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13.12.2018

Aus tiefer Nacht zum Licht

von Torsten Lüdtke


Pferdegöpel in Johanngeorgenstadt

Die Adventszeit ist die Zeit, in der das Licht in eine dämmernde Welt kommt. Bereits am Nachmittag umgibt Häuser und Straßen eine tiefe Dunkelheit; lediglich das Licht der Straßenbeleuchtung und das Licht festlich geschmückter Fenster erhellen die einbrechende Nacht. In vielen Fenstern sind Lichter- oder Schwibbögen zu sehen, die meist mit bergmännischen Motiven geschmückt sind. Doch woher kommen diese Motive?

Bei meiner Suche stieß ich schließlich auf das Buch des kurfürstlich-sächsischen Bergschreibers Johann Christoph Adam Meurer aus dem Jahr 1780. Foliogroß und Schweinsledergebunden lag das mit zahlreichen Kupferstichen geschmückte Werk vor mir; ich begann zu blättern und zu lesen:

"Auf unserm Obergebirge haben wir hier im erzgebirgischen Creyse eine ziemlich weitläuftige Gegend, welche so wild und rauh ist, daß sie lediglich mit dicker, wilder und finsterer Waldung bedeckt ist. Allein eben hier ist es, wo Volcanus seine rechte Werkstädte aufgeschlagen hat. Die Bergkstädte St. Annabergk, St. Marienbergk, Joh. Georgenstadt und die Hammerwerke: Ober- und Unter-Blauenthal, Schlössel-Unterwiesenthal, Carlsfeld, mit der dazu gehörigen Glashütte und Tannenbergsthal sind insgesammt theils in und theils um diese Wildniß herum belegen…"

So beginnt die Chronik des Bergschreibers Meurer, der uns auch in seine Heimatstadt, die 1654 gegründete erzgebirgische Bergstadt Johanngeorgenstadt führt, und eine Begebenheit aus dem Leben seines Vaters erzählt. Der alte Meurer war als Steiger bei den beiden, in den Jahren 1721/22 erbauten Silbergruben "Hohneujahr" und "Unverhofft Glück" tätig, wo er neben anderem auch für die bergbaulichen Maschinen, die Wasserkünste und Pferdegöpel verantwortlich war. Der Sohn berichtet im 14. Kapitel:

"Es war im eysigkalten Winter des Jahres 1740, daß im gesammten erzgebirgischen Creyse der Schnee in den Tiefen, wo ihn der Wind von den Bergen zusammenführt, fast 50 Ellen hoch lag. Sothane Waldhäuser waren in diesm Winter ganz verschneyet, so daß sich deren Inhaber mit Schaufeln herausarbeiten und Lichtlöcher zu ihren Fenstern hindurchgraben mussten. Am Heyligen Barbaratage, dem Festtage der Patronin der Bergkleute, wurde mein Vater Joachim Friedrich Georg Meurer des Nachmittags, um die vierdte Stunde, in die Gruben gerufen…" –

Wir sehen den Steiger in seiner Festtagsuniform, über die er rasch einen schweren, warmen Mantel geworfen hat, gemeinsam mit dem Laufburschen der Grube aus dem stattlichen Haus am Kirchplatz in die Dunkelheit treten. Mühsam gegen den heftigen Wind ankämpfend, machten sich die beiden Männer mit schweren Schritten, eine Sturmlaterne in der Hand, auf den Weg. Das Licht warf einen schwachen, flackernden Schein in das dichte Schneetreiben des frostigen Winterabends. Die Stadtpfarrkirche, die dem Haus Meurers gegenüberlag, war bei dem fürchterlichen Unwetter nur schemenhaft zu erkennen. Kaum hatten der Steiger und sein jugendlicher Begleiter die letzten Häuser der Stadt hinter sich gelassen, umfing sie völlige Dunkelheit. Nur langsam kamen die beiden Wanderer zu der außerhalb der Stadt am Waldrand liegenden Schachtanlage voran, denn sie mussten sich mühevoll einen Weg durch den knietiefen Schnee und den heulenden Sturm bahnen. Erschöpft und durchnässt erreichten die Bergleute endlich ihr Ziel: das Zechenhaus mit dem angrenzenden Göpelgebäude und der Schachtanlage. Der Steiger pochte an die Tür, aus der ein matter Lichtschein drang. Ein blutjunger Bergknappe öffnete verschwitzt und mit wirren, in das Gesicht hängenden Haaren die rohgezimmerte Holztür. "Gott sei Dank, dass ihr endlich da seid, Herr Steiger. Nun hat unsre Not ein Ende!", rief sichtlich erregt der Junge, "Am Erbstollen steigt unaufhörlich das Wasser… Wir haben alles versucht, doch …"

