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16.7.2018

Das Arbeitslager am Ostpreußendamm
Teil 2

von Ulrich Roeske

Im Lager Teltowkanal wohnten die Zwangsarbeiter in drei Holzbaracken mit jeweils fünf Stuben; in jeder Stube standen 20 Doppelstockbetten; über die sonstige Ausstattung der Zimmer mit Schränken, Tischen und Stühlen sagen die Akten nichts aus. Außerdem gehörten zum Lager (siehe Skizze):

Das Lager war für eine Sollstärke von 300 Mann ausgerichtet, seine Bewohner wurden "Arbeitskameraden" (!) genannt. Als durchschnittliche Belegschaftsstärke kann anhand überlieferter täglicher Stärkemeldungen, zumindest für den Zeitraum vom September 1940 bis März 1943, eine Zahl zwischen 230 und 250 Mann angenommen werde. Für den Betrieb und die Unterhaltung des Lagers waren vier Frauen und elf Männer als Lagerpersonal zuständig. Dazu gehörten neben dem Lagerführer und einem Dolmetscher ein Koch, eine Köchin, Schälfrauen, Barackenwärter, Sanitäter, Geräteverwalter, Heizer und Nachtwächter.

Mit Wirkung vom 1. Januar 1940 wurde das gesamte Lagerpersonal einschließlich der Küchenbewirtschaftung vom Sozialamt bzw. Von der Vermögensverwaltung der Deutschen Arbeitsfront (DAF) übernommen; in den überlieferten, archivalischen Quellen wird es von da an auch als "DAF-Gemeinschaftslager" bezeichnet.

Darüber hinaus war die DAF generell zuständig für die "Betreuung" aller im Reichsgebiet eingesetzten ausländischen Arbeitskräfte; ausgenommen waren die in der Landwirtschaft tätigen Arbeitskräfte, die vom Reichsnährstand "betreut" wurden, wobei die Betreuung wohl effektiv mehr eine Überwachung war. Das Wasserstraßenneubauamt blieb aber für den Betrieb des Lagers Teltowkanal sowie für die Verhandlungen und Abrechnungen mit den Firmen zuständig, die das Lager für die Unterbringung ihrer Rüstungsarbeiter nutzten. Von diesen insgesamt 13 Unternehmen – darunter als einziges auch ein staatliches Amt – sollen hier nur solche Betriebe genannt werden, die über einen längeren Zeitraum zwischen 20 und 70 Arbeiter im Lager untergebracht hatten:

  1. C. Lorenz AG, Berlin-Tempelhof
  2. Zeiss Ikon AG Goerzwerk, Berlin-Zehlendorf
  3. Daimler-Benz Motoren GmbH, Genshagen bei Berlin (Tochterfirma der Daimler-Benz AG, Stuttgart)
  4. Elektro-Mechanik Heinrich List, Teltow
  5. Askania-Werke AG, Berlin, mit drei Standorten: Friedenau, Steglitz und Mariendorf
  6. Kreiselgeräte GmbH, Berlin-Zehlendorf
  7. Sendlinger Optische Glaswerke GmbH, Zehlendorf
  8. Luftnachrichten Zeugamt, Teltow

Diese Unternehmen stellten feinmechanische und optische Instrumente sowie Telefon-, Telegrafen-, Foto, Kino- und Rundfunkapparate her. Sie betrieben in der Regel außerdem auch andere Lager, zum Teil auf dem eigenen Firmengelände. Jede Firma hatte pro Kopf und Tag 1,20 RM Unterkunftsgeld an das Amt zu zahlen. Je nach Aufenthaltsdauer der Zwangsarbeiter im Gemeinschaftslager – sie lag bei durchschnittlich 28 Tagen – hatten die Unternehmen sehr unterschiedliche Beträge zu zahlen: Während die Firma Sendlinger z. B. im September 1940 5362,80 RM überweisen musste, hatte eine andere Firma für einen Monat einmal nur 2,40 RM zu zahlen; dies sind jedenfalls die aus den Akten ermittelten Höchst- und Mindestbeträge. Über die Lebensbedingungen im Lager sind in den nur bruchstückhaft überlieferten Akten widersprüchliche Fakten ermittelt worden: Einerseits geht aus einem Inventarverzeichnis hervor, dass 77 Bücher, ein Rundfunkgerät und sogar ein Konzertflügel vorhanden waren, andererseits muss die Verpflegung wohl schlecht gewesen sein, denn bereits im November 1939 führte dies zur "Meuterei und Arbeitsverweigerung" bei tschechischen Arbeitern. Auch über Ungeziefer (Ratten und Wanzen) wurde geklagt.

Weil das Lager wegen Koksmangels nicht beheizt werden konnte, musste es zwischen Mitte Februar und Ende März 1940 stillgelegt und die Bewohner in Notquartieren anderweitig untergebracht werden. In der Nacht vom 17./18. Januar 1943 wurde das Lager durch Fliegerbomben schwer beschädigt. Die enorme Druckwelle drückte die Seitenwände der Baracken heraus und viele Türen und Fenster gingen zu Bruch.
Daraufhin wurde das Lager von Mitarbeitern der bereits erwähnten Dienststelle des "Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt" wieder instand gesetzt.

Die eingangs erwähnte Auflösung des Wasserstraßenneubauamtes Berlin-Teltowkanal und der dann erfolgte Verkauf des Lagergeländes sind die einzigen bisher bekannten Fakten aus dem Jahre 1944, d.h., es ist nicht geklärt, ob das Lager ebenfalls aufgelöst oder von einer anderen Stelle weiter betrieben wurde.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Autor Ulrich Roeske und dem Heimatverein Steglitz

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