ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > März 2012

23.3.2019

Robert Johnson
King of the Delta Blues Singers

von Lutz Poetter

Vor gut 100 Jahren wurde Robert Johnson im Staat Mississippi geboren. Er gilt als der mit Abstand einflussreichste Bluesmusiker seiner Zeit, Generationen von Blues- und Rockmusikern feierten ihn als geniales Vorbild und machten seine Musik unsterblich. Seine Lieder und die Art seines Gitarrenspiels schufen eine besondere Aura, eine Stimmung von Intensität und Perfektion. Wohl jeder heutige Bluessänger, jede aktuelle Bluesband hat Lieder von ihm im Repertoire und erhält so seine Musik am Leben. Robert Johnson selbst wurde nur 27 Jahre alt. Er hinterließ nicht einmal ein Grab. Von ihm existieren nur 29 Tonaufnahmen und zwei Fotografien. Es ist reiner Zufall, dass wir überhaupt etwas von ihm wissen. Spätere Biografen haben Berichte über ihn gesammelt. Viele Erinnerungen seiner Zeitgenossen widersprechen sich, etliche davon sind Mythen und Legenden. Der echte Robert Johnson bleibt ein Geheimnis. Dennoch lohnt sich die Suche nach ihm.

Robert Dodds

Robert kam am 8. Mai 1911 in Hazlehurst zur Welt, einem kleinen Ort im Süden des Bundesstaates Mississippi. Seine Mutter Julia war 36 und hatte schon einige Kinder. Ihr Mann Charles hatte sie einige Zeit zuvor bei seiner hastigen Flucht zurückgelassen. Charles Dodds war in der kleinen Stadt ein wohlhabender schwarzer Einwohner mit zwei Frauen, Landbesitz und einer Möbeltischlerei. Dann geriet er in eine blutige Fehde mit den Gebrüdern Marchetti um seinen Grundbesitz, der weiße Mob wollte ihn lynchen. Charles Dodds rettete sich über die Grenze nach Tennessee, er tauchte unter in Memphis. Um alle Spuren zu verwischen, änderte er auch seinen Namen und nannte sich nun Spencer. Seine jüngere Frau kam mit ihm, Julia blieb mit ihren Kindern zurück in Hazlehurst. Alleingelassen tröstete sie sich mit dem jungen Plantagenarbeiter Noah Johnson, aus dieser Beziehung ging Robert hervor.

Robert Spencer

Als Robert drei Jahre alt war, zog Julia mit ihm nach Memphis zu Charles Spencer, dem Mann, den der kleine Robert für seinen Vater hielt. Sie nahmen seinen neuen Namen an. Bei ihm sollte Robert bleiben, als seine Mutter sich bald wieder auf den Weg machte, um ein neues Glück zu finden. Der kleine Junge war übrig geblieben, anscheinend wollte ihn keiner haben. Er hatte es nicht gut bei Vater Charles. Mit acht Jahren machte sich Robert wieder auf den Weg zu seiner Mutter. Er fand sie in der Nähe von Robinsonville am Mississippi, sie hieß jetzt Misses Willis, ihr neuer Mann Dusty war Anfang zwanzig. Robert durfte bleiben, er ging zur Schule und lernte alles begierig. Dazu gehörte auch die Musik. Seine ersten Musikinstrumente waren Maultrommel und Mundharmonika, später kam die Gitarre dazu. Manchmal fehlte der Schüler Robert Spencer für längere Zeit. Vermutlich besuchte er dann wieder Vater Spencer und eine Schule in Memphis.

Nach dem Abschluss der Hauptschule wartete auf Robert eigentlich die harte Arbeit eines Baumwollpflückers. Er wechselte lieber auf eine Oberschule. Danach hätte er wohl als Angestellter in einem Büro beginnen können. Ein Augenleiden zerstörte ihm diese Aussicht, seine Sehkraft ließ stark nach, keiner würde ihn so haben wollen in einem Büro.

