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26.3.2019

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
Erfahrungsbericht einer Freiwilligen beim ASF

180 junge Frauen und Männer begannen im September 2011 ihren Freiwilligendienst mit ASF. Frederike Moraht ist eine dieser jungen Freiwilligen.

Sie wurde bei einem Entsendungsgottesdienst in unserer Petruskirche zu einem Projekt nach Amsterdam verabschiedet. Hier nun ist ein erster Bericht über Ihre Erfahrungen.

Ganze drei Monate soll ich nun schon hier sein in Amsterdam? Eine neue Wohnsituation, eine neue Arbeit, eine neue Stadt, viele neue Menschen, eine fremde Sprache ließen mir keine Zeit darüber nachzudenken, wie viel Zeit schon verstrichen ist.

Hier nun mein erster Erfahrungsbericht aus Amsterdam, damit ihr mal einen Einblick in meine neue Welt bekommt.

Mein Wunsch, nach dem Abitur nicht sofort zum Studium überzugehen, sondern erst eine Zeit lang praktisch zu arbeiten und das möglichst im Ausland, brachte mich auf die Suche nach einem interessanten Projekt und nach einer passenden Organisation. Im Internet sah ich, dass es sehr viele Wege gibt, ins Ausland zu gehen, doch ASF hat mich mit der Idee, durch Friedensdienste in Ländern, die vom zweiten Weltkrieg besonders schwer getroffen waren, rückblickend ein Zeichen der Versöhnung zu setzen und auch vorbeugend aktuellen Formen von Rassismus und Antisemitismus entgegenzutreten, besonders überzeugt.

Mein Plan stand fest, ich wollte nun unbedingt solch einen Friedensdienst machen. Nach einem Auswahlseminar in Werftphul im Februar stand fest, dass ich ihn ab September in Amsterdam beginnen würde.

Bis zum Vorbereitungsseminar in Hirschluch kam immer mehr Post mit Informationen über das Projekt, das Land, die Leute und die Wohnsituation; das alles machte mich sehr gespannt und ich wollte nun endlich los. Am ersten September war ich dann schon mal weg von zu Hause, doch jetzt noch mal 10 Tage warten bis es nach Amsterdam geht? Sehr motivierend war das nicht, doch am Ende des Vorbereitungsseminars war ich sehr froh, dieses mitgemacht zu haben. Es gab viele interessante Vorträge, viel Auseinandersetzung mit dem Begriff "Aktion Sühnezeichen" und was dahinter steckt, viele Tipps für die verschiedenen Projektbereiche und auch eine Menge Spaß.

Während manche Freiwillige am Ende des Seminars nun eine lange Reise vor sich hatten, waren wir, die Niederlande-Truppe, innerhalb von sieben Stunden und mit einem Koffer mehr (wie soll man bei so viel Gepäck auch noch den Überblick behalten?) am Zielort Amsterdam angekommen. Endlich!

Mittlerweile habe ich mich an die scheinbar allein für Fahrräder und nicht für Fußgänger konzipierte Stadt gewöhnt und setze selbst keinen Fuß mehr auf die Straße. Doch die ersten Tage zuzusehen, nicht von rücksichtslosen Fahrradfahrern umgefahren zu werden, war nicht gerade ein Kinderspiel. Um vor solchen Schwierigkeiten gewarnt zu werden und mit Vorträgen, Führungen und Sprachkursen langsam an die Sitten und Gebräuche dieses Landes herangeführt zu werden, hatten wir die Orientierungstage.

Spannend war natürlich auch die WG, die wir Amsterdamer gleich am ersten Tag beziehen konnten. Für mich war das sehr besonders, da ich vorher noch nie alleine gewohnt habe. Mit welchen Leuten würde ich nun ein Jahr lang Küche und Bad teilen?

Mein erster Schritt in mein Zimmer und ich war geschockt, dann ein zweiter Blick in die Wohnküche und mir fiel die Kinnlade herunter. Ich bin kein pingeliger Mensch, doch der Anblick der Küchenanrichte, die eigentlich schon gar nicht mehr zu sehen war, machte mir Angst. Doch ich sage euch, das ist alles Gewöhnungssache, mittlerweile fühle ich mich in meinem Zimmer und auch in der Küche sehr heimelig. Mit der Ordnung ist es sogar ein wenig besser geworden, seitdem wir Mädchen in der Überzahl sind. Das WG-Leben ist immer sehr "gezellig", wie die Niederländer sagen würden. Es ist irgendwie immer Trubel in der Küche und man lernt dadurch sehr viele niederländische Leute kennen.


Jüdisches Altersheim Beth Shalom in Amsterdam

Neben der WG und der Stadt Amsterdam ist ein großer Teil, der mein Leben hier ausmacht, natürlich meine Arbeit für ASF. Anders als die anderen Freiwilligen arbeite ich in zwei ganz verschieden Projekten. Jeweils zwei Tage, Mittwochs und Donnerstags, bin ich auf der vierten Etage eines jüdischen Altenheims, dem Beth Shalom. Montags und Dienstags arbeite ich bei AMOC, einer Anlaufstelle für obdachlose und drogenabhängige Menschen.

