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16.10.2018

Gedenken an das KZ-Außenlager Lichterfelde
Auszüge aus der Rede an der "Säule der Gefangenen" am 8. Mai 2012

von Pia Kadow (Schülerin am OSZ Bürowirtschaft)

Wie war es möglich, dass KZ-Häftlinge zusammen mit den Zivilbevölkerung gearbeitet haben und transportiert wurden ohne, dass jemand etwas sehen wollte?

Wie konnten Menschen nur so kaltblütig und desinteressiert sein?

Wie war es möglich, dass Menschen damals einfach so erschöpft, erniedrigt, entwürdigt und ermordet wurden?

Wie konnte das alles nur passieren?

Eine einfach Antwort: Die Demokratie ging verloren und mit ihr gingen Freiheit, Menschenrechte, Toleranz und Zivilcourage über Bord.

Wir sind heute hier, um all jener Opfer zu gedenken und uns daran zu erinnern, nicht zu vergessen. Wir tragen Verantwortung für die Aufrechterhaltung unserer Demokratie, wir tragen Verantwortung für die Freiheit, dass jeder Mensch ungeachtet seiner Herkunft, seiner Ansichten sein kann, was er ist.

Für mich und meine Generation ist es unvorstellbar im eigenen Land Diktatur, Demagogie, Krieg und Genozid miterleben zu müssen. Es liegt nicht an mangelnder Empathie, wenn wir sagen: "Es ist schwer nachzufühlen." Demokratie, Freiheit und Frieden sind für uns so selbstverständlich wie Internet, Smartphones und Facebook. Doch dafür gibt es Tage und Veranstaltungen wie diese, um einen Moment innezuhalten und darüber nachzudenken, welche Auswirkungen die Gräueltaten heute, 67 Jahre später, immer noch auf mich, meine Generation, mein Leben, mein Land haben.

Was hat es für Auswirkungen? Wir sind grundsätzlich gegen alles, das auch nur um drei Ecken mit Nationalsozialismus behaftet sein könnte. Wir haben Listen mit "Tabuwörtern". Das Wort "Führer" hat, wenn es für sich alleine steht, immer einen schalen Beigeschmack. Der Begriff "Rasse" ist nur in Kombination mit Hunden politisch korrekt. Wir verbiegen uns und tun alles, um vergessen zu machen, dass Deutschland mal braun war. Aber es ist passiert. Damals waren wir nicht vorsichtig genug, waren unzufrieden, haben uns blenden lassen und heute sind wir übervorsichtig. Die Waage haben wir immer noch nicht gefunden. Auf der einen Seiten schreiben wir Begriffe wie Meinungsfreiheit, Toleranz, Respekt, Gerechtigkeit und Gleichheit auf unsere Fahnen, auf der anderen Seite schränken wir sie ein, indem wir Listen mit Tabuwörtern veröffentlichen. Wir tolerieren Dummheit, aber nicht die NPD. Wir vertrauen darauf, dass Dummheit nicht die Oberhand gewinnt, aber vertrauen nicht darauf, dass Deutschland genug Erfahrungen gesammelt hat, um nationalsozialistisches Gedankengut nicht wieder aufleben zu lassen.

Wir sind hin und her gerissen durch unsere Geschichte.

Durch unsere Geschichte lernen wir. Über ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende sollte die Fassungslosigkeit vorbei sein. Wir wissen alle um die fatalen Fehler, die gemacht wurden, wir kennen das Unrecht. Es geht nicht um vergessen, es geht nicht um leugnen. Jeder einzelne von uns ist dafür verantwortlich, dass Freiheit, Zivilcourage, Toleranz und Gerechtigkeit nicht einfach nur leere Worte sind, die sich auf einem Plakat gut lesen. Es geht um hinsehen und einschreiten. Es geht um verteidigen und unterstützen. Es geht um demonstrieren und nicht alles hinnehmen. Es geht um hinterfragen und eigene Urteile fällen. Das habe ich durch unsere Vergangenheit gelernt.

Welche Lehre haben Sie aus unserer Geschichte gezogen?"

Die Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde bedankt sich bei allen, die durch ihre Spende, ihre Anteilnahme und ihr Engagement die Feierstunde und die Begegnung mit Zeitzeugen 2012 möglich gemacht haben.

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