Robert Johnson

Von seiner Mutter erfuhr Robert nun als Jugendlicher, wer sein leiblicher Vater war: Noah Johnson. Robert kannte ihn nicht, aber er wollte wenigstens seinen Namen tragen. Und er wünschte sich selbst eine richtige Familie. Mit 17 Jahren heiratete Robert die 16jährige Virginia in Robinsonville. Ihr erstes Kind war unterwegs, aber es kam tot zur Welt. Auch Virginia starb bei der Geburt. Gerade erst Ehemann und Vater geworden, verlor er an einem Tag beides wieder.

Stop breakin' down

Zur selben Zeit wurde die Musik wichtig für ihn. Robert spielte ganz gut Mundharmonika und ein bisschen Gitarre. Der Junge bewies echten Erfindergeist: Er baute sich ein Gestell für die Bluesharp und hängte es sich um den Hals, damit konnte er beide Instrumente gleichzeitig spielen. Der versierte Bluesgitarrist Willie Brown war sein Nachbar und brachte ihm etwas bei. Als der gefeierte Deltabluessänger Son House in seiner Heimatstadt auftauchte, war Robert von ihm tief ergriffen: Sein Gesang war rau, direkt und ehrlich. Robert folgte dem Bluesduo Brown und House zu allen Auftritten in der Umgebung und hörte wie gebannt zu. So wollte er auch einmal singen und spielen können. Aber der große Son House hielt nicht viel vom kleinen Robert: Als Harmonikaspieler sei er ganz ansehnlich, aber als Gitarrist völlig untalentiert.

Robert verließ Robinsonville in Richtung Hazlehurst. Manche vermuten, dass er sich auf die Suche nach seinem Vater Noah machte. Er fand ihn wohl nie. Dafür traf er das Mädchen Vergie Mae, das bald darauf ein Kind von ihm bekam. Und er lernte die reife Caletta Craft kennen und lieben. Robert sang und spielte den Deltablues im Stil von Son House, unbeirrbar und mit großer Energie. Dann traf er den Bluesmusiker Ike Zimmerman, der sein virtuoses Gitarrenspiel scheinbar übernatürlichen Mächten verdankte. Angeblich sollte er seine Fähigkeiten nachts auf dem Friedhof von einem Voodoo-Geist bekommen haben. Tatsächlich übte Ike tagsüber viel auf dem Friedhof, dort störte es keinen. Robert konnte auf den Grabsteinen eine Menge von Ike lernen – perfekte Gitarrentechnik und große Ausdauer beim Üben. Er begegnete einem neuen Kreis von Musikern und war bald ein gefragter Frontmann bei den Auftritten in den Juke Joints, den Tanzkneipen der Schwarzen am Wochenende.

Ein Jahr später kehrte der junge Bluesman nach Robinsonville zurück und traf sich wieder mit Son House und Willie Brown. Sie waren von seinen Fortschritten überwältigt. "Er setzte sich einfach hin und fing an zu spielen, und als er fertig war, standen wir mit offenem Mund da", erinnerte sich House 30 Jahre später. Die alte Garde der Deltablueser – Charley Patton, Son House, Tommy Johnson und Skip James – hatte ihren genialen Nachfolger gefunden. Der junge Robert Johnson spielte sie alle an die Wand. Sein Gesang und sein Gitarrenspiel waren perfekt aufeinander abgestimmt. Er konnte in Normalstimmung und in Akkordstimmung spielen, er beherrschte alle Zupf- und Anschlagarten und die Bottleneck-Technik, bei der ein Flaschenhals auf einen Finger gesteckt wird, der dann über die Saiten gleitet. In seinen ausgefeilten Kompositionen klangen selbst die bekannten Lieder neu und aufregend. Und Robert hatte etliche neue Bluessongs getextet, die wirklich großartig klangen.

