Martin Luther, der darauf Wert gelegt hat, dass der sogenannte "aaronitische Segen" gesprochen wird. Eine weise Entscheidung, denn das, was Juden gesagt wurde und wird, was sie in jedem ihrer Gottesdienste von alters her bis heute hören, das soll auch uns Christen gelten dürfen. Wir dürfen uns hinter und neben sie stellen und dürfen erfahren, wie eng wir zusammen gehören. Denn wir leben von dem gleichen Segen, von der gleichen Zuwendung Gottes.

Und im Empfinden vieler sind diese alten Segensworte mehr als Worte. Denn wenn diese Worte gesprochen werden, dann ist es wie eine Umarmung Gottes: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Manchmal kommen Menschen allein wegen dieser Worte in einen Gottesdienst. Ein tiefes Bedürfnis nach Begleitung und Behütung spricht daraus. Wir wollen behütet sein; wir möchten, dass uns Licht leuchtet und erleuchtet; und groß ist die Sehnsucht nach Frieden. Alles, was wir Menschen dringend brauchen, wird in diesen Worten, in dieser "Umarmung" versprochen. Selbst wenn die Predigt völlig an einem vorbei gerauscht ist, einen womöglich sogar geärgert hat und gar nicht weiter bringt, selbst wenn der Gesang kläglich und die Begleitung schräg waren – wenn diese Segensworte gesprochen werden, leuchtet über aller Mangelhaftigkeit Gottes Zuwendung, seine Nähe, sein Schutz ohne Einschränkung auf.

Im Alten Testament begegnen uns Segensworte an vielen Stellen, und sie sagen den Menschen oft ganz Handfestes zu wie Nachkommenschaft, Fruchtbarkeit, Wohlstand, gute Ernte, aber auch Abstraktes wie Frieden und Glück.

Wichtig ist und bleibt beim Verständnis des Segens aber seine Unterscheidung vom Wunsch. Segnen ist mehr und anderes als einen Wunsch aussprechen; der Segen ist auch nicht einfach die Kraft positiven Denkens. Als Sprachform des Glaubens lebt er aus einer Beziehung zu Gott, erhält aus dieser seine Kraft und Realität und findet in Gottes Willen seinen Rahmen und seine Grenzen. Und jeder Segen ist ein Versprechen. Das Volk Israel hatte nach dem Auszug aus der ägyptischen Sklaverei solch ein Versprechen dringend nötig. Das Alte war vergangen, das Neue bisher nur ein schöner Traum; eine Verheißung, der sie in der Wüste nicht mehr trauen wollten und sich zurücksehnten nach den "Fleischtöpfen Ägyptens". Nun brauchten sie wenigstens eine Gewissheit für ihren so ungewissen Weg.

Segen ist eine Gewissheit in den Augenblicken, in denen andere und neue Räume betreten werden müssen, neue Lebenszeiten begonnen werden. Wir brauchen Schutz, wir brauchen Licht und Frieden, wir brauchen Gottes Angesicht in unserer Nähe – wenigstens die Zusage desselben. Nur mit einer Zusage kann überhaupt eine Wirklichkeit beginnen. Jede neue Wirklichkeit beginnt mit einem Wort. So segnet Gott die Kinder, die Eltern, die Menschen, die zusammen leben, die Sterbenden, die Trauernden. Er verspricht seine Gegenwart. Er umarmt die Menschen; er umarmt seine so schöne und seine von uns so geschundene Welt. Und es leuchtet auf, wie es sein kann, wenn Gottes Nähe Menschen ergreift.

Die Schritte auf dieser Erde werden uns zu manchen Zeiten furchtbar schwer. Da ist es zum Leben nötig, dass wir erhoben werden, dass wir sanft aufgehoben werden. Dann ist es tröstlich, dass laut gesagt wird: "Der Herr segne dich und behüte dich." Segen als ein sanftes Aufgehobenwerden von schwerem Boden. Das Volk Israel ist uns dafür Zeuge, denn Gott ist den schweren Weg mit seinem Volk in der Wüste mitgegangen. Auch jetzt ist er da und hüllt uns ein in diese Worte seiner Gegenwart. Er hüllt uns ein, sagt seinen Schutz zu; und sein Licht; und seinen Frieden.

Es gibt Worte, die kann man empfinden und empfindsam sagen. Man kann Worte auch fühlen, manchmal körperlich fühlen. Worte, wie diese: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Einen gesegneten Start in die Sommerzeit wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Michael Busch

zum Seitenanfang   Übersicht der Themen   blättern