ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > Februar 2012

24.5.2019

Aufgeklärter Absolutismus, deistische Philosophie und religiöse Toleranz
Zum 300. Geburtstag Friedrichs II. Von Preußen

von Torsten Lüdtke

Mit zahlreichen Publikationen, verschiedenen Sondersendungen in Rundfunk und Fernsehen sowie mehreren Ausstellungen wurde der dreihundertsten Wiederkehr des Geburtstages Friedrichs II. Von Preußen am 24. Januar 2012 gedacht. Dabei ist sich die Mehrzahl der Laudatoren in der Würdigung des Preußenkönigs und seiner historischen Bedeutung einig: Friedrich sei es gewesen, der aus dem Königreich Preußen – einem bis dahin unbedeutenden, an der Peripherie Europas gelegenen Land – einen modernen Staat und eine europäische Großmacht geformt habe. Schließlich sei erst nach seiner Thronbesteigung im Jahr 1740 durch die beträchtlichen Gebietsgewinne während seiner Regierungszeit aus dem kargen Land Brandenburg-Preußen, "des heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse", das Königreich Preußen geworden.

So bekannt uns Friedrich II. als König und Feldherr, als Philosoph und Dichter, als Flötenspieler und Komponist erscheint, so viele unbekannte Seiten hat die Persönlichkeit Friedrichs noch aufzuweisen. Besonderes interessant ist auch das Verhältnis, das der König zu den Religionen und Konfessionen pflegte.

Im letzten Regierungsjahr des ersten preußischen Königs Friedrichs I., am 24. Januar 1712, wurde im Berliner Stadtschloss dem Kronprinzenpaar ein Sohn geboren. Friedrich, wie das Kind zu Ehren des Großvaters getauft wurde, war der älteste überlebende Sohn des Kronprinzen Friedrich Wilhelm und seiner Frau Sophie Dorothea. Gemeinsam mit einer älteren Schwester acht jüngeren Brüdern und Schwestern wuchs Friedrich in den Schlössern zu Berlin, Potsdam und Königs Wusterhausen auf. Bereits von frühester Kindheit an wurde Friedrich von seiner Gouvernante, der Madame de Rocoulles, in französischer Sprache erzogen; später erhielt er Unterricht nach einem von Friedrich Wilhelm I. eigenhändig ausgearbeiteten Lehrplan. Seinem Erzieher, dem Hugenotten Jacques Égide Duhan de Jandun, waren durch die Instruktionen Friedrich Wilhelms enge Grenzen gesetzt. Duhan de Jandun sollte den Prinzen zunächst nur in den "nützlichen Fächern", wie im Rechnen, der Geographie und der Geschichte der letzten hundert Jahre unterrichten. Für den strenggläubigen, orthodox-pietistisch geprägten Vater nahm auch das Studium der Heiligen Schrift eine wichtige Rolle ein; diesem räumte der König höchstpersönlich im Stundenplan des Prinzen einen besonderen Platz ein. Dabei zeichnete sich ein auch ein anderer Konflikt ab: während sich der Soldatenkönig am Halleschen Pietismus orientierte, hing der Kronprinz der calvinistisch–reformierten Prädestinationslehre an.

Gemeinsam mit seinen Geschwistern verlebte Kronprinz Friedrich eine freudlose Kindheit und Jugend. Vom Vater immer wieder geschmäht und gezüchtigt, konnte er nur im Verborgenen das Studium von Literatur und Musik betreiben.

Gemeinsam mit einem Vertrauten, dem Leutnant Hans Herrmann von Katte, plante Friedrich die Flucht; doch misslang der halbherzig und dilettantisch vorbereitete Fluchtversuch im Jahr 1730. Friedrich und Katte wurden verhaftet und vor das Kriegsgericht gestellt. Nach dem Rechtsspruch des Tribunals wurde der Kronprinz schließlich auf die Festung Küstrin verbracht, wo auch das Todesurteil gegen Katte vollstreckt wurde. Während der Festungshaft in Küstrin waren dem Kronprinzen weder Bücher noch die geliebte Traversflöte zugestanden worden. Als einzige Lektüre war dem Sohn eine Bibel vom königlichen Vater zugebilligt worden.

1731 kam es zur äußerlichen Wiederannäherung zwischen Vater und Sohn. Noch unter Arrest stehend, leistete Friedrich Dienst in der Küstriner Kriegs- und Domänenkammer und ab 1732 als Inhaber des Infanterie-Regiments von der Goltz in Neuruppin; wo er die Zivil- und Militärverwaltung kennenlernte. Nach der Heirat mit der – vom Soldatenkönig ausgesuchten und ungeliebten – Braut Elisabeth Christine von Braunschweig-Lüneburg-Bevern galt der Konflikt nach außen hin beigelegt und Friedrich wurde als Kronprinz rehabilitiert.

In den Jahren 1733 bis 1740 verlebte Friedrich in Neuruppin und Rheinsberg heitere und unbeschwert Jahre; hier konnte er sich ganz seinen Leidenschaften – der Philosophie, der Literatur, der Kunst und der Musik – widmen. In Rheinsberg vollendete Friedrich auch den "Anti Machiavel", der 1739 anonym und mit fingiertem Druckort La Haye erschien.

