ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Februar 2012

25.3.2019

Gedanken zum Monatsspruch

von Pfarrer E-Mail

Liebe Gemeinde,
spontan vermuten wir: Bei diesem Monatsspruch geht es wohl um christliche Freiheit. Zum Beispiel die Freiheit vom strengen mosaischen Gesetz. Etwa in der Art: "Christen sind frei von religiöser Bevormundung. Christus schenkt uns Freiheit. Es gibt für uns keine bindenden Tabus mehr, keine engherzigen Verhaltensregeln und keine kleingeistigen Vorschriften." Und dann sind da noch die anderen, die man auch als freier Christenmensch irgendwie berücksichtigen muss. Ungefähr so: "Meine eigene Freiheit ist leider nicht grenzenlos, ich muss darauf achten, dass ich andere Menschen mit meiner Freiheit nicht einschränke und verletze." Freiheit und Verantwortung – feine Stichworte für eine ethische Besinnung. Klingt alles prima und richtig, bringen wir es nur schnell hinter uns.

Paulus von Tarsus

Paulus – Gelehrter und Inquisitor

Unser Monatsspruch steht im Brief des Apostels Paulus an die Christengemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth. Hier haben wir einen konkreten Hinweis. Spannender wird es, wenn wir uns die beteiligten Personen genauer ansehen. Da wäre zuerst der Briefschreiber. Paulus entstammte einer strenggläubigen jüdischen Familie aus der kleinasiatischen Hafenstadt Tarsus am Mittelmeer, an der Südküste der heutigen Türkei nahe der syrischen Grenze. Im 1. Jahrhundert war Tarsus ein wichtiges Handelszentrum im Römischen Reich mit einer großen jüdischen Gemeinde um die örtliche Synagoge. Paulus war stolz auf seine Zugehörigkeit zum Stamm Benjamin. Sein Vater vererbte seinem Sohn als Privileg das römische Bürgerrecht und gab ihm auch den jüdischen Namen Saul – nach dem legendären ersten König Israels, der ebenfalls vom Stamm Benjamin war. Später schickte seine Familie den Jungen zur Ausbildung nach Jerusalem. In der jüdischen Hauptstadt studierte Paulus Theologie an der Hochschule des berühmten Lehrers Gamaliel. Paulus wurde Rabbiner und schloss sich der religiösen Gemeinschaft der Pharisäer an. Zu ihnen gesellten sich strenggläubige Juden aus dem gebildeten Jerusalemer Bürgertum, während die elitären Sadduzäer zur Priesterschaft und zum jüdischen Adel gehörten. Paulus nahm seine Aufgabe vorbildlich ernst als Gelehrter der biblischen Überlieferung und der Tora treuer Pharisäer. Er hielt sich konsequent an die Bestimmungen der Gesetze des Mose. Seine hervorragende Begabung sicherte ihm eine steile Karriere in der pharisäischen Organisation und der jüdischen Religionsbehörde. Manche sahen den jungen Gelehrten schon als legitimen Nachfolger des großen Gamaliel, da er sich in einer heiklen Angelegenheit großartig bewährte: Saulus Paulus sollte der gefährlichen Irrlehre der sogenannten "Christen" an ihren Versammlungsorten außerhalb des jüdischen Heimatlandes ein Ende bereiten. Ihr katastrophaler Irrtum bestand darin, dass sie einem bertrügerischen Zimmermannssohn aus Nazareth aufgesessen waren, der sich anscheinend für den Messisas hielt und von römischen Soldaten als Gotteslästerer und Volksverhetzer am Kreuz hingerichtet worden war. Der Spuk hatte damit allerdings noch kein Ende gefunden, denn die Christen behaupteten frech, dass Gott selbst diesen Jesus von Nazareth aus dem Tod zu einem neuen unverlierbaren Leben auferweckt hätte. Angeblich sollte der Gekreuzigte aus dem Grab auferstanden und in den Himmel aufgehoben worden sein. Wo immer Saulus Paulus als jüdischer Inquisitor auftauchte versetzte er die jungen christlichen Gemeinden in Angst und Schrecken. Alle fürchteten Paulus, denn er war äußerst erfolgreich bei der Verhaftung und strafrechtlichen Verfolgung der Christen als Häretiker, also strafbarer Irrlehrer.