Me and the Devil

Die alten Champions waren nicht frei von Neid und gönnten dem jungen Herausforderer seine im harten Training erworbene Meisterschaft nicht. Dumme Sprüche machten die Runde, alberne Verdächtigungen wurden Robert Johnson untergeschoben. Sein kometenhafter Aufstieg konnte ja nicht mit rechten Dingen zugehen. Hatte nicht Tommy Johnson mal sein Rezept verraten, wie man ohne Mühe unglaublich gut spielen lernt?

"Du musst nur pünktlich um Mitternacht mit deiner Gitarre an der Straßenkreuzung warten. Dann kommt ein großer schwarzer Mann im langen Mantel auf dich zu. Der nimmt deine Gitarre, stimmt sie erst und spielt dann ein Stück darauf. Dann reicht er sie dir zurück – und du kannst plötzlich alles spielen, was du nur willst."

So hieß es nun: Robert Johnson hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Um der beste Bluesmusiker zu werden hat er ihm seine Seele verkauft. Goethes Faust lässt grüßen. Robert widersprach nicht, er beließ es bei diesem Märchen. Er selbst wusste es schließlich besser. War er so großherzig, diese obskure Geschichte nicht als böse Verleumdung, sondern als verkapptes Lob zu sehen?

Love in Vain

Robert Johnson wurde im Mai 1931 20 Jahre alt und heiratete heimlich die deutlich ältere Caletta Craft. Das Paar wohnte zuerst in Martinsville in der Nähe seiner alten Heimat und zog dann nach Clarksdale im Mississippidelta. Caletta bekam eine schwere seelische Krankheit. Robert verließ sie, um bei ihrem Tod nicht dabei zu sein. Mit Anfang 20 war er wieder Witwer. Er würde nie mehr versuchen, sesshaft zu werden und auch nie wieder eine feste Bindung eingehen. Für die letzten Jahre seines Lebens führte er ein ständiges Wanderleben.

I'm a steady rollin' Man

Viele schwarze Bluesmusiker hatten einen festen Broterwerb, meistens arbeiteten sie in der Landwirtschaft. Sie spielten ihre Musik nach Feierabend und am Wochenende. Durch ihren Arbeitsplatz blieben sie eher sesshaft, sie hatten eine Wohnung und ein regelmäßiges Einkommen. Sogar Stars wie Son House lebten so. Robert Johnson hasste die Feldarbeit, er wählte lieber das Leben eines Vollzeitmusikers. Er wollte und musste von seiner Musik leben, also von dem Geld, das ihm seine Zuhörer schenkten. In den nächsten Jahren seines Lebens war Johnson ständig unterwegs und wo immer er Halt machte, spielte er seine Lieder: Tagsüber an Straßenecken und vor Geschäftseingängen, am Abend in Kneipen, den Juke Joints. Er tauchte mit seiner Gitarre in Holzfällerlagern auf und in den Camps der Eisenbahnbauer. Robert Johnson pendelte regelmäßig zwischen den großen Städten Memphis und Helena, er zog durch die kleinen Orte des Mississippideltas. Getrieben von einer außergewöhnlichen Rastlosigkeit hielt es ihn nie lange an einem Ort. Ein Blueskollege, der ihn eine Weile begleitete, sagte: "Du konntest Robert mitten in der Nacht wecken: Los, lass uns hier abhauen! Er stand sofort auf, nahm seine Gitarre und war bereit." Unterwegs sein hieß für wandernde Bluesmusiker trampen, mitfahren, aber ohne Fahrschein und ohne Sitzplatz: Auf einen fahrenden Güterzug aufspringen und irgendwo wieder abspringen, an einer Straßenkreuzung den Daumen raushalten bis ein Lastwagen anhält und man auf der Ladefläche mitfahren kann. Roberts Lieder erzählten von diesem entbehrungsreichen und einsamen Wanderlebenmit Poesie und Perfektion.

