ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.7.2019

"Können wir heute noch etwas anderes als nur schweigen?"
Auszüge aus der Predigt am Bußtag, 16. November 1938, in Berlin-Dahlem (Lukas 3, 3-14)

von Helmut Gollwitzer

Wer soll denn heute noch predigen? Wer soll denn heute noch Buße predigen? Ist uns nicht allen der Mund gestopft an diesem Tage? Können wir heute noch etwas anderes als nur schweigen?

Was hat nun uns und unserem Volk und unserer Kirche all das Predigen und Predigthören genützt, die ganzen Jahre und Jahrhunderte lang, als dass wir nun da angelangt sind, wo wir heute stehen? Was muten wir Gott zu, wenn wir jetzt zu ihm kommen und singen und die Bibel lesen, beten, predigen, unsere Sünden bekennen, so, als sei damit zu rechnen, dass Er noch da ist und nicht nur ein leerer Religionsbetrieb abläuft!

Ekeln muss es ihn doch vor unserer Dreistigkeit und Vermessenheit. Warum schweigen wir nicht wenigstens? Ja, es wäre vielleicht das Richtigste, wir säßen heute hier nur schweigend eine Stunde lang zusammen, wir würden nicht singen, nicht beten, nicht reden, nur uns schweigend darauf vorbereiten, dass wir dann, wenn die Strafen Gottes, in denen wir ja schon mitten drin stecken, offenbar und sichtbar werden, nicht schreiend und hadernd herumlaufen: wie kann Gott so etwas zulassen? – ach, wie viele von uns werden’s dann ja tun und in ihrer Blindheit keinen Zusammenhang sehen zwischen dem, was Gott zulässt, und dem, was wir getan und zugelassen haben. …

Wer Gott gegenüber seine Schuld nicht mehr eingestehen kann, der kann sie auch bald den Menschen gegenüber nicht mehr eingestehen. Da beginnt dann der Wahnsinn, der Verfolgungswahn, der den anderen verteufeln muss, um sich selbst zu vergöttern. Wo die Buße aufhört, ist es auch mit der Humanität zu Ende, da muss die Gemeinschaft zerbrechen… "Ihr Otterngezücht!" – so wird ein ganzes Volk angeredet. Würde der Täufer Johannes heute den gleichen Ruf erheben, so würde er wahrscheinlich als Landesverräter verschrien und sicher würde sich in der evangelischen Kirche eine Einheitsfront finden, die ihn als Volksschädling und als Schädling der Kirche verurteilt und die Beziehungen zu ihm abbricht…Es steckt ja in uns allen, dass man erleben kann, wie biedere Menschen sich auf einmal in grausame Bestien verwandeln; wir sind alle daran beteiligt, der eine durch die Feigheit, der andere durch die Bequemlichkeit, die allem aus dem Wege geht, durch das Vorübergehen, das Schweigen, das Augenzumachen, durch die Trägheit des Herzens…

Was sollen wir denn tun? Zur Antwort rückt dir der Täufer Johannes im Augenblick der Vergebung deinen Nächsten vor die Augen… er hat nicht, was du hast. Du hast zwei Röcke, er hat keinen, – du hast zu essen, er hat nichts mehr, – du hast Schutz, er ist schutzlos, – du hast Ehre, ihm ist sie genommen, – da hast Familie und Freundschaft, er ist vereinsamt, – du hast noch etwas Geld, er hat keins mehr, – du hast ein Dach überm Kopf, er ist obdachlos. Außerdem ist er dir noch ganz preisgegeben, deiner eigennützigen Gewinnsucht (erkenne dich im Beispiel der Zöllner!) und deinem Machtgefühl (erkenne dich heute im Beispiel des Soldaten!) … Nun wartet draußen unser Nächster, Not leidend, ehrlos, hungernd, gejagt und umgetrieben von der Angst um seine nackte Existenz, er wartet darauf, ob heute die christliche Gemeinde wirklich einen Bußtag begangen hat. Jesus Christus wartet darauf!

Quelle: Zuspruch und Anspruch. Predigten, München 1954, S. 36ff

Die Bußtags-Predigt hielt Helmut Gollwitzer in Reaktion auf die brennenden Synagogen der sogenannten "Reichskristallnacht".