Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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12.12.2019

Reformation und Musik
Vortrag auf der Kreissynode Steglitz am 5. Mai 2012

von Kreiskantor Christian Finke, Kirchen-Musik-Direktor

Das Reformationsjubiläum 2017 rückt näher und mit ihm das besondere Gedenken an den Beginn einer weltweiten Bewegung. Zur innerkirchlichen Vorbereitung, aber auch zur Beförderung einer gesellschaftlichen Diskussion dienen die von der EKD ausgerufenen Themenjahre der Lutherdekade. In diesem Jahr nun, dem Themenjahr "Reformation und Musik" sollen und wollen wir das besondere Verhältnis, ja die einzigartige Symbiose von Kirche und Musik bedenken. Denn Kirchenmusik und Gemeindegesang begleiten protestantischen Glauben durch die Jahrhunderte und gelten als Auftakt einer reichen europäischen Musikkultur. Das Bedenken funktioniert jedoch nicht, ohne auf den Urheber der protestantischen Reformen zu hören, ihn beim Wort zu nehmen und gegebenenfalls in unsere heutige Zeit zu übersetzen oder zu übertragen. Denn Verständlichkeit war und bleibt ein allererstes Anliegen der Reformation.

Luthers Schriften sind zahlreich. Die Weimarer Gesamtausgabe umfasst 120 Bände mit ca. 80.000 Seiten. Viele Luthertexte sind nicht handschriftlich, sondern durch Abschriften und Nachschriften überliefert. Manches liebgewonnene Zitat stammt nicht von ihm, ist ihm in den Mund gelegt, etwa das mit dem "ein Apfelbäumchen pflanzen".

Doch glücklicherweise finden wir beim Erforschen von Luthers Gedanken zur Musik und zum Gesang eine gewisse Einheitlichkeit und Linie, die auch heute noch gelten mag. Da sind zunächst Zitate aus seinen Tischreden und Briefen. Dann die Vorreden zu den Gesangbüchern. Und nicht zuletzt geben uns seine Lieder selbst Zeugnis von der Bedeutung des Singens für das Gotteslob und das Bekenntnis zu Jesus Christus.

Luthers Tischreden sind Gespräche, die von den Teilnehmern am Tisch Luthers aufgezeichnet wurden.

Aus diesen Tischreden das erste Zitat. Luther sagt: "Die Musik ist eine Gabe und Geschenk Gottes, nicht ein Menschengeschenk." Sie ist das "wertvollste Geschenk Gottes." Luther – ganz in augustinischer Tradition stehend – glaubt, dass Gott als Schöpfer der Welt damit auch Ursprung der Musik ist. Musik bildet die Welt ab (harmonisch, rhythmisch, melodisch und auch formal), Musik weist auf den Schöpfer zurück. Ein zuerst kosmologisches Verständnis der Musik, und die gesamte christliche Theologie liegt in dieser klanglichen und klangvollen Urbezeugung des Schöpfergottes begründet. Wir können diesen Gedanken dann auf dieser Linie noch weiter auslegen und hoffen, dass wir Menschen zusammen mit der Musik als Teil der Schöpfung und als Abbild des schöpferischen Willens unter Gottes Schutz und Liebe stehen. Somit wird dann aus der Musik kein nur hinzunehmendes Geschenk Gottes, sondern ein Auftrag, mit diesem Geschenk auch bewahrend und fördernd, behutsam und aktiv umzugehen.

Ein zweites Zitat, aus einem Brief an Ludwig Senfl, den geschätzten Musikerfreund, 1530: "Ich halte gänzlich dafür, dass nach der Theologie keine Kunst ist, die mit der Musica kann verglichen werden. Denn sie allein tut nach der Theologie das, was sonst die Theologie allein tut: Sie schafft nämlich einen fröhlichen Mut zum klaren Beweis, dass der Teufel – der der Vater aller Traurigkeit ist – vor der Stimme der Musik fast ebenso flieht wie vor dem Wort der Theologie. Daher haben die Propheten keine Kunst so gebraucht wie die Musik, da sie ihre Theologie nicht in Geometrie, Arithmetik, auch nicht in Astronomie, sondern in die Musik gefasst haben, auf dass sie Theologie und Musik beieinander hätten und die Wahrheit in Psalmen und Lobgesängen verkündigten."