Sweet Home Chicago

Als Musiker verstand er es, sein Publikum zu faszinieren. Er war höflich und charmant, spielte gerne auch die Lieder, die seine Zuhörer sich wünschten. Es musste nicht immer Blues sein. Wenn er dabei sein Auge auf ein bestimmtes Mädchen warf, konnte er es für sich gewinnen. Oft fand er so einen weichen Schlafplatz für die Nacht im Bett einer willigen Gastgeberin. Seine zahlreichen Geschwister und Cousins lebten verstreut über die Region, hier hatte er ebenfalls Anlaufstationen. Meistens aber übernachtete er bei einer seiner Geliebten, die ihn immer wieder gerne aufnahmen, wenn er in ihrer Stadt war. Die vielen Frauen und Mädchen wussten wohlweislich nichts von einander. Robert verschleierte seine Wegstationen und Beziehungen durch einen einfachen Trick: Er benutzte immer verschiedene Nachnamen. Eine Dauerbeziehung gab es zu Estella Coleman, deren Sohn er adoptierte: Robert Lockwood Jr.

Robert Johnson kam weit über seine Heimatregion am Mississippi hinaus: Er reiste nach Chicago, er durchstreifte die Staaten Texas, Kentucky und Indiana. Er war in den St. Louis und in New York, sogar in Kanada. Dabei traf er auch viele seiner Blueskollegen, sie alle waren beeindruckt von seiner Kunst unter ihnen Howlin' Wolf, Sonny Boy Williamson, Elmore James und Memphis Slim.

Phonograph Blues

Ende 1936 spielte Robert Johnson seine Songs auf einen Phonographen. Der stand in einem improvisierten Aufnahmestudio in einem Hotel in San Antonio, Texas. Jede Komposition war genau so lang, dass sie auf eine Schallplatte passte. Tatsächlich kamen auch ein paar Robert-Johnson-Songs auf Schellack heraus, sie verkauften sich leidlich. 1937 reiste er zur zweiten Aufnahme nach Dallas, diesmal wurden seine Einspielungen in einem richtigen Studio bei Brunswick Records aufgenommen. Sechs seiner Songs hat Robert Johnson auf Schallplatten erlebt.

An einem Sonnabend Mitte August 1938 spielte Johnson in einem Tanzschuppen in Three Forks, Mississippi. Er flirtete beim Spielen offensichtlich mit einer Frau auf der Tanzfläche, der er schon sehr nahe gekommen war. Allerdings war sie die Ehefrau des Lokalbesitzers. Robert trank Whisky aus einer offenen Flasche. Seine Musikerfreunde hatten ihn davor gewarnt, aber er lachte nur: "Schlagt mir niemals eine Flasche aus der Hand!" In der Whiskyflasche war Gift, der gehörnte Lokalbesitzer hatte es wohl für seinen Nebenbuhler hineingeschüttet. Beim nächsten Song brach der Musiker zusammen. Zwei Tage später endete sein qualvoller Todeskampf.

Ein Arzt stellte einen falschen Totenschein aus. Man begrub ihn auf einem Gräberfeld für Schwarze. Sein Mörder blieb unbehelligt.

Zum Glück überlebte seine Musik durch Robert Jr. und seine Freunde, sie spielten seine Lieder weiter. Seine größten Erfolge hat Robert Johnson allerdings nicht mehr erlebt. Als 1961 seine Aufnahmen aus den 30er Jahren auf einer Langspielplatte veröffentlicht wurden, ging ein Ruck durch die Elite der englischen Rockmusiker: Junge weiße Gitarristen wie Keith Richards und Eric Clapton hörten fasziniert auf die Lieder des toten Deltabluesers und spielten sie mit ihren Rockbands nach. Robert-Johnson-Songs wurden die Initialzündung für das Bluesrevival der 60er und 70er Jahre. Etliche lebende Giganten der schwarzen Bluesmusik haben davon profitiert.

Robert Johnson ist Jahrzehnte nach seinem Tod auch zum Gründer des obskuren "Klub 27" ernannt geworden: Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse – sie alle starben wie er mit 27 Jahren.

Lutz Poetter

Alle Fotos: Wikipedia

Lesen Sie zu diesem Thema auch: