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16.10.2018

Das Arbeitslager am Ostpreußendamm

von Ulrich Roeske

Vor dem Fremdarbeiterlager im 2. Weltkrieg – auf der westlichen Seite des Endes der Berliner Straße. Foto: Brigitte Dachs / Archiv von Michael Scchwarz /www.lichterfelde.wg.am

Etwa 13,5 Millionen Ausländer aus mehr als 20 Nationen arbeiteten im Zweiten Weltkrieg – Stand 1942 – im Deutschen Reich, davon waren 80-90% Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Historiker sprechen vom "größten Fall der massenhaften, zwangsweisen Verwendung von ausländischen Arbeitskräften in der Geschichte seit dem Ende der Sklaverei."

In Berlin mussten im Sommer 1944 etwa 400.000 Ausländer arbeiten. Für sie hatte man ca. 1.000 Barackenlager im Stadtgebiet oder in der Umgebung errichtet. Außerdem gab es Sammellager, z.B. in Schulen, Festsälen, Sport- und Fabrikhallen. Die Zwangsarbeiter waren nicht nur in Fabriken für die Kriegsproduktion tätig, sondern sie wurden in der gesamten Wirtschaft, auch in der Landwirtschaft, in Handwerksbetrieben und in privaten Haushalten eingesetzt.

Zumindest vom Jahre 1942 an war die Fortführung des Krieges undenkbar ohne ihre Arbeitsleistung, denn alle arbeitsfähigen deutschen Männer befanden sich an der Front, sofern sie nicht in ihren Berufen unabkömmlich waren.

Der Begriff "Zwangsarbeit" ist inhaltlich nicht klar umrissen, doch es lassen sich mehrere Gruppen von Zwangsarbeitern bilden, die sich durch ihre Herkunft und durch die Arbeits- und Lebensbedingungen in den Lagern unterschieden:

  1. Ausländische Zivilarbeiter, die bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges im Ausland freiwillig angeworben worden waren. Diese wurden dann zu Zwangsarbeitern, wenn sie nach Ablauf ihrer Verträge infolge der Kriegsverhältnisse nicht in ihre Heimatländer zurückkehren durften, sondern kurzerhand "dienstverpflichtet" wurden.
  2. Deutsche Juden und "Zigeuner"
  3. Kriegsgefangene
  4. Häftlinge, d.h. Häftlinge in Konzentrationslagern (KZ), Arbeitserziehungslagerhäftlinge und Justizhäftlinge. Das Gros der Häftlingszwangsarbeiter stellten die KZ-Häftlinge. In der Wismarer Straße in Lichterfelde-Süd gab es z.B. ein Außenlager des KZ Sachsenhausen, über das mehrfach berichtet wurde.

Gar nicht weit von diesem Lager, auch in Lichterfelde-Süd, an der Berliner Stadtgrenze zu Teltow, befand sich ein anderes Lager, dessen Existenz zwar bekannt ist, aber über seine Geschichte ist bisher nichts veröffentlicht worden. Aus Akten des Landesarchivs Berlin geht hervor, dass dieses Lager ausschließlich der zuerst genannten Kategorie zuzuordnen ist, es befanden sich also zu keinem Zeitpunkt Juden, Häftlinge oder Kriegsgefangene darin. Das Grundstück (8420 Quadratmeter, 170m lang, 55m breit) lag in der damaligen Berliner Straße Nr. 100 (seit 1961 Ostpreußendamm) Heute stehen dort Häuser der Märkischen Scholle Wohnungsunternehmen e.G., die Mitte der sechziger Jahre gebaut worden waren.

Damals gehörte das Grundstück der Ingenieurfirma Havestadt & Contag in Berlin-Wilmersdorf, und diese Namen – Christian Havestadt und Max Contag – sind heimatkundlichen Lesern vielleicht nicht unbekannt, denn beide gelten als die Architekten des Teltowkanals! Die Firma Havestadt & Contag verpachtete das Grundstück für jährlich 4.000 Reichsmark an das Wasserstraßenneubauamt Berlin-Teltowkanal. Nachdem dieses Amt zum 29.02.1944 aufgelöst wurde, verkaufte der Mit-Firmeninhaber Dr. Ing. Christian Havestadt schließlich das Grundstück an die Stadt Berlin.

Vom April - Juli 1939 errichtete das Wasserstraßenneubauamt Teltowkanal (künftig nur: das Amt) mit Sitz in Berlin-Lankwitz, Siemensstraße 60, das hier zu beschreibende Lager; es war das einzige für alle Bauarbeiter der Reichswasserstraßenverwaltung in Berlin. Ursprünglich sollte es nur mit Arbeitern für den eigenen Tätigkeitsbereich belegt werden, d.h. vor allem für den Ausbau der Schleuse Kleinmachnow. Für die Durchführung dieser Arbeiten wurden zunächst sudetendeutsche und tschechische Arbeiter im Lager untergebracht. Die Belegschaftsstärke betrug Anfang August 1939 nur 170 Mann. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ging sie im Oktober 1939, infolge Einschränkung bzw. Beendigung von Bauarbeiten, sogar noch weiter zurück. Einerseits um das Lager überhaupt in Betrieb halten zu können, andererseits um einer Übernahme durch andere Stellen vorzubeugen, wurden vom November 1939 an Plätze für fremde Rüstungsbetriebe vermietet. Die Zahl der wasserstraßen-gebundenen Arbeiter ging im Winter 1939/40 bis auf etwa 40 herunter. Noch im Juni 1942 betonte das Amt, die Unterbringung von Arbeitern aus anderen Bereichen sei nur eine "kriegsbedingte Notlösung", doch faktisch waren im Lager zumindest von 1941 bis 1943 überwiegend Zwangsarbeiter aus anderen Betrieben – die wichtigsten werden später genannt – untergebracht. Das Amt trat also für die Mehrzahl der Lagerbelegschaft nicht als Arbeitgeber sondern nur als Hausherr auf.

Die Belegung mit Zwangsarbeitern aus mehreren Betrieben kennzeichnet das Lager somit als Gemeinschaftslager.

Die gewerblichen, ausländi-schen Arbeiter wurden grundsätzlich in solchen Lagern untergebracht und es war vorgesehen, aber in der Praxis nur selten durchführbar, dass die Angehörigen der einzelnen Nationalitäten in getrennten Baracken wohnen sollten. Aus überlieferten Namenslisten des Gemeinschaftslagers Teltowkanal geht hervor, dass folgende Nationalitäten vertreten waren: Belgier, Bulgaren, Dänen, Franzosen, Italiener, Niederländer, Norweger, Polen, Slowaken und Tschechen (hier wurde bewusst die alphabetische Reihung gewählt, weil die Anzahl der zu diesen Nationen gehörenden Arbeiter nicht bekannt ist; sie dürfte auch ständig gewechselt haben).

Eine andere, wesentlich größere Behörde als das Amt – der "Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt" – beaufsichtigte im November 1941 in Berlin nicht weniger als 43 Gemeinschaftslager! Eins davon lag auch in Lichterfelde-Süd, Osdorfer Straße (ohne Hausnummer, wahrscheinlich zwischen Woltmannweg und Lichterfelder Ring).

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe des "Schlüssels" bzw. im nächsten Monat.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Autor Ulrich Roeske und dem Heimatverein Steglitz

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