Beth Shalom bietet jüdischen Menschen die Möglichkeit, auch im hohen Alter ein Leben nach jüdischen Regeln zu leben. Besonders bei orthodoxen Juden ist das Leben vom Aufstehen bis zum Schlafengehen von Regeln strukturiert. Weil im Alter so vieles schwerer wird, erfordert das Einhalten der Regeln einen enormen Aufwand, zu dem viele Menschen nicht mehr die Kraft haben. Außerdem gibt es viele Menschen mit Krankheiten wie Alzheimer, die sich ihrer jüdischen Identität nicht mehr bewusst sind. Im jüdischen Glauben macht alles, was nicht der Vorschrift Gottes entspricht, beziehungsweise nicht in der Thora steht, das Leben unrein. Die Regeln werden als Möglichkeit gesehen, ein Leben nach Gottes Wünschen, also richtig, zu führen. Dies gibt vielen Menschen einen höheren Sinn in ihrem Leben. Beth Shalom übernimmt damit eine enorme Verantwortung, denn je bewusster die Menschen die Regeln in ihrem Leben befolgen, desto besser haben sie es nach dem Tod. Jede Handlung, die nicht den jüdischen Regeln entspricht, entheiligt das Leben ein Stück weit. Natürlich gibt es in jeder Religion Menschen, die stärker oder weniger stark gläubig sind und demnach mehr oder weniger Wert auf die Einhaltung dieser Regeln achten.

Ich komme am meisten mit den jüdischen Feiertagen und den Kashrut-Regeln in Berührung. Zum einen wird an jüdischen Feiertagen, die es mengenweise gibt, immer geschmückt und dekoriert, zum anderen sorgen die Tage auch immer für Gesprächsstoff mit den Bewohnern, da sie mir lang und ausführlich erklären, wie und warum dieser Feiertag entstanden ist.

Die Kashrut-Regeln teilen das Essen in das Koshere, das Reine, das Erlaubte und das Unkoshere, "Trefa". Es würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, wenn ich nun ausführlich erklären würde, was diese Regeln beinhalten, deshalb nur grob: es ist verboten, "das Kind in der Milch seiner Mutter zu kochen". Dies bezieht sich auf alle Tiere und bedeutet, dass Fleisch- und Milchkost strikt voneinander getrennt sein müssen. Auch wird das Fleisch auf eine koshere Weise geschlachtet, was heißt, dass Beth Shalom sein Fleisch von einem speziellen, kosheren Schlachter bekommt. Es gibt im ganzen Haus zwei verschiedene Bestecks, sowie Anrichten, die für Milchkost und die für Fleischkost. Um nicht in Verwirrung zu geraten, sind die Teller, Tassen usw. speziell markiert. Schon die Berührung einer "Milchkelle" mit einem "Fleischteller" würde das Besteck, sowie das Essen "Trefa", sprich unrein machen. Nur um euch mal das Ausmaß dieser Regel vor Augen zu führen: Ich habe es schon erlebt, dass eine Anrichte mit einem "Fleischbesteck" in Berührung gekommen ist. Passiert so etwas, wird die Anrichte mit einem speziellen Putzmittel und Wasser über 100 Grad gewaschen und muss dann 24 Stunden unberührt bleiben. Bis es wieder als "kosher" freigegeben wird, muss es von einem höheren Gläubigen geprüft werden.

Dies bekomme ich alles am Rande mit, doch nun noch ein paar Worte zu meinen praktischen Aufgaben in dem Haus. Jeden Morgen leite ich entweder alleine oder mit einer Kollegin die "ontbijt-group", die Frühstücksgruppe. Normalerweise essen die Menschen in einem großen Saal, doch einmal in der Woche kommen sie in einer kleinen Gruppe zusammen, wo wir ihnen vorlesen und Zeit haben, etwas mehr auf die Menschen einzugehen. Des Weiteren bringe ich die Menschen zur Gymnastik, mache Projekte wie klassische Musik hören, helfe ihnen beim Essen, begleite sie ins Krankenhaus, gehe mit ihnen spazieren oder schenke Tee und Kaffee aus. Bei dem Job ist es ziemlich wichtig, sich selbst Aufgaben zu suchen und viel Lust mitzubringen, sich mit den Menschen zu unterhalten. Das ist natürlich am Anfang schwierig, weil man die Sprache noch nicht so gut kann, aber die Menschen sind sehr verständnisvoll und finden sogar Spaß daran, dir richtiges Niederländisch beizubringen. Es gibt viele Leute, die perfekt deutsch können oder jedenfalls deutsch verstehen.