Randbemerkung Friedrichs II. zur religiösen Toleranz

Nur ein Jahr später, nach dem Tod Friedrich Wilhelms I., gelangte Friedrich an die Regierung. Wenige Wochen nach Regierungsantritt, am 22. Juni 1740 schrieb Friedrich auf einen Bericht des Fiskalbeamten Uhden die berühmte Randbemerkung "Die Religionen Müßen alle Tolleriret werden und Mus der Fiscal nuhr das auge darauf haben, daß keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Faßon selich werden." (Siehe dazu auch die Abbildung am Rand dieser Seite) Ebenfalls aus dem Juni 1740 datiert die Antwort Friedrichs auf die Anfrage des Generaldirektoriums, ob ein Katholik die Bürgerrechte der Stadt Frankfurt a./ Oder erwerben dürfe: "Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die leute, so sie profesiren, Ehrlige leute seindt, und wen Türken und Heihden kämen und wollten das Land pöpliren [bevölkern], so wollen wir sie Mosqueen [Moscheen] und Kirchen bauen." Neben religiöser Toleranz leiteten Friedrich auch ganz handfeste materielle Gründe; die neuen Einwohner brachten neue Gewerbezweige oder reiche finanzielle Mittel mit.

Mit anderen möglichen Einwohnern Preußens verfuhr Friedrich nicht so großzügig. So wurde die wiederholte Bitte des Philosophen Moses Mendelssohn um Einbürgerung erst von Friedrich behandelt, nachdem der philosophische Freund Friedrichs, der Marquis d' Argens, dem Gesuch Mendelssohns im eigenen Namen einige französische Zeilen beifügte. Die berühmte Nachschrift des Marquis lautet in der Überlieferung Nicolais "Anekdoten vom König Friedrich II. (Berlin und Stettin 1788)": "Un Philosophe mauvais catholique supplie un Philosophe mauvais protestant de donner le privilège à un Philosophe mauvais juif. Il y a trop de philosophie dans tout ceci pour que la raison ne soit pas du côté de la demande." ("Ein Philosoph, der ein schlechter Katholik ist, bittet einen Philosophen , der ein schlechter Protestant ist, um das Privilegium für einen Philosophen, der ein schlechter Jude ist. Hierin steckt zu viel Philosophie, als daß die Vernunft nicht auf Seiten des Gesuches stände." Worauf der König denn das Privileg am 26. Oktober 1763 für Mendelssohn persönlich bewilligte, den Nachkommen aber nicht erteilte.

In der Gegnerschaft zum Hause Habsburg und seinen Verbündeten entstanden satirische und persiflierende Spottschriften, die sich auch altkirchlichen Formen bedienten. So verfasste Friedrich fingierte Hirtenbriefe, wie z.B. den des Papstes Clemens XIII., die seinen militärischen Gegner, den österreichischen Marschall Daun, der Lächerlichkeit preisgaben. Mit dem "Blick von außen", im "Bericht des Phihihu, Sendboten des Kaisers von China in Europa" geißelt Friedrich den Einfluss und das Gebaren der Jesuiten, aber auch die Macht der katholischen Kirche und die Autorität des Papstes allgemein.

Zwischen 1740 und 1763 hatte Friedrich drei Kriege um Schlesien geführt. Der gebildete und aufgeklärte Charakter des jungen Königs der ersten Regierungsjahre war einer tiefen Verbitterung und einem ausgeprägten Zynismus gewichen, und so finden sich in Friedrichs philosophischen oder politisch-historischen Werken zunehmend spöttische und als agnostisch zu bezeichnende Äußerungen. Doch finden sich in den Werken auch genügend Belege, die die genaue Kenntnis der Bibel und die eingehende Beschäftigung Friedrichs mit der Kirchengeschichte deutlich werden lassen. In seinem Werk zu den "Denkwürdigkeiten der Geschichte des Hauses Brandenburg" gibt Friedrich einen – heute natürlich überholten – Abriss der kirchlichen Zustände in der Mark Brandenburg im Mittelalter und der Reformationszeit, der ein eingehendes Studium der Quellen und der Literatur vermuten lässt. Auch sind in den – aus der Verwaltungspraxis stammenden – Randbemerkungen Friedrichs viele Anspielungen auf Bibelstellen oder Stellenzitate zu entdecken. So findet sich auf dem Schreiben eines jungen Pfarramtskandidaten, der sich um eine begehrte Pfarrstelle bewarb, die verdienten Predigern vorbehalten war, als Antwort lediglich "2. Samuelis Cap. 10 Vers 5" ("Und der König ließ ihnen sagen: Bleibet in Jericho, bis euer Bart gewachsen, so kommt denn wieder.").

Am 17. August 1786 starb Friedrich, von Krankheiten und den Entbehrungen der Kriege gezeichnet, in einem Sessel im Schloss Sanssouci. Entgegen dem immer wieder geäußerten Wunsch der Testamente, wonach Friedrich in einer bereits zu Lebzeiten vollendeten Gruft in Sanssouci bei seinen Hunden beerdigt werden wollte, ließ ihn sein Neffe und Nachfolger Friedrich Wilhelm II. in der Potsdamer Garnisonkirche beisetzen.

Erst 1991 wurde dieser letzte Wunsch des Königs erfüllt.