Paulus – Diener Christi und Botschafter der Freiheit

Die Karriere des erfolgreichen Inquisitors endete für Paulus plötzlich. Der Bericht des Lukas und Paulus' eigene Erinnerungen können das Ereignis vor Damaskus nicht erklären, es bleibt unfassbar und geheimnisvoll: Paulus sieht vor seinen Augen den auferstandenen Christus. Der, den es nicht geben kann, erscheint ihm und spricht zu ihm. Der Angesprochene fällt zu Boden wie von Blitz getroffen, erschüttert bis ins Innerste von der Macht Gottes. Als Paulus wieder laufen und sehen konnte, hatte er seinen neuen Herrn und seine neue Lebensaufgabe gefunden: Als Diener, Sklave Christi sah er sich von da an. Er war völlig davon überzeugt: Jesus Christus selbst hat ihn zum Botschafter der Guten Nachricht berufen. Der gefährliche Christenverfolger Paulus wurde von einem Tag zum Gesandten der christlichen Wahrheit: Gott hat Jesus als den Messias-Christus gesandt zur Erlösung für Israel. Eine Zeitlang zog sich der neue Apostel zurück aus der Öffentlichkeit. Dann nahm er Kontakt auf mit den Aposteln in Jerusalem. Dort konnte man den Wandel vom Feind zum Freund kaum fassen, es fiel allen schwer, an dieses Wunder zu glauben. Aber der Neue konnte die Skeptiker bald überzeugen. Keiner der Apostel strengte sich dann so an, unermüdliche reiste Paulus in den nächsten Jahren von einer Stadt zur anderen, mehrfach rund um das halbe Mittelmeer. Erst orientierte er sich zu den Synagogen, denn seine jüdischen Brüder und Schwestern sollten das Evangelium erfahren. Paulus erfuhr wenig Zustimmung und viel Ablehnung für diese Botschaft. Er erkannte, dass viele seiner Landsleute nicht bereit waren zum Glauben an Jesus. Völlig überraschend interessierten sich aber Menschen für seine Predigt, die gar nicht zum Volk Israel und seiner Glaubenstradition gehörten. Paulus merkte, dass Menschen aus allen Ländern und Völkern des großen Römischen Reiches offen waren für das Evangelium. Dies konnte nur von Gott selber ausgehen, der Geist Gottes brachte Menschen aus aller Welt zum Glauben an Jesus Christus. Und so gründete Paulus Gemeinden in Kleinasien, Mazedonien und Griechenland, bunt gemischt mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und gesellschaftlichen Klassen.

Apollontempel im antiken Korinth

Eine dieser vielfältigen Christengemeinden lag Paulus besonders am Herzen: Die Gemeinde in der Hafenstadt Korinth. Er hatte sie gegründet, fühlte sich als geistlicher Vater der Menschen dort und blieb immer in Verbindung. So oft wie möglich besuchte er Korinth auf seinen Reisen, zwischendurch gingen Briefe hin und her. Seinen Korinthern fühlte sich Paulus verbunden und nah, auch wenn er sich weit weg aufhielt. Seinen ersten Brief schrieb er ihnen aus Ephesus auf der anderen Seite des ägäischen Meeres, er wartete ungeduldig auf das Ende der Winterstürme und wollte nach Pfingsten auf einem Handelsschiff zu ihnen reisen.

Korinth – Begeisterung und Streit

Wer waren die Christen in Korinth, wie ging es zu in ihrer Gemeinde? Viele unterschiedliche Menschen, viele Begabungen, eine große Begeisterungsfähigkeit und viele verschiedene Ansichten über den Glauben prägten diese lebendige Gemeinschaft in der griechischen Hafenstadt. Paulus zeigte ihnen, was sie eint und zusammenhält: Jede Gabe und Fähigkeit stammt von Gott und alle in der Gemeinde sind Glieder an einem Leib. Deshalb sind alle gleich wichtig und notwendig, keiner soll sich auf sein Können und seine Stellung etwas Besonderes einbilden. Vor Gott macht es keinen Unterschied, ob einer Jude ist oder Grieche, Mann oder Frau, Sklave oder Herr: Wir sind gleich wichtig, gleich geliebt, gleich erlöst. Für uns alle ist Jesus Christus gestorben und auferstanden.

Deshalb sollten auch alle in Korinth gemeinsam das Abendmahl feiern. Was Paulus erfahren hatte, das machte ihn wütend und traurig. Die Korinther Christen trafen sich abends zum Herrenmahl am Auferstehungstag ihres Herrn Jesus. Der Sonntag war damals ein normaler Arbeitstag. Es gab Reiche und Arme, die zur Gemeinde gehörten. Für die Reichen war es üblich, sich schon nachmittags im Versammlungsraum zu treffen. Es gab für sie schmackhaftes Essen und guten Wein, dem man anscheinend gerne und reichlich zusprach. Wenn es dann dunkel wurde, dann kamen auch die anderen Gemeindeglieder dazu. Die Sklaven und Hafenarbeiter von den Docks und aus den Lagerhallen, die Frauen und Kinder von den Marktständen und aus den Werkstätten. Alle, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet hatten, kamen nun müde und hungrig an. Die Wohlhabenden hatten sich inzwischen satt gegessen und waren vom Wein betrunken. "So könnt ihr nicht Abendmahl feiern am Tisch unseres Herrn Jesus Christus!" ermahnte Paulus die ganze Gemeinde. Der Wohlstand und die Freiheit der Reichen von schwerer Arbeit und Mühe wurden zum Ärgernis für die ärmeren Christen in Korinth. Paulus empfahl, alles gleich und gemeinsam zu machen, wie es gerecht ist: "Wartet mit dem Essen, bis alle versammelt sind und dann werden die Speisen und Getränke gleichmäßig unter euch allen verteilt. Dann könnt ihr auch Brot und Wein austeilen im Gedenken an Jesus Christus."

Lutz Poetter