ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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19.5.2019

"Ihre Verbindung wird gehalten..."

von E-Mail

Ein Novembermorgen, ich sitze am Schreibtisch, schaue aus dem Fenster. Die Natur hat auf Grau umgeschaltet. Letzte gelbe Blätter klammern sich an den Ästen fest. Ich werfe einen Blick auf meinen Notizblock, auf das was zu erledigen ist. Währenddessen fährt der Computer hoch, nimmt seine Arbeit auf, ohne zu maulen. Auf dem Bildschirm erscheinen Sommerbilder. Einen kleinen Augenblick fühle ich mich wie die Maus Frederik, die Farben und Licht für den Winter gesammelt hat. Ich rufe die E-Mails ab, überfliege sie. Der virtuelle Papierkorb füllt sich mit Versicherungsangeboten, verlockenden Offerten wie ich in kürzester Zeit Millionär werde und Sonderangeboten für Antifaltencremes. Woher kennen die mein Alter? Gut, dass dafür kein Baum sterben musste.

Dann wieder der Blick auf den Notizblock. Anrufe sind zu erledigen. Ich nehme den Hörer in die Hand, tippe eine Nummer. Aus dem Lautsprecher krächzt es: Kein Anschluss unter dieser Nummer. Zweiter Versuch, diesmal mit Brille. Eitelkeiten helfen hier nicht weiter. Es klappt, ich höre ein Freizeichen; leider nur der Anrufbeantworter.

Die nächste Telefonnummer, diesmal ist besetzt. Ja mehr noch, die Stimme am anderen Ende verrät mir sogar, dass der Teilnehmer besetzt ist. Ich lege auf. Fragen steigen in mir auf: Kann ein Teilnehmer besetzt sein? Bisher dachte ich das immer nur von Toiletten, Parkplätzen oder Kinositzen. Vielleicht, so überlege ich mir, handelt es sich hier auch um eine ausländische Telefongesellschaft, die einfach nur die Originalansage zu wörtlich übersetzt hat. So wie bei diesen lustigen chinesischen Übersetzungen von Bedienungsanleitungen ins Deutsche. Egal.

Nächster Versuch. Diesmal muss ich mich durch ein Dickicht von einzutippenden Zahlen kämpfen, wie ein Zugführer, der sich selbst die Weichen stellt. Die Belohnung für diese Anstrengung: am Ende einer gefühlten Ewigkeit stellt sich eine freundliche Dame mit Namen vor und fragt, was sie für mich tun kann. Ich trage mein Anliegen vor, sie arbeitet routiniert ihr Frageraster ab, dann ist auch sie mit ihrem Latein am Ende. Sie verbindet mich weiter. Musik dringt an mein Ohr. Es könnte Mozart sein.

So geht das eine ganze Weile. Drei "kleine Nachtmusiken" später lerne ich wieder eine neue Mitarbeiterin kennen. Ich merke deutlich, wie Unruhe in mir aufkommt. Auch sie kann mir nicht helfen, verspricht aber Abhilfe, verbindet mich weiter. Dann höre ich eine monotone Frauenstimme in einer Endlosschleife, die mir mitteilt: "Ihre Verbindung wird gehalten…Ihre Verbindung wird gehalten..." Am Ende des Telefonats wird doch noch alles gut. Ich lege auf. Eine halbe Stunde ist vergangen.

So richtig vorangekommen bin ich heute noch nicht. Ich schaue auf meine "To do Liste". Artikel für das Gemeindeblatt für den Monat Dezember schreiben, lese ich dort. In Gedanken gehe ich die Personen und Tiere der Weihnachtsgeschichte durch: Maria und Josef, das Jesuskind, Schafe, Hirten und Engel, alles was man so kennt. Mir fällt nichts ein. Irgendwie war alles schon mal.

Wie war doch gleich der Monatsspruch für Dezember? Ich schlage das Buch Jesaja auf und lese: "Gott spricht: Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln."

