ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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26.3.2019

Gedanken zum Monatsspruch

von Pfarrer E-Mail

Liebe Gemeinde,
wir rechnen Nahum zu den kleinen Propheten der jüdischen Bibel. Sein Buch der Weissagung hat nur drei kurze Kapitel. Nahum gehörte vor 2.600 Jahren zum Südreich Juda. Er war also ein Zeitgenosse des gut bekannten Jeremia, der in seinem langen Prophetenleben immer wieder das Wort Gottes an sein Volk ausgerichtet hat. Dagegen wissen wir nichts über diesen Nahum. Sein Name bedeutet "Tröster", das kann man symbolisch verstehen. Als sein Herkunftsort ist Elkosch angegeben. Aber auch das ist rätselhaft, denn man findet einen Ort dieses Namens auf keiner antiken Landkarte.

Nahums Prophetenbuch enthält Weissagungen über eine Stadt, die fast 1000 km von Jerusalem entfernt war. Der Prophet kündigte den Untergang dieser Stadt an.

Ninive

Ganz im Norden des Zweistromlandes am Ufer des Tigris lag die Stadt Ninive. Eine Göttin soll sie einst gegründet haben in mythischer Vorzeit. Tatsächlich gab es Ninive schon 4.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung als befestigte Stadt. Mit dem Aufstieg Assyriens zur Großmacht wuchsen auch Bedeutung und Ausdehnung Ninives. Stand sie am Anfang noch im Schatten der ersten Hauptstadt Assur, so stieg sie im siebenten Jahrhundert v. Chr. zur Kapitale auf: König Sanherib verlegte seine Residenz von Assur nach Ninive. Zuvor war die neue Hauptstadt großartig ausgebaut worden. Doppelte Stadtmauern und zahlreiche Türme schützten die Metropole am Tigris. Der König ließ innerhalb prachtvolle Paläste und üppige Gärten errichten. Die Wasserversorgung der antiken Großstadt erfolgte über einen Staudamm und einen 80 km langen Kanal. Unter König Assurbanipal erlebte Ninive einen weiteren Aufschwung, die Stadt wurde abermals erweitert und war nun der absolute Mittelpunkt des allmächtigen assyrischen Reiches. Auf dem Höhepunkt seiner Expansion erstreckte sich das Weltreich Assur vom armenischen Bergland bis zum Mittelmeer, vom Persischen Golf bis zum Nil, es schloss Babylon und Elam, Medien und Südanatolien, Kilikien, Syrien, Palästina sowie Ägypten und Nordarabien ein.

Assurs Macht

Wie haben die Nachbarvölker und unter ihnen die Juden im Heiligen Land die Herrschaft Assyriens erlebt? Kein Land konnte unabhängig in Freiheit neben dem mächtigen Assur existieren. Es blieben nur zwei Formen der Unterwerfung übrig: Entweder zahlte ein Land als Vasall freiwillig einen hohen Tribut an die assyrischen Könige oder es wurde durch militärische Gewalt dazu gezwungen und als Provinz dem mesopotamischen Großreich angegliedert. Assur duldete keinen Widerstand, jede Freiheitsbewegung wurde als Rebellion blutig niedergeschlagen. Verwüstung, Deportation, Versklavung, Zwangsumsiedlung großer Teile der Bevölkerung, Austausch der einheimischen Könige durch assyrische Gouverneure –: die Diktatoren von Euphrat und Tigris beherrschten die tödliche Kunst des Krieges und der Macht perfekt. Im 8. Jahrhundert wurde das Nordreich Israel bei einem assyrischen Feldzug ausgelöscht. Das Südreich Juda überlebte zuerst als Vasallenstaat Assyriens, versuchte dann aber, sich mit ägyptischer Hilfe vom fremden Joch zu befreien. König Sanherib und seine Armeen eroberten und plünderten die Städte Judas, zahllose Männer, Frauen und Kinder wanderten als Sklaven ins Exil. Dann wurde auch Ägypten schwer bestraft: Assyrische Truppen eroberten und zerstörten im Jahr 663 die Stadt Theben vollständig. Der Prophet Nahum aus dem Südreich Juda kannte das Schicksal Thebens. Auch er fürchtete die Macht der unumschränkt herrschenden assyrischen Könige in ihrer Residenz Ninive. Trotzdem wagte er öffentlichen Widerspruch und verkündete drastische Wehrufe: Die mächtige Stadt und ihre Herrscher würden fallen. Menschliche Könige vermögen nämlich nichts gegen den lebendigen Gott Israels. Er hatte ja sein Volk schon einmal befreit aus der Hand eines allmächtigen Herrschers und seiner Armee. Unter der Führung des Mose durften die Kinder Israels ausziehen aus der Sklaverei des Pharao. Die Macht der Könige wird begrenzt durch die Herrschaft Gottes. Wer auf ihn hofft und ihm vertraut, dem ist er eine Burg in der Not.

Ninives Fall

Im August des Jahres 612 v. Chr. fiel die Stadt Ninive durch einen Ansturm der vereinigten Armeen der Meder und der Babylonier. Ninive wurde völlig zerstört und danach nie wieder aufgebaut. Ihre Ruinen blieben ein Mahnmal für die Vergänglichkeit menschlicher Macht. Für die unterdrückten Völker im Einflussgebiet des Zweistromlandes änderte sich allerdings nicht viel. Es wechselten nur die Herrscher auf dem Thron, die Vasallenvölker blieben dieselben. Babylon als Nachfolger Assurs stieg zur Großmacht auf. König Nebukadnezars Truppen marschierten in Juda ein, in zwei Wellen wurde die Bevölkerung ins Exil nach Babylon deportiert. Jerusalem wurde schließlich erobert und zerstört. "An den Wassern Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten", so begann eines der Klagelieder exilierter Juden.

Diaspora

Das Machtmonopol Babylons wurde vom Großreich der Perser beendet und abgelöst. Alexander eroberte Persien und dehnte sein Reich von Ägypten bis nach Indien aus. Seine Diadochen teilten das Riesenreich unter sich auf. Später folgte die Herrschaft Roms rund um das Mittelmeer. Die Juden waren niemals wieder Herren im eigenen Land, die Blütezeit unter David und Salomo war für immer vergangen. Zur Zeit Jesu war das Heilige Land eine kleine römische Provinz, alle politische und militärische Gewalt ging vom römischen Statthalter aus. Es waren römische Truppen, die Jerusalem im Jahr 70 nach einem Aufstand zerstörten. Vom Tempel blieb nur eine einzige Mauer übrig. Die Überlebenden des Volkes der Juden wurden über die halbe Welt verstreut. In den meisten Gastländern trafen die Nachkommen auf Könige und Herrscher, die gewalttätig und machtbesessen waren. Am schlimmsten litten jüdische Menschen in ganz Europa unter dem mörderischen deutschen Diktator im 20. Jahrhundert. In Hitlers Dritten Reich wurde ein Großteil der jüdischen Bevölkerung ausgerottet. Gegen Konzentrationslager und Gaskammern schien auch der rettende Gott machtlos zu sein. Keine Burg in der Not, wohin man auch blickte. Umso größer erscheint heute die Kraft des Glaubens, dass auch in der tiefsten Verzweiflung jüdische Menschen an der Gnade und Barmherzigkeit Gottes festhielten. So wie sie heute mit aller Kraft am neuen Staat Israel festhalten – dem Land ihrer Väter und dem jüdischen Heimatland des dritten Jahrtausends. Hoffentlich in Frieden und Selbstbestimmung. Schon der Prophet Nahum hat davon geträumt.

Lutz Poetter