Nochmal etwas neudeutscher und verkürzt: Nach der Theologie ist keine Kunst noch Wissenschaft, die man mit der Musik vergleichen kann. Denn beide, Theologie und Musik, schaffen einen fröhlichen Mut. Das bezeugen schon die Propheten, die ihre Theologie mit Musik verknüpfen, und nicht mit anderen Wissenschaften. Denn Wahrheit muss mit Psalmen und Lobgesängen verkündigt werden.

Man hat oft versucht, aus solchen Zeilen die Musik der Theologie nachzuordnen. Musik als eine Dienstmagd der Theologie. Musik als Gehilfin bei der Gottesdeutung. Nach heutigem Forschungs- und Wissensstand muss dieses Verständnis revidiert werden. Luther spricht der Musik eine singuläre, göttliche Würde zu, weshalb sie vielmehr ist als Mittel zum Zweck. Ihr eignet ein Wahrheitsmoment, das über die endlichen Daseinsmodalitäten dieser Welt hinausweist [W. Adolph]. Es geht Luther um Verkündigung, um die Wahrheit des Christuszeugnisses. Und der unabhängige Charakter der Kunstform Musik vermag es, dass "Gott das Evangelium ebenso durch Musik kund" tut, wie es in einer anderen Tischrede Luthers heißt. Musik ist sprachähnlich, aber nicht Sprache. Musik ist losgelöst von konkreten Gegenständen des Nennens und Benennens. Musik ist unnennbar und nicht benennend in Einem [Th. W. Adorno]. Verkündigung hat jedoch die Aufgabe, das Unnennbare namhaft und hörbar zu machen. Für Luther schwingt das Unnennbare in der Musik immer mit. Das Unnennbar ertönt in ihr und durch sie hindurch. Musik ist als ein in sich stimmiges, ganzheitliches Phänomen zu betrachten, das weitaus mehr bietet als die funktional begrenzte Struktur von Sprache. Die Besonderheit von Musik, die sie von der reinen Sprache unterscheidet, liegt in ihrem theologischen Aspekt [Adorno]!

Doch Musik ist bei Luther natürlich auch eine Herzensangelegenheit. Er weiß um die emotionale Kraft und die Wirkung des Singens und Klingens. Luther sagt: "Die Musik ist aller Bewegung des Herzens eine Regiererin. Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Fröhlichen traurig, die Verzagten herzhaft zu machen, denn die Musik."

Dieser anthropologische Aspekt der Musik, die Emotionalität der Musik, das Berührtwerden von Musik (Stichworte: Schall und Haut, Trommelfell), das muss Luther persönlich erfahren haben. Ich glaube nicht, dass Luther sonst sich so positiv immer wieder für Gesang und Musik eingesetzt hätte. Das bedeutet für uns heute übrigens, dass wir, wenn wir es versäumen, Menschen wenigstens die Chance zu geben, Musik und Gesang als etwas Positives zu erleben, wir nicht nur Raubbau an Christologie und Verkündigung des Evangeliums betreiben, sondern auch ihn krank machen!

Wenn zu Luthers Liedern gesprochen werden soll, muss über die Motivation gesprochen werden! Was hat Martin Luther bewegt, Lieder zu schreiben? Luthers erstes Lied war kein Kirchenlied. Es war ein Empörungslied. Aus persönlicher Betroffenheit dichtete er die zehn Strophen von "Ein neues Lied wir heben an". Zwei Augustinermönche, also zwei Kollegen waren am 1. Juli 1523 in Brüssel wegen ihres Glaubens verbrannt worden. Und von dem Märtyrer-Tod, von der Standhaftigkeit ihres Bekenntnisses zu erzählen, diesen Glauben in die Welt zu tragen, davon "zu singen und zu sagen", ein Lied für die Marktplätze, ein Zeitungslied, solistisch vorgetragen, allenfalls mit Klampfe begleitet, das bewog Luther zu seinem ersten Lied. Wittenberg hatte damals [um 1500] etwa 2000 Einwohner und die Marktplätze waren der geeigente Ort, die Neuigkeiten unters Volk zu bringen.