Wieder geht mein Blick nach draußen ins Novembergrau und dann geht mir wieder dieser Satz durch den Kopf:

"Ihre Verbindung wird gehalten". Das ist mein Lieblingsspruch unter den Telefonansagen, die ich heute Morgen gehört habe. "Ihre Verbindung wird gehalten", das hat was; das ist ein Satz von geradezu theologischer Dimension und viel beruhigender als etwa die Aussage: "Ihre Verbindung wird beendet" oder "Ihre Verbindung wird abgebrochen".

In-Verbindung-Sein. Verbindung halten! Heute in den Zeiten von Internet und E-Mail vielleicht etwas oberflächlicher, unverbindlicher, nicht ganz so aufmerksam, bis hinein in die Sprache. Aber mit mehr Möglichkeiten, schneller, häufiger, gleichzeitig, parallel. Dauerverbunden. Die Älteren stöhnen, sehen nicht den Sinn dahinter, sehen den Untergang des Abendlandes am Horizont aufleuchten, für die Jüngeren ist es eine Selbstverständlichkeit.

Ob Handy oder Telefon mit alter Wählscheibe – im Grunde suchen Menschen immer das gleiche: Andere Menschen, mit denen wir in Verbindung sind. Jeder hat sein Maß, seine Art der Verbindung. Ganz ohne Verbindungen können wir nicht leben, vertrocknen wir am lebendigen Leib. "Menschen sind Beziehungstiere." Seit es Menschen gibt, wollen sie auch die Verbindung zu Gott; suchen sie seine Zuwendung.

Und er lässt sich anrufen, lässt sich bewegen. Er will sich Menschen zuwenden, sich mit uns verbinden. Die Geschichten des Alten und des Neuen Testaments erzählen uns davon. Und in diesen Wochen erzählt uns die Geschichte von der Geburt Jesu von dieser Verbindung. Und wir können das an seinem Leben ablesen, wie Mensch und Gott, Menschengeschichte und Gottesgeschichte verbunden wird, wie Gott festhält an seinem Bund. Wie er festhält an jenem alten Wort, das uns der Prophet Jesaja hineinruft in unsere Advents- und Weihnachtszeit: "Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer." (Jesaja 54,10)

Alt und schön lässt der Spruch uns spüren: Dass Berge zur Seite gehen, dass Hügel weggehen, ist unglaublich, passiert wohl nie. Und noch unglaublicher, noch ausgeschlossener, noch unmöglicher ist, dass Gott seinen Bund mit uns aufhebt, dass er die Verbindung zu uns kappt. Das passiert nicht. Gott will unbedingt unter allen Umständen die Verbindung mit uns, und er hält sie auch. Das ist Gottes große – im wahrsten Sinne der Wortes – Verbindlichkeit. Er hält Verbindung. Die Verbindung wird gehalten. Wie beruhigend!

Wieder geht mein Blick nach draußen ins Grau. "Welche Farbe hat ein Telefonanruf? Kann eine SMS fliegen? Wie schnell ist eine E-Mail? Atmet ein Brief? Liebt ein Zettel?" Merkwürdige Fragen schießen mir durch den Kopf. Aber sie erinnern mich an das Wesentliche, an das Wichtigste am Schluss. Sie erinnern mich an den Mehrwert der Verbindungen. Sie erinnern mich an das so "Vielmehr", das ab und zu inmitten der normalen Alltagsverbindungen aufleuchtet, uns beseelt und erzählt von Liebe, Vertrauen, einem Netz, das uns trägt, von einem Bund, der uns umgibt, von Händen, die tragen, von Frieden, der wächst, von Freundschaft, die hält – von der Schönheit, der Würde von Verbindungen, von Jesus, dem unermüdlichen Brückenbauer, von Gott, der sich uns mitteilt, sich verschenkt, uns heil macht.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit

Ihr Pfarrer Michael Busch