"Ist gut, mein Junge, ruhe dich nur etwas aus!" Der Steiger hat genug erfahren. Genau das, was er befürchtet hatte, war eingetreten. Schnell legte der ältere Meurer seine Festtagskleidung ab und ließ sich von einem Bergknappen einen Bergkittel, sein Leder und Gezähe geben, um unverzüglich in die Grube einzufahren. Rasch war er am Schachtkopf, wo er eilig den Förderkorb bestieg, um sich in die Tiefe herabbringen zu lassen. Ein Schlag des Fuhrmanns auf den Rücken der am Göpelwerk angeschirrten Pferde sorgte dafür, dass sich die beiden Kaltblüter schwerfällig und schnaubend in Bewegung setzten. Die auf dem Rad befindliche Kette begann sich zu bewegen und der Förderkorb mit dem Steiger verschwand in der Tiefe. Mehrere Minuten vergingen, bis der Steiger mit dem Förderkorb die Tiefe von 140 Metern und damit den Erbstollen erreichte. Mit einem Sprung war er aus dem Förderkorb und stand binnen kurzem im Kreise mehrerer Bergleute, die zu ihm eilten und ihn freudig begrüßten: "Glück auf, Herr Steiger! Ein Segen, dass Ihr gekommen seid!"

Im flackernden Licht der Grubenlampen blickte der Steiger in die ruß- und staubgeschwärzten Gesichter. Mit wenigen, kurzen Worten ließ sich Meurer über den Wasser-einbruch und die bereits unternommenen Maßnahmen vom grubenältesten Hauer Bericht erstatten.

"Was sollen wir nun tun?" fragte ein junger, unerfahrener Bergmann. Anstatt zu antworten, forderte der Steiger nur die vier kundigsten und geschicktesten Bergleute auf, ihm mit ihren Werkzeugen zur Wasserkunst zu folgen. Es dauerte lange Zeit, bis die Bergleute das Wasserrad wie auch die Pumpe, die der Entwässerung der Grube dienten, überholt und wieder in Gang gebracht hatten. Schließlich begann auch das Wasser im Becken des Wasserrades langsam zu sinken.

"Nun müssen wir noch das Röhrenwerk, das das Wasser nach auswärts führt, überprüfen. Wenn dies auch beschädigt ist..." – Doch weiter konnte der Steiger Meurer nicht sprechen, denn ein mächtiges Donnern und Beben unterbrach ihn. Durch die Staubwolke und den mächtigen Luftzug waren fast alle Grubenlampen verlöscht. Nur ein einziges Licht brannte noch und erleuchte gespenstisch die Szenerie. Am Docht des noch brennenden Lichtes entzündeten die Bergleute ihre verlöschten Lampen. Vorsichtig tastend gingen Meurer und die Bergleute zurück zum Fahrschacht. Am Ende des kurzen Stollen angekommen, sahen sie ein heilloses Durcheinander: Haufen von großen und schweren Steinbrocken sowie zermalmte Holzteile lagen verstreut am Grund des Schachts, darüber hingen an der Kette die Reste des zerstörten Förderkorbes.

Was war geschehen? Ein Bergarbeiter, der nahe am Förderschacht gearbeitet hatte, berichteten dem Steiger, was er gesehen hatte: Große Steinbrocken und wohl auch Teile des Schachtkopfes waren in den Schacht abgestürzt und hatten dabei den Förderkorb getroffen.

Entsetzt und erschrocken, von Mutlosigkeit und Verzweiflung gezeichnet, sammelten sich nach und nach die Bergleute um Meurer, den erfahrenen Steiger. Die Zeit verstrich langsam, quälend langsam, für die hilflos unter Tage Eingeschlossenen.

