Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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13.12.2019

Himmelsgedanken
Zum 100. Todestag von Karl May, Schriftsteller und eigenbrötlerischer Christ

von E-Mail

Karl May um 1906 (Aufnahme: Erwin Raupp; Archiv der Karl-May-Gesellschaft)

Was in heutigen Zeiten Harry Potter ist, das waren für frühere Generationen Winnetou, Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi. Diese Helden haben Kindheiten geprägt. Wie Winnetou in weißem Leder und mit langem schwarzen Haar auf seinem schwarzen Hengst Iltschi, ausgerüstet mit der Silberbüchse, neben seinem Blutsbruder Old Shatterhand reitet, ist Volksgut geworden. Wer die Verfilmungen kennt, hat auch die passende Filmmusik dazu im Ohr.

Und auch der Erfinder dieser Figuren erreichte Weltruhm. Karl May war einer der großen Autoren von Trivialliteratur und galt Jahrzehnte als meistgelesener deutscher Schriftsteller. Die Gesamtauflage seiner Werke erreicht allein in Deutschland über 100 Millionen Exemplare. Seine Werke wurden in über vierzig Sprachen übersetzt. Und er hatte über Generationen auch maßgeblichen Einfluss auf das Bild vom "roten Mann", vom Orient und vom Wilden Westen überhaupt.

Karl May war eine schillernde Figur, mit Rissen und biografischen Brüchen. Und, was heute vielleicht gar nicht mehr so bekannt ist: In fast allen seinen Werken kann man Spuren des christlichen Glaubens finden. Ein Hinweis darauf, worauf er sich auch in den Schwierigkeiten des Lebens stützen konnte. Also nicht nur Wilder Westen, Abenteuer und Phantasie spielten im Leben des Schriftstellers eine Rolle: Auch sein persönlicher Glaube fand immer wieder Eingang in sein literarisches Werk. Immer wieder sind Karl Mays verschiedene Romanhelden bewusste Christen, die sich für Liebe, Pazifismus, Toleranz und die Rechte von Unterdrückten einsetzten. Vieles davon mag uns heute im Rückblick als skurril und auch im Sinne politischer Korrektness eher fragwürdig erscheinen. So konvertiert Winnetou, als Indianer zunächst nicht dem Christentum zugetan, schließlich noch auf dem Sterbebett. Seine letzten Worte lauten: "Schar-Iih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Lebe wohl!"

Karl May wird 25. Februar 1842 in Ernstthal in Sachsen geboren. Er wächst in einer bettelarmen Familie auf, ist nach eigenen Angaben die ersten vier Lebensjahre blind und beschreibt diese Blindheit als Schlüssel zu seinen Büchern: "Nur wer blind gewesen ist und wieder sehend wurde, und nur wer eine so tief gegründete und so mächtige Innenwelt besaß, dass sie selbst dann, als er sehend wurde, für lebenslang seine ganze Außenwelt beherrschte, nur der kann sich in Alles hineindenken, was ich plante, was ich tat und was ich schrieb, und nur der besitzt die Fähigkeit, mich zu kritisieren, sonst keiner!" Die Erziehung durch den Vater, der Analphabet war, ist streng. Er muss viel lesen und wird gezwungen nächtelang Bücher und Abhandlungen abzuschreiben, um sein Gedächtnis zu trainieren.

Gottesstunde

Du rechnest nach der Zeit der Erde
und ahnst noch nichts von Himmelszeit.
Nach welcher Gott wohl rechnen werde,
darüber weißt du nicht Bescheid.
Zwar hast du dem metallnen Munde
die irdschen Zeichen eingeprägt,
doch hörst du nicht die wahre Stunde,
die tief in deinem Innern schlägt.
Durch deine Zeit ward dir geboren
des Lebens ganze, schwere Last;
die wahre Zeit ging dir verloren,
weil du sie nicht begriffen hast.
Nun schmerzt dich manche, manche Wunde,
doch machte keine noch dich klug:
Du hast versäumt die Gottesstunde,
als sie in deinem Innern schlug.
Will's Gott in seiner Gnade geben,
daß sie dir nochmals schlagen mag,
so trittst du in ein neues Leben
an deinem ersten Himmelstag.
Nur lausche, lausche stets der Kunde,
die dir sein Engel abwärts trägt;
versäume nicht die Gottesstunde,
wenn wieder an dein Herz sie schlägt!

aus: Himmelsgedanken.
Gedichte von Karl May, Freiburg i/B. o.J. [1900]

Sein großer Traum ist es, Lehrer zu werden. Ab 1856 besucht er das Lehrerseminar zu Waldenburg. Während dieser Zeit wird er das erste Mal straffällig. In den folgenden Jahren fällt er immer wieder durch Betrügerei auf: Er erschwindelt verschiedene Identitäten, tritt unter falschem Namen als Augenarzt und Seminarlehrer auf. Schließlich wird May verhaftet, muss mehrere Aufenthalte im Gefängnis verbringen und wird zwischendurch außerdem für psychisch unzurechnungsfähig erklärt. Sein Lebenstraum Lehrer zu werden, ist zu diesem Zeitpunkt längst zerplatzt. Dass er trotz seines kriminellen Lebensstils eigentlich kein habgieriger Mensch ist, wird auch an seinem späterem Verhalten deutlich, denn er hinterlässt sein Vermögen einer Stiftung für mittellose Künstler.

