ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > März 2012

22.7.2019

Das Ärgernis des Kreuzes
Gedanken zur Passion

von E-Mail

"Öl auf Leinwand", so lautet oft die Materialbeschreibung neben Kunstwerken. Ganz anders hier: "Holz, Nägel, Elektrokabel, Faden, Nadel, Schnur, 2 Plastikflaschen, Zeitungspapier, Ölfarbe (Braunkreuz), Gips", so lautet die Materialbeschreibung für dieses Objekt.

Was soll das? Soll das eine Kreuzigung sein? Das ist ja scheußlich! So wird es wohl vielen beim Betrachten dieses Werkes gehen.

An Joseph Beuys haben sich zu seinen Lebzeiten, aber auch nach seinem Tod 1986, oft die Geister geschieden. Auf den ersten Blick werden sich viele wohl verständnislos, vielleicht sogar kopfschüttelnd auch von diesem Werk abwenden. Daran sind unsere Seh- und Denkgewohnheiten schuld. Wie viele Kreuzigungsdarstellungen kennen wir in der Malerei, die so schön sind, dass sie uns einen ästhetischen Genuss bereiten. Und unsere Kirchen sind oft zu Museen geworden, zu Pilgerstätten für Touristen und Kunstliebhaber des Barocken, Romanischen oder Gotischen. Werke von Gegenwartkünstlern sucht der Kirchenbesucher meistens vergeblich. So findet sich diese zeitgenössische religiöse Kunst, wie die Skulptur "Kreuzigung" in der Stuttgarter Staatsgalerie - ein Widerspruch in sich. Dabei verstand sich Joseph Beuys selbst durchaus als Künstler mit einer Nähe zum Christentum.

Wie für viele seiner Generation, brachte die Kriegszeit auch für ihn einschneidende Erlebnisse mit sich. Nach seinem Abitur im Jahre 1941 folgte die Ausbildung zum Kampfflieger. Während eines Einsatzes im Zweiten Weltkrieg stürzte er über der Krim ab, wurde schwer verletzt und entging nur knapp dem Tod. Nomadisierende Tartaren pflegten den Bewusstlosen mit ihren Mitteln: Sie rieben ihn mit tierischem Fett ein und hüllten ihn in Filz, damit er Wärme speichern konnte. Diese Erfahrung prägte später seine ganze Kunst. Filz und Fett wurden neben Wachs und Kupfer seine zentralen Materialien. Der Filzhut – Beuys unverkennbares Markenzeichen – überdeckte die nach seiner schweren Verletzung eingepflanzte Silberplatte in der Schädeldecke.

Viele seiner Werke erweisen ihn als Menschen mit spiritueller Tiefe und laden ein zur Reflexion und Meditation. Und deshalb lohnt ein zweiter Blick auf diese Kreuzigungsdarstellung: Auf grob zusammengenagelten Holzstücken stehen zwei schmutzige Flaschen. Zwischen ihnen ist ein kleiner Holzbalken aufgerichtet, an dem mit alten Kabelstücken ein weiteres Holzstück befestigt ist. Am oberen Ende des Balkens sowie auf den Deckeln der Flaschen (auf dem Foto nicht sichtbar) sind Zeitungsschnipsel angebracht, die mit einem rotbraunen Kreuz bemalt sind. Am oberen Ende des Balkens hängt von einem Stück Draht eine Nadel an einem Faden. Das Ganze macht einen dreckigen, wackligen, schäbigen Eindruck.

Die Anordnung der Gegenstände erinnert an die in der Kunstgeschichte immer wieder dargestellte Kreuzigungsszene mit Jesus am Kreuz, unter dem Maria und Johannes stehen. Jedes Element und die verwendeten Materialien scheinen eine symbolische Bedeutung zu haben: Das Kreuz am oberen Ende des Objekts, an der Stelle des INRI-Schildes. Der mit Kabeln befestigte Holzsplitter, der als der Gekreuzigte gedeutet werden kann. Die Nadel erinnert an die Darstellung der Marterwerkzeuge. Die Flaschen sehen aus wie Behälter für Blutkonserven. Die Kreuze, die wie das Symbol des "Roten Kreuzes" aussehen, sind auf Zeitungsschnipsel gemalt (zwei liegen auf den Flaschen; die Kreuze sind auf dem Foto nicht sichtbar). Der Ausschnitt im Zentrum stammt aus dem Wirtschaftsteil einer Zeitung; Wörter wie "Saldo", "zurückgegangen", "Zunahme" sind zu erkennen. Chiffren einer auf Gewinn und Profit ausgerichteten Welt. Der Zettel auf der einen Flasche ist aus einer Verlobungsanzeige ausgeschnitten, auf dem anderen ist mehrmals das Wort "Schuld" zu erkennen. Es handelt sich bei diesem Objekt also nicht um eine zufällige Anordnung und auch nicht um eine Verspottung der christlichen Botschaft. Alle Teile des Objekts tragen Bedeutung und sind im Gespräch miteinander. Durch die einzelnen Teile, das Material und seine Beschaffenheit werden Eindrücke und Gedankenverknüpfungen ausgelöst, die bei längerer Betrachtung immer zahlreicher werden.

Das Kreuz ist das christliche Grundsymbol und verweist an die Kreuzigung Jesu. Die Art der Darstellung, die Joseph Beuys gewählt hat mit der Gedankenbrücke zum Symbol des "Roten Kreuzes", löst aber zugleich Assoziationen zu Krankheit, Tod, Krieg, aber auch Erster Hilfe, Krankenhaus und Heilung aus. Zudem erscheinen die braunroten Kreuze wie mit Blut gemalt. Alle diese Assoziationen lassen sich christlich deuten. Das Objekt ist eine Verdichtung der christlichen Botschaft, umgesetzt mit ungewohnten Materialen und Darstellungsweisen, die zunächst irritieren, bei längerem Betrachten aber neue Verständnisse ermöglichen. Eine wichtige Rolle für ein neues Verständnis bildet die Art des Materials. Es ist sehr "alltäglich", nicht aus der Lebenswelt abgehoben, wie es bei religiöser Kunst durch die Verwendung von kostbaren Materialien wie Gold oder Marmor oft der Fall ist. Nichts ist geschönt und nichts ist "schön". Das Kreuz, das Joseph Beuys darstellt ist roh. Das Rohe, das Zusammengehauene, was hier zu sehen ist, passt nur zu genau zur Wirklichkeit des Kreuzes damals. Da war alles roh, da tat alles weh. Diese Darstellung der Kreuzigung darf uns also vom Material her nicht abstoßen. Die Kreuzigung war abstoßend. Zugegeben: Diese Darstellung ist ungewohnt. Und ohne die Bereitschaft, uns darauf einzulassen, werden wir nichts von der Botschaft dieser Kreuzigungsdarstellung erfahren. Aber das Kreuz ist eben kein ästhetischer Genuss. Das Kreuz ist etwas Schreckliches, das Kreuz mitten im Alltag der Welt. Um die Botschaft vom Kreuz ein Stück zu begreifen, bietet dieses Kunstobjekt eine gelungene Provokation.

Pfarrer Michael Busch