Auch Luthers zweites Lied ist ein persönliches Lied, "Nun freut euch, lieben Christen gmein". Diesmal legt er Rechenschaft über das neu gewonnene Verständnis von Gottes Handeln an uns Menschen ab. Erst mit den folgenden Liedern wendet er sich dem Gottesdienst zu. Und weil Luther mit dem Alten und auf den Alten bauen will, nimmt er sich die geliebten lateinischen Gesänge vor und überträgt sie in die deutsche Sprache, um das Mitsingen zu ermöglichen. Aus dem lateinischen Hymnus "Veni redemptor gentium" gestaltet er "Nun komm der Heiden Heiland", aus der lateinischen Sequenz für Ostern "Victimae paschali laudes" das "Christ lag in Todesbanden", aus der lateinischen Antiphon "Media vita in morte sumus" wird "Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen". Viele Gesänge der katholischen, lateinischen Liturgie werden somit für die Schulen und die Gemeinden neu gefasst. Luther war nicht der erste, der aus lateinischen Gesängen landessprachliche Lieder schuf. Zuvor ließ Jan Hus in Prag Lieder auf tschechisch singen, in Braunschweig schuf bereits Nicolaus Decius deutsche Glaubenslieder.

Aber Luther war der erste, der Psalmen in Strophenlieder umformte; das gab es zuvor nicht. Psalmen wurden auf den gregorianischen Psalmtönen gesungen, für normale Gemeindeglieder war es unerreichbar, diese mitzusingen. Aber als Strophenlied, gegebenenfalls mit einer bekannten, nur wenig umgeformten Melodie, das funktionierte. Eine zusätzliche Motivation könnte für Luther gewesen sein, bei den Psalmübertragungen Christologisches einflechten zu können, gemäß seinem Verständnis, dass die Psalmen und das Alte Testament auf Christus weisen. Beispielsweise im Segenslied "Es wolle Gott uns gnädig sein" im Anschluss an Psalm 67, wo es gleich in der ersten Strophe heißt "dass wir erkennen seine Werk und was ihm lieb auf Erden, und Jesus Christus, Heil und Stärk". Das Lied "Ein feste Burg ist unser Gott" übrigens ist kein Psalmlied, sondern eine Psalmparaphrase; nur die Anfangszeile nimmt Bezug auf Psalm 46, dann entfernt Luther sich von der biblischen Psalmvorlage.

Die ca. 40 Lieder von Martin Luther sind heutzutage nur noch wenig in Gebrauch. Das hat vielerlei Ursachen, z.B. in der kraftvollen, aber heute altertümlichen Sprache und in der Melodik des Hofweisenstils des frühen 16. Jahrhunderts. Die Ursachen sollen aber hier nicht weiter erörtert werden.

Ein kurzes Wort zu den kleinen, handlichen Gesangbüchern, die in der Reformationszeit auch als Werbung für die Sache der Reformation angesehen wurden. Auch hier die Idee der Partizipation. In Genf wurden Tausende Exemplare gedruckt und kostengünstig abgegeben. Der Rat der Stadt unterstützte mit viel Geld, dass jeder Bürger ein Gesangbuch besitzen konnte. Die ersten Wittenberger und Erfurter Exemplare waren Privatinitiativen von Verlegern; sie haben die Autoren und Autoritäten um Hilfe ersucht. Luther schreibt z.B. Vorworte für solche Gesangbücher, um den Absatz dieser Druckerzeugnisse zu befördern. Auch in diesen Vorreden finden sich viele Passagen, die Luthers Haltung zur Musik und zum Singen belegen. Aus dem Wittenberger Gesangbuch von 1524: "Das geystliche lieder singen gut und Gott angeneme sey, acht ich, sey keynem Christen verborgen, die weyl yderman nicht alleyn das Exempel der propheten und könige ym allten testament (die mit singen und klingen, mit tichten und allerley seytten spiel Gott gelobt haben) sondern auch solcher brauch, sonderlich mit psalmen gemeyner Christenheyt von anfang kund ist. Ja auch S. Paulus solchs 1. Cor. 14 eynsetzt und zu den Collossern gepeut, von hertzen dem Herrn singen geystliche lieder und Psalmen, Auff das da durch Gottes wort und Christliche leere auff allerley weyse getrieben und geübt werden.Dem nach hab ich auch, sampt ettlichen andern, zum gutten anfang und ursach zugeben denen die es besser vermügen, ettliche geystliche lieder zusamen bracht, das heylige Euangelion, so itzt von Gottes gnaden widder auff gangen ist, zu treyben und ynn schwanck zu bringen, das wyr auch uns möchten rhümen, wie Moses ynn seym gesang thut, Exo. 15, Das Christus unser lob und gesang sey, und nichts wissen sollen zu singen noch zu sagen, denn Jhesum Christum unsern Heyland, wie Paulus sagt. 1. Cor. 2." Oder wieder verkürzt und neudeutsch: Geistliches Liedersingen ist gut, weil schon die Propheten mit Singen und Klingen, mit Dichten und Saitenspiel Gott lobten, und weil Paulus im Brief an die Kolosser die junge Christengemeinde auffordert, weiterhin Psalmen und geistliche Lieder zu singen, denn es geht um Gottes Wort und die christliche Lehre. Christus sei unser Lob und Gesang, wir sollen nichts anderes singen, als dass Christus unser Heiland sei.

