Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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12.12.2019

Monatsspruch Mai

von Pfarrer E-Mail

Liebe Gemeinde,
wir können es gar nicht oft genug lesen und gesagt bekommen: Gottes Schöpfung ist gut und richtig, alles ist gelungen, was Er ins Sein und ins Leben rief. Der ganze Kosmos mit seinen unzähligen Sonnensystemen, mit der kleinen Erde in unserer Milchstraße ist ein Wunderwerk unseres Schöpfers, das wir immer nur staunend und dankbar bewundern können. Vor der Herrlichkeit seiner Werke, ihrer großartigen galaktischen Ordnung und ihrer unendlichen Ausdehnung können wir uns nur ehrfurchtsvoll verbeugen und Gott als dem Ursprung und Ziel alles Seins die Ehre geben. Gott als den Schöpfer der ganzen Welt zu erkennen – das weitet unseren engen menschlichen Horizont, es sprengt die winzigen Dimensionen unseres kleinen Geistes.

So tut es uns wirklich gut, regelmäßig das Universum zu betrachten. Dieser Blick ins Unendliche bewahrt uns davor, uns und unseren kleinen Planeten Erde ins Absolute zu erheben. Es ist wahr: Gott selbst ist und bleibt unsichtbar für unsere menschlichen Augen. Nur die gewaltige Größe seiner Werke zeugt von der Macht und dem Vermögen des allmächtigen Schöpfers. Der Blick ins Unendliche bewahrt uns daher vor naiver Selbstüberschätzung. Wir merken auf einmal, wie winzig wir Menschenkinder in Wirklichkeit sind und wie kurz unsere Lebensspanne ist: Wir, die wir uns so gerne zu den neuen Herrschern der Schöpfung aufschwingen möchten, wir, die wir glauben, mit unserer Wissenschaft und Technik, unserer Zivilisation und Kultur alles auf diesem Globus beherrschen zu können.

Wir neigen gerne dazu, Gott zum Komplizen unserer kleinteiligen Anschauungen und eigenmächtigen Interessen zu machen. Er soll uns bitteschön garantieren, dass wir Recht haben. Diese Alibiveranstaltung nennen wir gerne "unseren Glauben". Eigene Meinungen, unsere jeweiligen kulturellen und religiösen Überzeugungen sind schließlich das Maß aller Dinge. Es gibt nur zwei Standpunkte: Den eigenen und – den falschen. Das meinen wir zumindest, wenn wir nicht ab und zu eines Besseren belehrt werden. In Wahrheit ist das schlimmster Götzendienst, übelste Rechthaberei. Der fatale Irrtum besteht darin, dass wir unser begrenztes Wissen, unsere lückenhafte Erkenntnis ins Absolute erheben. Damit verweigern wir uns dem wahrhaft Absoluten, wir verweigern Gott seinen unbedingten Anspruch auf uns und unser Leben. Wahre Gotteserkenntnis zeigt uns, wie bedingt und vorläufig unser Menschsein in unseren irdischen Dimensionen ist. Das macht uns demütig und befreit uns von falschen Festlegungen und gefälschten Sicherheiten. Oft sind es gerade unsere besten Erfahrungen und wichtigsten Überlieferungen, die uns den Blick für das Absolute verstellen, also gerade das, was uns heilig erscheint und unsere Identität ausmacht.

Falls es ein Trost ist und zur Klärung beiträgt: Diese menschlichen Probleme sind nicht neu. Schon die junge christliche Gemeinde im Römischen Reich steckte mitten drin in allen Konflikten und Kämpfen, die wir uns vorstellen können. Wir wissen das durch die aufbewahrten Briefe aus dem ersten Jahrhundert, die in unser Neues Testament eingegangen sind. Auch der 1. Petrusbrief ist ein Sendschreiben an die christlichen Gemeinden, doch bitte in allen Auseinandersetzungen einen kühlen Kopf und einen klaren Blick zu behalten.

Auch die ersten Christengemeinden waren eine bunte Mischung aus unterschiedlichen Menschen. Gemeinsam war ihnen allen die Erfahrung, dass sie in Jesus Christus Heil und Hoffnung erlebten, dass die Taufe ihnen ein neues Leben in der Gemeinschaft der Gläubigen schenkte und der Geist Gottes ihnen mächtige Impulse gab. Dennoch kamen diese ersten Christen aus völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Traditionen. Was sie bisher geprägt hatte, welche Bedeutung sollte es in der Zukunft behalten?

Eine große Gruppe der frühen Christen stammte aus der jüdischen Synagoge. Diesen Judenchristen waren Mose und die Propheten in Fleisch und Blut übergegangen. Sie waren beschnitten und lebten nach den Gesetzen des Mose. Für sie war Jesus von Nazareth der Messias, der das Gesetz und die Verheißungen erfüllt. Warum sollte das Gesetz nun nicht mehr gültig sein? Und muss nicht ein Nachfolger Christi sich auch dem Gesetz des Mose unterwerfen und dem Bund der Beschneidung? Schließlich ging es um Reinheit und Gesetzestreue. Judenchristen hatten es manchmal schwer mit den anderen Christen, die aus ihrer Sicht eigentlich immer noch "unreine Heiden" waren.

Wer stärker vom griechischen Geist geprägt war, dem kam es in der Gemeinschaft der Christen mehr auf Gottesdienst und Lehre an. Die Botschaft vom Christus sollte logisch und klar sein, überzeugend nach der Art der großen Philosophen. Altertümliche Beschneidungsrituale und rigide Speisegesetze aus der Frühzeit Israels gehörten für diese aufgeklärte Gruppe nicht zur Lebensordnung der christlichen Gemeinde. Rein oder unrein – wen interessierte das eigentlich noch? Sittenstrenge war überholt. Die lockere Lebensführung in einer griechischen Polis hatte doch auch ihre Reize!

Eine weitere starke Gruppe begeisterte sich für die spürbare Kraft des Heiligen Geistes. Der rief in ihnen großartige innere Erfahrungen hervor, wahre Wunder geschahen mitten in der Gemeinde, Verzückung, Ekstase inbegriffen. Keiner sollte sich Christ nennen, der nicht randvoll war mit diesem explosiven heiligen Geist…

Natürlich gab es auch echte Asketen unter den frühen Christen. Ihr Motto: Nur wer sich konzentriert, der kann voll im Glauben an Christus leben. Jede Ablenkung, jede irdische Zerstreuung ist schädlich. Im Verzicht auf alles Überflüssige zeigt sich unsere wahre Frömmigkeit, daher unsere Abkehr von allem Weltlichen, Irdischen: Kein Alltag, kein Genuss, keine Ehe, keine Kinder.

Zusätzliche Dynamik erhielten alle diese unterschiedlichen Prägungen durch den Faktor Zeit. Diese Zeit schien nämlich knapp zu werden, das Weltende und die Wiederkunft Christi standen angeblich unmittelbar bevor. Bekanntlich blieb die endzeitliche Katastrophe im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung aus. Immer wieder rechneten fromme Christen mit der Apokalypse, wohl auch unser Reformator Martin Luther. Das Bäumchen, das er damals gepflanzt hätte, wäre bald 500 Jahre alt. Schön, dass wir anscheinend noch Zeit haben, die herrliche Schöpfung unseres Gottes zu bestaunen und zu genießen.

Lutz Poetter

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