Während eines Gefängnisaufenthalts begegnet er dem katholischen Anstaltskatecheten Johannes Kochta. Karl May ist von ihm beeindruckt, sie werden gute Freunde und ihm verdankt er nach eigener Aussage seine innere Wandlung. Auch später gibt es im Leben des Protestanten immer wieder Berührungspunkte mit dem Katholizismus: Er spielt Orgel im katholischen Gottesdienst und schreibt für den "Deutschen Hausschatz", eine katholische Wochenzeitschrift. Mit seinen Reiseerzählungen aus dem Wilden Westen und dem Orient wurde er schließlich so erfolgreich, dass er zu spätem Ruhm und Wohlstand kam. Er schrieb mehr als hundert Erzählungen und über vierzig Romane. Seine jahrelange intensive Lektüre von Reiseberichten trug nun Früchte: In seinen Abenteuerromanen schreibt er anschaulich und durchaus kundig über Länder, die er nie besucht hatte – erst später, als sich mit dem Erfolg auch das Geld einstellte, besuchte er Amerika und den Orient.

Karl May als Old Shatterhand

Karl May war auch ein Träumer und die Heldenrollen, die er erfand, waren ihm immer wieder wie ein Kostüm, in das er hineinschlüpfte und ihm gleichsam zu einer zweiten Identität wurde. Die meisten seiner Abenteuerromane verfasste er in der Ich-Form und suggerierte seinen Lesern damit, dass er all diese Abenteurer wirklich erlebt hat. Um diese Fiktion zu stützen, ließ er sich von einem Büchsenmacher die Silberbüchse und den Henrystutzen anfertigen, die jeder Leser aus seinen Büchern kannte, und er präsentierte neben den Narben aus seinen angeblichen Kämpfen auch Fotos, die ihn als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi zeigten. Seine riesige Leserschaft glaubte ihm und verehrte ihn rückhaltlos. Als der Schwindel aufflog, sah er sich plötzlich heftigen Angriffen durch die Presse ausgesetzt. Seine kriminelle Vergangenheit wurde ans Licht gezerrt, eine Flut von Gerichtsprozessen folgte, seine Ehe ging in die Brüche. Noch im gleichen Jahr heiratete er die Witwe seines besten Freundes.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt waren die Bekanntschaften zu zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten prägend für sein Leben: Sascha Schneider, ein von nationalistischem Gedankengut geprägter Künstler, und die bedeutende Pazifistin Bertha von Suttner. Karl May fühlte sich dem Guten verpflichtet; er wollte Liebe weitergeben, Frieden und Toleranz zwischen den Menschen und Völkern stiften und edel handeln – ganz so, wie seine Romanhelden es immer taten.

Winnetou I, mit fast 4 Mio. Auflage das erfolgreichste Karl-May-Buch.

Am Ende sah er sich als Propheten und Künder einer Vision von einer sich empor entwickelnden Menschheit. Sein christlich-philosophisches Bühnenwerk "Bibel und Babel" – und hunderte frommer Gedichte, die besonders in dem Band "Himmelsgedanken" zusammengetragen sind, geben davon Zeugnis. Oft wird ihm vorgeworfen, sein Spätwerk sei doch eher esoterisch als christlich. Hermann Wohlgschaft, Karl-May-Biograf und katholischer Pfarrer, widerspricht dieser Anschauung. Er weist zwar darauf hin, dass May sich einer mystischen Bildsprache bedient, lässt aber doch keinen Zweifel daran, dass sie von seinem tiefen Glauben an den einen Gott und an Jesus Christus bestimmt sei.

Es war ein Leben, das Höhen hatte, aber auch tiefe Täler durchschritten hat, das schillernd war und tragisch und vielleicht auch widersprüchlich. Am 22. März 1912 spricht er, schon todkrank, in Wien vor knapp dreitausend begeisterten Zuschauern zwei Stunden lang in freier Rede über "Empor ins Reich der Edelmenschen" – über die gefallene Schöpfung und den Kampf gegen das Böse, der vom Edelmenschen (offenbar meinte er den "Wahren Christen") zum Sieg und Ziel, dem Paradies Gottes, geführt werden muss. Acht Tage später stirbt Karl May in seiner Villa "Shatterhand" in Radebeul.

Pfarrer Michael Busch

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