Für Luther zählen die biblischen Belege und Vorbilder, sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments. Doch als oberstes Kriterium zählt nur das Evangelium. Wenn Gesangbücher seit den Zeiten der Reformation als Dokumente der Bildung und Seelsorge eingesetzt worden sind, wenn mit ihnen in den Schulen gelernt und in den Gemeinden getröstet wurde, dann schlagen wir ein Kapitel auf, das immer nur unzureichend beschrieben ist. Dieser Kulturschatz ist unabänderlich mit der Geschichte des Protestantismus verwoben! Um allerdings heute eine Reformation erfolgreich durchzuführen, müssen wir die neuen medialen Wege nutzen. So wie vormals der Buchdruck die Reformation befördert hat, werden neue Ideen heute ohne Internet und Web 2.0 oder 3.0 nicht fruchten.

Ein letztes Zitat, aus einer anderen Gesangbuchvorrede, aus dem Babstschen Gesangbuch von 1545: "Denn Gott hat unser hertz und mut frölich gemacht, durch seinen lieben Son, welchen er für uns gegeben hat zur erlösung von sunden, tod und Teuffel. Wer solchs mit ernst gleubet, der kans nicht lassen, er mus frölich und mit lust dauon singen und sagen, das es andere auch hören und herzu komen. Wer aber nicht dauon singen und sagen wil, das ist ein zeichen, das ers nicht gleubet und nicht ins new fröliche Testament, Sondern unter das alte, faule, unlustige Testament gehöret. Darumb thun die drucker sehr wol dran, das sie gute lieder vleissig drucken, und mit allerley zierde den leuten angeneme machen, damit sie zu solcher freude des glaubens gereitzt werden, und gerne singen. Wie denn dieser druck Valtin Babsts."

Auch hier Klartext: Wer nicht mit Lust vom Evangelium singt, der glaubt die Botschaft nicht. Harter Tobak, nicht wahr? Aber ist das nicht ein Herzensanliegen Luthers und der anderen Reformatoren, dass die Befreiung aus Schuld gerade im Gesang ein lebenswichtiges Echo findet. Wie nahe übrigens das Singen und der Erfolg der Reformationsbewegung gesehen wurden, belegt folgende Anekdote: Der lippische Landesherr Simon V. lehnte die neue Lehre ab und bemühte sich, sie zu unterdrücken. Ein Gleiches forderte der Lemgoer Rat. Seinen Ärger erregten besonders die deutschen Lieder, die von den Evangelischen beim Gottesdienst gesungen wurden. Als der Bürgermeister Conrad Flörke Ratsdiener in die Gotteshäuser schickte, welche die Sänger feststellen sollten, meldeten diese betrübt zurück: "Herr Bürgermeister, sie singen alle", worauf der Bürgermeister rief: "Ei, alles verloren!"

Dieser Beitrag von Kirchenmusikdirektor Christian Finke auf der Kreissynode 5. Mai wurde mit seiner Erlaubnis von Pfarrer Lutz Poetter gekürzt.

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