AMOC Zeitschrift Meeleven

Nun zu meinem zweiten Projekt, AMOC. Dies ist eine Anlaufstelle für obdachlose und drogenabhängige Nicht-Niederländer. Im ersten Stock gibt es eine große Teestube und eine riesige Küche. In der Teestube können sich die Obdach-und Hauslosen von 10-17 Uhr aufhalten und umsonst Kaffee und Tee trinken, sowie Brot bekommen. Einmal am Tag wird zusätzlich eine kostenlose Mahlzeit ausgegeben, die wir Freiwilligen kochen. Im Keller gibt es die Möglichkeit zu duschen und Klamotten auszutauschen, des weiteren können sich die Klienten durch kleine Jobs, die wir anbieten, Geld dazuverdienen. Eine Besonderheit von AMOC ist der Gebraucherraum. Hartdrogenabhängige, die länger als fünf Jahre harte Drogen wie etwa Heroin oder Koks einnehmen, können einen Vertrag mit AMOC schließen und dann dort mit sterilen Instrumenten die Drogen konsumieren. Dies schützt die Menschen vor leicht übertragbaren Krankheiten und auch die Menge des Konsums wird kontrolliert, wozu es weniger schnell zu einer Überdosis kommt. Der Gebraucherraum steht unter ständiger Beobachtung von professionellem Personal. Im Fall einer Überdosis kann sofort Hilfe gerufen werden. Der Gedanke von AMOC besteht im ersten Sinne nicht darin, die Menschen von den Drogen wegzubringen, sondern größere Schäden zu verhindern, anders gesagt, den Status quo aufrechtzuerhalten. Menschen, die erst anfangen Drogen zu konsumieren oder nur in geringem Maße Drogen zu sich nehmen, wird nicht erlaubt, in den Gebraucherraum zu gehen, da das ihren Konsum wahrscheinlich steigern würde. Bei Langdrogenabhängigen ist die Sucht jedoch so stark, dass sie ohne einen Gebraucherraum auf der Straße, genauso viel konsumieren würden, wo sie größeren Risiken ausgesetzt sind. Ein Fachwort, das dieses Konzept auf den Punkt bringt ist "Harmreduction".

Ich denke, viele von euch würden mir zustimmen, dass "Harmreduction" zunächst nicht sehr motivierend klingt. Schließlich möchte man den Menschen ja helfen. In den letzten vier Monaten ist mir jedoch etwas klar geworden, was ich am Anfang meiner Arbeit noch nicht verstanden habe. Wir sind keine Ärzte oder Psychologen und wir können den Menschen auch keine Arbeit oder Papiere besorgen, aber wir bieten ihnen ein offenes Ohr und einen Ort, wo sie sich neu orientieren und besinnen und vor allem im Winter aufwärmen können.

Das Haus ist voller Sozialarbeiter aus den verschiedensten Ländern, für viele ist schon das eine Erleichterung. Das Haus bietet auch Raum, um Kontakte zu pflegen oder Freundschaften zu schließen, denn auf der Straße ist das Leben oft sehr einsam. Sieht man genauer hin, gibt AMOC den Menschen mehr als nur die Aufrechterhaltung des Status quo.

Wir haben keine Entscheidungsgewalt über unsere Klienten, aber wir geben ihnen doch gewisse Ratschläge, welche Perspektiven sich für sie in den Niederlanden bieten. Menschen, die weder Englisch noch Niederländisch können, raten wir, sofort wieder in ihr Heimatland zurückzugehen. Es gibt natürlich die unterschiedlichsten Hintergründe, was die Menschen nach Amsterdam geführt hat. Zuzuhören was die Menschen zu erzählen haben, ist eine meiner Aufgaben hier.

Zu den praktischen Tätigkeiten gehören auch administrative Aufgaben, kochen, Kaffee ausschenken, Brot einsammeln mit einem riesigen Lastenfahrrad, Menschen zum Krankenhaus begleiten, die Duschen zu koordinieren, Tickets kaufen und ganz viele verschiedene Aufgaben, die jeden Tag so anfallen.

Ansonsten können wir Freiwilligen und Studenten auch eigene Projekte starten. Ich habe zum Beispiel gerade damit angefangen, Englisch-Unterricht zu geben.

Insgesamt gefallen mir beide Projekte gut, doch manchmal denke ich, dass es mehr Sinn machen würde, nur bei einem Projekt zu arbeiten. In diesem Fall würde ich mir AMOC aussuchen. Es lassen sich einfach leichter Beziehungen zu Menschen aufbauen, wenn man sie statt zwei Mal, vier Mal die Woche sehen kann. Je mehr man bei einem Projekt anwesend ist, desto mehr Verantwortung bekommt man auch. Ich denke, man kann leichter Energie in ein Projekt stecken, als in zwei komplett verschiedene. Abgesehen davon, dass ich mittlerweile schon mein drittes Fahrrad besitze (Menschen, investiert bloß kein Geld in Fahrräder! Dass hier Fahrräder geklaut werden, ist mehr als nur ein Gerücht!) ist alles glatt gegangen. Ich wohne in einem Studentenwohnheim mitten in der Stadt, habe zwei gute Projekte und genieße es, viele neue Leute kennenzulernen. In den letzten Monaten war natürlich vieles neu, doch nun ist die Eingewöhnungsphase vorbei. Trotzdem hoffe ich, dass die nächsten Monate genauso, wenn nicht noch spannender werden als die letzten vier, doch das habe ich ja selbst in der Hand. Ich bedanke mich herzlich bei allen Spendern, die es mir möglich machen, diesen Freiwilligendienst zu leisten, und grüße euch alle aus dem Norden Amsterdams.

Frederike Moraht

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