"Hier kommen wir nicht mehr lebend heraus" murmelte – fast unhörbar – ein junger Bergmann, der an seine junge Frau und seine kleinen Kinder dachte. Ein älterer, erfahrener Hauer versuchte diesen aufzumuntern und jenem Mut zuzusprechen. Immer wieder klang es "…nur aufgeben darfst du dich nicht!"

Mit einem Mal ergriff der Steiger das Wort und verkündete laut: "Heute ist Barbaratag. In der Pfarrkirche sitzen sie jetzt wohl schon beim Gottesdienst; doch wird es keine prächtige Mette sein, denn die Kunde, dass wir hier eingeschlossen sind, wird sich von Mund zu Mund und von Haus zu Haus herumgesprochen haben. Wir können hier nur hoffen und ausharren – Gott und die heilige Barbara, deren Namenstag wir heute Abend feiern, werden uns schon helfen!"

"Hoffen und Harren, macht manchen zum Narren" kam es raunend aus einer Ecke, doch Meurer ließ sich dadurch nicht beirren und wiederholte ernst: "So wahr ich hier stehe: Gott und die heilige Barbara werden uns aus unserer Not schon helfen!" Und andachtsvoll setzte er dazu: "Zur nächsten Mettenschicht, dass gelobe ich feierlich, stifte ich einen neuen Leuchter für das Zechenhaus."

Unmittelbar nach dem Unglück begannen Häuer, Zimmerleute und Maurer den brüchigen Schachtkopf und die beschädigte Förderanlage instand zu setzen. Trotz aller Anstrengungen und Mühen gingen die Arbeiten am Mundloch und im Göpelwerk nur zögernd voran. Die letzte Stunde des Barbaratages war längst vergangen und auch die Nacht war bereits vorüber, als ein neuer Förderkorb durch den wiederhergestellten Schachtkopf in die Tiefe gelassen wurde. Im Osten dämmerte das Morgenrot eines schönen und klaren Wintertages herauf, als man den Steiger und die geretteten Bergleute im Zechenhaus inbrünstig ein Dankgebet sprechen hören konnte.


Original Erzgebirgischer Schwibbogen

Der Steiger Meurer hat sein Gelöbnis gehalten. Zur nächsten Mettenschicht schmückte ein neuer eiserner Leuchter, auf dem elf Kerzen befestigt werden konnten, die Zechenstube. Der Bergschmied, der den Leuchter herstellte, hat diesem – auf den ausdrücklichen Wunsch des Steigers hin – die Form eines Schwebe- oder Strebebogens gegeben. Befragte man Meurer, warum der Bergschmied dem Leuchter diese Form geben mußte, so antwortete er: "Der Bogen bedeutet das Mundloch des eingestürzten Stollens und die Kerzen unsere Sehnsucht nach dem Tageslicht. Damit aber dieser Bogen auch einen Bezug zu unserer Grube und zum Weihnachtsfest hat, so sind auch zwei Bergleute und Adam und Eva abgebildet."

Auch wenn die Darstellung des Sündenfalls und der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies heute nicht mehr gebräuchlich ist, so im Schwibbogen noch immer ein Bezug zum Alltag der Bergleute und ihrer Familien lebendig geblieben. Doch die Symbolik geht noch darüber hinaus: So wie sich der Bergmann nach dem Sonnenlicht am Mundloch des Stollens sehnt, so sehnen auch wir uns – und das nicht nur in der Adventszeit – nach Licht und Wärme in der Welt. An dieses Grundbedürfnis will uns der Schwibbogen aber auch jedes andere Licht in der Adventszeit erinnern.

Worterklärungen:

Steiger: ist eine Aufsichtsperson im Bergbau. Er trägt Verantwortung für einen Teil des Bergwerks und die ihm unterstellten Personen.
Häuer [oder Hauer]: bezeichnet einen Bergmann, der Bodenschätze und Gestein löst.
Erbstollen: ist der jeweils tiefste Stollen, der aus einer Grube z.B. das Wasser ableitet.
Leder [auch Arschleder]: ist ein Teil der Schutzkleidung für Bergleute, vorwiegend Nässeschutz, auch verwendet zum Einfahren in das Bergwerk.
Gezähe: ist das bergmännisches Werkzeug, wie Schlägel, Eisen, Keilhaue, etc.

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